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Ein Schweizer als designierter Präsident des Kosovo



Mabetex-Chef Pacolli 2002 vor der Baustelle des Hotels Olivella in Vico Morcote (Kanton Tessin).

Mabetex-Chef Pacolli 2002 vor der Baustelle des Hotels Olivella in Vico Morcote (Kanton Tessin).

(Keystone)

Behgjet Pacolli, Chef der "Allianz Neues Kosovo", soll neuer Staatspräsident des Kosovo werden. Er hat eine schillernde Karriere hinter sich. Mit seinem im Kanton Tessin angesiedelten Generalunternehmen Mabetex wurde er zum Multimillionär. Doch auch die Justiz interessierte sich für ihn.

Der 59-jährige Kosovo-Albaner und eingebürgerte Schweizer trat erst im Jahr 2006 in die Politik ein. Er war massgeblich am Aufbau der Partei "Allianz Neues Kosovo" beteiligt. 2007 wurde er ins Parlament gewählt.

Und nun soll er Staatspräsident werden, dank einer Koalitionsvereinbarung zwischen der Demokratischen Partei von Regierungschef Hashim Thaci, der dieses Amt behalten will, und der "Allianz Neues Kosovo".

Die Wahl an die Spitze des jungen Staates Kosovo, der sich im Jahr 2008 für unabhängig erklärte, wäre für Pacolli die Vollendung einer jungen politischen Karriere, aber sie würde durchaus in die Biographie dieses Mannes passen, der sich aus ärmlichsten Verhältnissen ganz nach oben gearbeitet hat.

Pacolli gilt als reichster Bürger des Kosovo. Er selbst gab im jüngsten Wahlkampf sein Vermögen mit 420 Millionen Euro an. Es dürfte de facto noch höher liegen. Die von ihm gegründete Mabetex-Gruppe mit Sitz in Lugano soll in ihren Filialen rund um den Globus 16‘000 Personen beschäftigen.

In Hamburg gejobbt

Aufgewachsen ist Pacolli in Marevc bei Pristina, zusammen mit neun Geschwistern. Im Alter von 17 Jahren schickte ihn die Mutter nach Deutschland.

In Hamburg jobbte er in einer Pizzeria und absolvierte gleichzeitig eine Handelsausbildung. Als er nach drei Jahren in den Kosovo zurückkehrte, sprach er sechs Sprachen.

Er arbeitete zuerst als Dolmetscher und ging dann zu einer Textilmaschinen-Fabrik nach Österreich. Von dort kam er 1977 in die Schweiz, war für ein Generalunternehmen tätig, bevor er sich mit der Mabetex 1990 selbständig machte. Die Gruppe ist als Generalunternehmen auf grosse Bauwerke spezialisiert. Bald wurde er auch eingebürgert.

Der Unternehmer steigerte den Umsatz der Gruppe kontinuierlich. Doch Pacolli interessiert sich nicht nur fürs Bauen. Auch eine Plattenfirma und einen TV-Kanal nennt er sein eigen.

Im Oktober 2004 schaltete er sich höchstpersönlich in Afghanistan ein, um eine aus dem Kosovo stammende UNO-Geisel zu befreien. Er gilt als international sehr gut vernetzt. Sein Büro in Lugano-Paradiso ist mit Fotos geschmückt, die ihn mit einflussreichen Persönlichkeiten zeigen.

Im Fadenkreuz von Del Ponte

Aber Pacolli konnte sich nicht immer im Erfolg sonnen. 1999 wurde sein Name zum Synonym für einen Schmiergeldskandal, der international für Schlagzeilen sorgte: Millionensummen sollten bis in die höchsten Machtzentralen rund um den russischen Präsidenten Boris Jelzin geflossen sein. Mabetex hätte sich so Renovationsarbeiten im Kreml gesichert, lautete der Vorwurf.

Die damalige Bundesanwältin Carla Del Ponte liess den Mabetex-Sitz in Lugano durchsuchen. Die Rede war auch von Kreditkarten, welche Pacolli den Töchtern Jelzins bereit gestellt hatte.

Pacolli widersprach stets und erhielt am Ende auch Recht. Der so genannte Skandal "Russiagate" wurde 2001 archiviert – die Ermittlungen durch die Schweizer Justiz eingestellt. Bestimmte Dokumente aus Russland für das Beweisverfahren waren im Rahmen der Rechtshilfe nicht eingetroffen.

Das Verfahren wurde eingestellt, aber der Schatten dieser Affäre ist geblieben. Besonders italienische Zeitungen mutmassen immer wieder, dass im Business des vermögenden Kosovo-Albaners auch heute nicht alles mit rechten Dingen zugehe – etwa in der erdölreichen Ex-Sowjetrepublik Kasachstan, wo Mabetex seit 1996 einen grossen Teil der neuen Hauptstadt Astana gebaut hat. Pacolli pflegt beste Beziehungen zum kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew.

Lob , Kritik und Klatsch

Im Tessin – seit über 30 Jahren seine Wahlheimat – hat Pacolli in Vico Morcote das Luxushotel "Swiss Diamond Oivella" erstellt, in dem viel Kundschaft aus Osteuropa verkehrt. Ein Mega-Projekt für eine neue Therme im Bleniotal – in Zusammenarbeit mit Luganos Stadtpräsident Giorgio Guidici – blieb hingegen ein Papiertiger.

In seiner Heimat wird Pacolli bewundert, auch weil er viel humanitäre Hilfe geleistet hat. Er ist aber politisch nicht unumstritten. Während seine Befürworter die finanzielle Unabhängigkeit des Multimillionärs loben, hegen Kritiker Zweifel an der angeblichen Selbstlosigkeit. Er hatte tausende von Jobs für sein Land versprochen, aber das Versprechen noch nicht eingehalten.

Immerhin sind die Zeiten, in denen auch Pacollis Privatleben viel Anlass zu Diskussionen gab, vorbei. Von 1999 bis 2002 war er mit Anna Oxa, der berühmten italienischen Pop-Ikone mit albanischen Wurzeln verheiratet und geriet so ins Visier der italienischen Klatschpresse. Nach der Scheidung von Oxa heiratete Pacolli eine Russin. Er ist Vater von fünf Kindern, ein Sohn und vier Töchter.

Kosovo und die Schweiz

Die Schweiz gehört zu den wichtigsten Geberländern des Kosovo.

Zwischen 1999 (Konflikt zwischen Serben und Kosovaren) und 2010 steuerten die Schweizer Behörden rund 200 Mio. Franken zu Entwicklung, politischer Stabilität und Wirtschaft bei.

Seit 1999 beteiligt sich die Schweiz an der Mission der internationalen Friedenstruppe KFOR unter Leitung der NATO.

Jedes Jahr sind gegen 220 Schweizer Swisscoy-Soldaten in Kosovo stationiert.

Die Schweiz hat Kosovo bereits zehn Tage nach der Unabhängigkeits-Erklärung vom 17. Februar 2008 als neuen Staat anerkannt. Ende März 2008 eröffnete die Schweiz eine Botschaft in Kosovo – als eine der ersten Nationen. Politisch war dies umstritten.

Die Schweiz hatte sich als eines der ersten Länder schon 2005 für die Unabhängigkeit des Landes ausgesprochen.

Zu der raschen Anerkennung der Unabhängigkeit Kosovos durch die Schweiz trug auch die grosse Zahl von Kosovaren in der Schweiz bei: Rund 170'000 Kosovaren leben in der Schweiz, das sind etwa 10% der Bevölkerung Kosovos.

Im Dezember 2010 hat der Tessiner Ständerat und Europarat-Berichterstatter Dick Marty einen Bericht über mutmasslichen Organhandel der kosovarischen Befreiungsarmee UCK publiziert. Marty erhebt auch schwere Vorwürfe gegen Kosovos Ministerpräsidenten Hashim Thaci.

Der Bericht ist im Kosovo nicht gut angekommen und hat die Beziehungen zur Schweiz getrübt. Marty wird vorgeworfen, keine stichfesten Beweise für seine These geliefert zu haben.

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