Wie kam das Werkzeug der Neandertaler in die Bärenhöhle am Monte Generoso?
Eine neue Studie untersucht die in der Grotta dell’Orso am Monte Generoso gefundenen Steinwerkzeuge und geht von einem tragbaren Werkzeugset durchziehender Jäger aus.
Die alpinen Höhlen, die während des Pleistozäns von Höhlenbären (Ursus spelaeus) bewohnt wurden, ermöglichen einen einzigartigen Einblick in das prähistorische Leben unter extremen Umweltbedingungen.
Zu den höchstgelegenen und abgelegensten Fundstätten Europas zählt die Grotta dell’Orso (auch Caverna Generosa genannt), eine 70 Meter lange natürliche Höhle an den Hängen des Monte Generoso auf italienischem Gebiet. Entdeckt wurde sie im Mai 1988 von den Tessiner Höhlenforschern Francesco Bianchi-Demicheli und Sergio Vorpe.
Die Höhle liegt auf 1450 Metern Höhe. Im Lauf der Jahre wurden dort rund 40’000 Knochenfragmente von Bären und anderen Säugetieren sowie sechzehn Steinwerkzeuge freigelegt.
Letzteren ist eine kürzlich im Journal of Quaternary Science erschienene Studie gewidmet, die von der Universität Ferrara in Zusammenarbeit mit der Staatlichen Universität Mailand durchgeführt wurde. Sie erlaubt neue Einblicke in das Verhalten der Neandertaler in dieser Gegend.
Ein sporadischer Besucher
Radiokohlenstoffdatierungen von Bären- und Murmeltierknochen aus der Höhle deuten darauf hin, dass Neandertaler die Höhle zwischen 50’000 und 40’000 Jahren vor unserer Zeit aufgesucht haben – in der letzten Phase vor ihrem Aussterben in Europa.
Zu jener Zeit war ein Grossteil des heutigen Schweizer Gebiets von Gletschern bedeckt. Südlich der Alpen ragten nur wenige Felsmassive aus dem Eis heraus, darunter der Gipfel des Monte Generoso und der Monte Tamaro.
In dieser unwirtlichen Umgebung ist die Anwesenheit der Neandertaler im Gebiet des Monte Generoso zu verorten. Wie der Paläoarchäologe und Forscher Davide Delpiano von der Universität Ferrara erklärt, handelte es sich dabei um einen Durchgangsort: «Es konnte festgestellt werden, dass fast ausschliesslich gebrauchsfertige Werkzeuge vorhanden sind und keinerlei Hinweise auf Abschlagtätigkeiten in der Höhle», so der Experte.
«Diese Daten sprechen für eine sporadische und kurzzeitige Nutzung – möglicherweise im Zusammenhang mit der Suche nach Ressourcen in der Höhe, sei es nach Nahrung wie Tieren oder Pflanzen, sei es zur Überquerung der Alpenkette.»
In der Vergangenheit wurde vermutet, Neandertaler hätten eine besondere Anpassungsfähigkeit an Umgebungen im Hochgebirge entwickelt. Zunehmend weisen jedoch wissenschaftliche Befunde auf das Gegenteil hin.
Zum Beispiel die Analyse der chemischen Zusammensetzung der Werkzeuge, die auf die Verwendung von Rohmaterialien aus tieferen Lagen schliessen lässt, vor allem von Kieselgestein. Es handelte sich demnach um ein leichtes, vielseitiges und gut transportierbares Werkzeugset.
Der Neandertaler und der Bär
Welches Verhältnis bestand zwischen Bären und Neandertalern in diesen alpinen Räumen? Diese Frage wird heute in der Forschung kontrovers diskutiert.
Während in anderen vergleichbaren Fundstellen im voralpinen Raum Hinweise auf die Nutzung von Bärenfleisch und -fell gefunden wurden, gibt es in der Grotta dell’Orso bislang keine eindeutigen Belege dafür.
«Der einzige mögliche Hinweis ist ein Fragment eines verbrannten Knochens, das in einer Bodenprobe entdeckt wurde – zu klein, um festzustellen, ob es von einem Bären oder einem anderen Tier stammt», sagt der Experte.
Dennoch ist heute klar, dass die Höhle in erster Linie das Territorium der Bären war. «Die demografische Zusammensetzung der Überreste», so Davide Delpiano, «entspricht einer natürlichen Sterblichkeit während des Winterschlafs, da vor allem Jungtiere vertreten sind.» Das bedeutet, dass die tausenden Knochenreste nicht auf ein Massaker durch Menschen zurückzuführen sind.
Angesichts der Abgeschiedenheit der Höhle ist vielmehr davon auszugehen, dass sie als geschützter Ort diente, «an dem die Weibchen – die den Grossteil der erwachsenen Tiere ausmachten – ihre Jungen aufzogen und während des Winterschlafs zur Welt brachten, geschützt vor den potenziell aggressiven Männchen».
Die Neandertaler lebten demnach nicht in direktem Kontakt mit diesen Tieren. Wahrscheinlich nutzten sie die Höhle vielmehr als Unterschlupf während der Sommermonate, wenn die Bären abwesend waren.
Die wenigen zurückgelassenen Funde reichen dennoch aus, um die bemerkenswerten Anpassungsfähigkeiten unserer fernen Verwandten an diese schwierigen Umweltbedingungen aufzuzeigen.
Übertragung aus dem Italienischen mithilfe der KI Claude: Janine Gloor
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