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Wie Lawinen die Gletscherschmelze bremsen

Gletscher
Laut einer Studie der WSL stammen 11% des Schnees, der sich auf den Alpengletschern ansammelt (im Bild der Fieschgletscher in der Schweiz), aus Lawinen. Keystone / Christian Beutler

Laut einer internationalen Studie ermöglichen Lawinen vielen Gletschern in den Alpen und weltweit, die Klimaerwärmung länger zu überstehen. Das Abschmelzen des Eises wird verlangsamt.

Sie kommen plötzlich, sind spektakulär, aber oft auch tödlich: Lawinen gehören zu den grössten Naturgefahren im Alpenraum und in den Berggebieten. Sie können Gebäude, Strassen und Personen, die abseits der Pisten Wintersport betreiben, mitreissen.

Allerdings haben sie nicht immer nur zerstörerische Auswirkungen. Lawinen sind entscheidend für das Überleben vieler Gletscher, die aufgrund des Klimawandels vom Verschwinden bedroht sind. In einigen Regionen stammt mehr als ein Fünftel des Schnees, der ihre Oberfläche bedeckt – und ihr Abschmelzen ausgleicht – von Lawinen.

Zu dieser Erkenntnis kommt eine internationale StudieExterner Link unter der Leitung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und LandschaftExterner Link (WSL) in Davos, die erstmals die Auswirkungen von Lawinen auf die rund 200’000 Gletscher der Erde quantifiziert hat.

Die Analyse basierte auf Satellitenmessungen und Modellen, welche die Entwicklung der Gletscher und die Bewegung der Schneemassen berechnen.

«Lawinen sind beeindruckende und gefährliche Phänomene. Bislang hatten wir keine Vorstellung von ihrem Einfluss auf Gletscher», sagt Marin Kneib, Glaziologe an der WSL und Erstautor der Studie, in einem Beitrag des Radios und Fernsehens der französischsprachigen Schweiz RTSExterner Link. «Jetzt wissen wir jedoch, dass Lawinen ein wichtiger Faktor für Gletscher sind.»

Seit über 130 Jahren spielt die Schweiz eine zentrale Rolle bei der weltweiten Überwachung der Gletscher:

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Lawinen verlangsamen die Gletscherschmelze

Gletscher sind das Ergebnis eines Gleichgewichts zwischen Schneeansammlung und Eisschmelze. Der Schnee schützt den Gletscher vor steigenden Temperaturen; mit der Zeit verdichtet er sich und verwandelt sich in Eis.

Die Studie der WSL hat gezeigt, dass weltweit drei Prozent des Schnees, der sich auf Gletschern ansammelt, von Lawinen stammt. Der Beitrag der Lawinen variiert je nach Region und Gletscher und beträgt in den Alpen etwa 11 Prozent.

Der Anteil des durch Lawinen transportierten Schnees steigt laut der Analyse im östlichen Himalaya auf 19 Prozent und erreicht in Neuseeland sogar 22 Prozent. «Wir waren überrascht. Wir hatten nicht erwartet, dass der Effekt in den Alpen und weltweit so bedeutend sein würde», so Kneib.

In einigen Fällen, besonders auf kleineren Gletschern, stammen über 50 Prozent des Schnees aus Lawinenabgängen. Dank dieses zusätzlichen Zuflusses könnten alpine Gletscher mit einer Fläche von weniger als einem Quadratkilometer, wie beispielsweise der Länta-Gletscher in der Südostschweiz, laut dem Glaziologen den Auswirkungen des Klimawandels länger standhalten. Kurzum: Sie schmelzen langsamer.

Die Bedeutung von Lawinen wird daher in Zukunft mit dem Rückgang der Gletscher zunehmen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine «Rettung», sondern lediglich um eine «Verlangsamung» eines unvermeidlichen Rückgangs, betont Kneib.

«Bis 2100 werden wir in den Alpen im Vergleich zum Jahr 2000 auf jeden Fall mehr als 80 Prozent des Eisvolumens verlieren.»+ Gletscher der Welt – lokales Schmelzen und globale AuswirkungenExterner Link

In einigen Regionen wie den tropischen Anden in Südamerika ist ein umgekehrter Effekt zu beobachten: Lawinen entfernen mehr Schnee, als sie bringen. Aufgrund der zu steilen Gletscherflächen rutschen die Schneemassen ab, noch bevor sie zu Eis werden können.

In den nördlichen, von Ebenen geprägten Regionen wie Island, Grönland und der russischen Arktis haben Lawinen hingegen fast keine Auswirkungen.

Grafik über Gletschermassenverlust
SWI swissinfo.ch / Kai Reusser

Verbesserung der Prognosen für einzelne Gletscher

Die Erkenntnis über die niedergehenden Schneemassen auf die Oberfläche von Gletschern vereinfacht Vorhersagen über deren künftige Entwicklung.

Gletscher sind im Sommer und in Trockenperioden wichtige Wasserquellen, besonders in Zentralasien und in den Anden, wo Millionen von Menschen direkt vom Schmelzwasser abhängig sind.

Wer die Entwicklung der Eismassen versteht, kann auch die damit verbundenen Naturgefahren besser vorhersagen. Der Rückgang der Gletscher destabilisiert die Berghänge, wie es in Blatten im Kanton Wallis in der Schweiz geschehen ist, und führt zur Bildung von Seen, die plötzlich über die Ufer treten und verheerende Überschwemmungen verursachen können.

Die WSL-Studie über die Auswirkungen von Lawinen soll Anstoss geben, eine neue Generation genauerer Gletschermodelle zu entwickeln, sagt Glaziologe Kneib.

Diese Instrumente werden genaue Vorhersagen über das Abschmelzen einzelner Gletscher ermöglichen, mit Konsequenzen für die Wasserkraftproduktion, die Landwirtschaft und das Management von Naturgefahren.

Die Klimaerwärmung führt zu weniger Schneefall in tiefen und mittleren Lagen. Weniger Schnee bedeutet jedoch nicht weniger Lawinen.

Das Schweizerische Institut für Schnee- und LawinenforschungExterner Link (SLF) prognostiziert eine Zunahme von NassschneelawinenExterner Link – die sich aus wasserreichem Schnee bilden – und eine Abnahme von Trockenlawinen, die typisch für Pulverschnee sind, oberhalb von 1800 Metern.

Die Sicherheitsdienste können Nassschneelawinen kaum künstlich auslösen. Die einzige Massnahme zum Schutz von Infrastruktur und Personen ist laut SLF die vorübergehende Sperrung der gefährdeten Gebiete. Die gute Nachricht ist, dass Lawinen die Talgebiete weniger häufig erreichen dürften.

Editiert von Virginie Mangin, Übertragung aus dem Italienischen mit Hilfe von Deepl: Gerhard Lob/raf

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