Aktien-Research im Wandel
Banken-Experten und Anleger fordern unabhängige Unternehmens-Analysen, auch in der Schweiz.
Die Genfer Privatbank Pictet macht den ersten Schritt und verselbständigt das Aktien-Research.
Von Banken angestellte Analysten sind nicht unabhängig in ihrer Firmenbeurteilung. Die hohe Anzahl Klagen im Zusammenhang mit bankinternen Research-Abteilungen zeigen einen dringenden Handlungsbedarf.
Diskutiert wird in den betroffenen Kreisen inbesonders die Frage, ob ein unabhängiges bankeninternes Research überhaupt möglich ist.
Genfer Privatbank reagiert
Die Westschweizer Privatbank Pictet hat diese Woche als erste Schweizer Bank der Forderung nach mehr Transparenz Folge geleistet: Sie gliedert die Unternehmens-Analyse (Sell-Side-Analyse) für externe Kunden zusammen mit dem Wertpapierhandel (Brokerage) in eine eigenständige Gesellschaft aus.
Die neue Gesellschaft wird rund 55 Personen umfassen und nicht den Namen Pictet tragen.
Damit will die Bank explizit Interessen-Konflikten vorbeugen. Die neue Firma wird ihren Betrieb ab Mitte 2003 aufnehmen und zur Sicherung der betrieblichen und strukturellen Unabhängigkeit auch räumlich von den anderen Abteilungen getrennt sein.
Damit ist Pictet eine der ersten europäischen Banken, die sich aktiv um mehr interne Transparenz bemüht.
Laut Jacques de Saussure und Claude Demole, Partner bei Pictet, wären verschiedene Möglichkeiten denkbar gewesen. Doch die komplette Trennung des Aktien-Research sei ihnen als «beste Lösung» erschienen.
«Chinese Walls» im Wanken
Eigentlich sollten so genannte «Chinese Walls» die operative und organisatorische Trennung zwischen den einzelnen Geschäftsbereichen garantieren. Doch die anhaltenden Skandale rund um Analysten-Empfehlungen sprechen eine andere Sprache.
Auch die aktuelle Sammel-Klage von AOL-Aktionären gegen die Credit Suisse Group in den USA weist auf das Versagen der «Chinese Walls» innerhalb der Bank hin.
Ein Analyst hatte positive Aktien-Studien verfasst, die nicht die tatsächliche Meinung der Bank reflektierten. Der Grund: Ein Interessen-Konflikt.
Wie gross das Ausmass der fehlenden Unabhängigkeit der Analysten ist, lässt sich etwa daran erkennen, wie sehr sich diese generell mit Verkaufs-Empfehlungen schwer tun.
Die CS Group geriet in diesem Zusammenhang bereits vor zwei Jahren in die Schlagzeilen: Der Analyst Christopher Chandiramani war entlassen worden, weil er Probleme auf die Swissair zukommen sah und dies nach aussen kommunizierte.
Wer finanziert das Research ?
Das Research wird in der Regel vom Investment-Banking getragen. Konkret heisst dies: Institutionelle Kunden platzieren als Gegenleistung für Beratung lukrative Aufträge bei der betreffenden Bank. Mit den Kommissionen wird deshalb auch die Research-Abteilung finanziert.
Die Unabhängigkeit der Analyse-Abteilungen heisst also vor allem auch die Entkoppelung der Analystenlöhne von den Transaktionen der Investmentbank-Abteilung und die Offenlegung von Interessen-Konflikten.
«Swiss Walls» intakt ?
In der Schweiz fand die Diskussion bisher eher zurückhaltend statt, obwohl auch hier gewisse Vorfälle – wie die bereits erwähnten – auf bankeninterne Interessen-Konflikte hinweisen.
Verschiedene Banken haben deshalb einzelne Massnahmen ergriffen, etwa im Bereich der Entlöhnung der Analysten.
Auch dürfen beispielsweise die Analysten der Credit Suisse Group seit 2001 privat keine Aktien von Firmen mehr kaufen, die sie bewerten. Dies gilt auch für die UBS Warburg.
Minimal-Standards in Arbeit
«Wir sind für klare ‚Chinese Walls‘, aber eine rechtliche Trennung von Research und Investment geht zu weit», sagt Thomas Sutter, der Pressesprecher der Schweizer Bankiervereinigung (SBVg).
Laut Sutter sei eine komplette Trennung nicht nötig, um das ethische Verhalten seitens der Banken gegenüber den Kunden zu gewährleisten.
Ein «Regelwerk» ist laut dem Pressesprecher in Arbeit beziehungsweise kurz vor der Fertigstellung. Dieses würde Ende Jahr dem Verwaltungsrat der SBVg zur Verabschiedung vorgelegt werden.
«Das Regelwerk enthält Minimalstandards», betont Sutter. Diese würden etwa den organisatorischen Aspekt, die Entlöhnung oder das Verhalten der Analysten betreffen.
Der heimische Finanzmarkt setzt einmal mehr auf Selbst-Regulierung. Die Genfer Privatbank ist nun als erste Schweizer Bank weit über die Minimalstandards hinaus gegangen. Andere Banken könnten folgen.
swissinfo, Elvira Wiegers
Bankensektor Schweiz 2001: 106’000 Angestellte 1998: 124’000 Angestellte
Zum Investmentbanking gehören: Wertpapier-Handels-Geschäft (Brokerage), Abwicklung von Fusionen, Kapitalerhöhungen und Börsengängen und Research-Abteilung. Es gibt das Buy-Side-Research für bankinterne Vermögensverwalter und das Sell-Side-Research für externe Kunden.
Pictet & Cie
1805 in Genf gegründet
Verwaltete Vermögen: 130 Mrd. EUR
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