«Reich und schwach»?
Liebe Leserin, lieber Leser
«Gleichzeitig reich und schwach zu sein ist in dieser neuen Weltordnung keine gute Ausgangslage», schriebExterner Link der kürzlich abgetretene Chef der Schweizer Armee, Thomas Süssli.
Man mag einwenden, das sei immer noch besser als arm und schwach zu sein.
Allerdings: Seine Lageanalyse bezog sich für einmal nicht auf die Gefahr aus dem Osten, sondern die neue Gefahr aus dem Westen – auf die USA. Die europäische Öffentlichkeit war aufgeschreckt: Wegen dem Szenario, dass sie Grönland militärisch einnehmen will und wegen des Auftritts des US-Präsidenten am WEF in Davos, wo dieser praktisch gegen alle austeilte.
Loyalität und historische Verbundenheit zwischen den USA und Europa sind dieser Regierung unwichtig. Sie hat sich einer «America first»-Doktrin verschrieben, die unter anderem darauf hinarbeitet, auch auf Kosten enger Partner finanzielle Vorteile zu erzielen.
In dieser Optik sind Länder wie die Schweiz – wirtschaftlich potent, militärisch unbedeutend – ein perfektes Ziel. Das gilt auch für die meisten anderen (west)europäischen Staaten. Und die Taktik von Einschüchterung und Druck funktioniert, solange Europa auf die militärische Kraft der USA angewiesen ist.
Das Ganze ist aber eine Wette auf Zeit: Die europäischen Staaten rüsten auf. Und wie viele andere Länder schliesst die Schweiz ein Handelsabkommen nach dem anderen ab, um die Abhängigkeit vom US-Markt zu reduzieren und ihre Handelspartner zu diversifizieren. Die Frage ist, ob die europäischen Staaten den amerikanischen Druck – Stichwort Zölle – lange genug aushalten können.
Eine totale Entkopplung wird es nicht geben. Aber die langfristige Entwicklung ist eindeutig: Machte die US-Wirtschaft im Jahr 1980 noch fast 22% des globalen BIPExterner Link aus, sind es heute knapp 15%. Die Welt wächst anderswo. Und wer die nötigen Mittel dafür hat, kann die Zukunft mitgestalten. Länder wie die Schweiz brauchen also nicht Angst zu haben – sondern eine Vision.
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