The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter

Das Auto als Spiegel der Schweizer Vielfalt

Gurtentragen ist nicht überall beliebt. Keystone

Auto, Mobilität und die Pflicht zum Gurtentragen: Die Sprachregionen der Schweiz gehen unterschiedlich damit um.

Auch 26 Jahre nach Einführung des Gurten-Obligatoriums hält sich ein Fünftel der Romands und ein Viertel der Tessiner nicht daran.

Mit Ausnahme der Innerschweizer Kantone gaben am 30. November 1980 alle Deutschschweizer Stände der Gurtentragpflicht in Autos und dem Helmobligatorium für Motorradfahrer grünes Licht. Die Romandie und der Kanton Tessin schalteten die Ampel auf Rot.

Mehr als 25 Jahre später scheidet das Thema Auto und Mobilität noch immer die Geister in den verschiedenen Landesteilen. Laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) schnallen sich 88% der Deutschschweizer Lenker regelmässig an, in der Westschweiz sind es 79 und im Tessin nur 75%.

Zuweilen finden Klischees ihre Bestätigung im Leben. Der 33-jährige Freiburger Alexandre legt die knapp 100 Meter zu seinem Büro konsequent im Auto zurück. «Man könnte mir vieles wegnehmen, aber wäre es das Auto, würde das für mich einen riesigen Verlust an Freiheit bedeuten.»

Natürlich lässt sich von Alexandres Einstellung nicht auf das Verhalten eines ganzen Landesteiles schliessen. Doch liegen eine Reihe von statistisch erhobenen Zahlen vor, die auf Unterschiede im Mobilitätsverhalten hinweisen.

Deutschschweizer steigen eher um

So verringerte sich zwischen 1995 und 2005 die Zahl der schwer Verunfallten in der Deutschschweiz um 36, in der Romandie lediglich um 10%.

Die Liebe der Romands zu ihrem «voiture» entfaltet sich in den Morgen- und Abendstunden eindrücklich. 62% rollen laut dem grünen Waadtländer Staatsrat François Marthaler im Wagen zur Arbeit. Zum Vergleich: In Zürich benutzen 43% der Pendler das Auto; in Basel sind es 34%.

Dem stehen Aktionen zur vermehrten Benutzung des öffentlichen Verkehrs und – recht erfolgreich – zum Umsteigen aufs Fahrrad gegenüber. So versucht etwa Marthaler, die Automobilisten mit der Operation «carte grise» zum Umsteigen auf den öffentlichen Verkehr zu bewegen.

Identität für junge Männer

Die Zahlen zeigen, dass die Umsteigekampagnen der vergangenen Jahre in der Deutschschweiz erfolgreich waren. Trotz einem Anstieg bei den Autoverkäufen und einer Tendenz hin zum Kauf von Fahrzeugen mit Vierrad-Antrieb besitzen dort viele ein General- oder ein Halbtax-Abo und wechseln regelmässig das Verkehrsmittel.

Die Beziehung zum Auto sei in der Deutschschweiz pragmatischer als in den anderen Landesteilen, sagt Jacqueline Bächli-Biétry, die der Vereinigung der Verkehrspsychologen vorsteht. Der PW sei vorab ein Mittel, um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Weniger Unterschiede zeigen sich indes beim Auto als Statussymbol des Mannes.

Junge Männer mit unsicheren beruflichen Aussichten etwa neigten eher dazu, das Auto zu missbrauchen, weiss Bächli-Biétry. Sie finden durch ihren fahrbaren Untersatz eine Identität. Anders als früher hätten unerfahrene Autolenker einen einfacheren Zugang zu schnellen, PS-starken Wagen – was zu schwereren Unfällen führt.

Der Anti-Bern-Reflex

Trotzdem – die Verkehrsregeln haben es in der Deutschschweiz leichter, akzeptiert zu werden. Kampagnen zur Verkehrssicherheit werden dort zudem eher als Dienstleistung aufgenommen, wie Stefan Siegrist, Leiter der bfu-Forschungsabteilung, sagt. Die Romands empfinden sie hingegen als Eingriff in die Privatsphäre.

Siegrist, der den Unterschieden in einer Vertiefungsstudie nachgehen will, hat eine Vermutung: «Dass die Gesetze in Bern erlassen werden, kommt bei den Sprachminderheiten oft nicht gut an. Das verstärkt den Wunsch nach Unabhängigkeit.»

Langsamer Mentalitätswechsel im Tessin

Kulturelle Unterschiede im Fahrverhalten gebe es durchaus, sagt Alvaro Franchini vom Tessiner Strassenverkehrsamt. Es hat seine Gründe, dass ein Junglenker mit Sportwagen laut dem Internetvergleichsdienst Comparis die höchsten Prämien zahlt, wenn er im Tessin wohnt.

Laut Statistik gibt es im Südkanton doppelt so viele Unfälle wie in der Deutschschweiz. Die bfu forciert denn auch die Prävention. «Für das Tragen der Sicherheitsgurte führen wir eine intensivere Kampagne in den italienisch- und französischsprachigen Medien», nennt Magali Dubois von der bfu ein Beispiel.

Für Franchini werden die Unterschiede jedoch geringer: «Dank der Kampagnen zur Verkehrssicherheit geht die Entwicklung in die gleiche Richtung wie in den anderen Landesteilen.» Das sieht auch der freisinnige Tessiner Nationalrat Fabio Abate so – und nervt sich über «die ewigen Klischees, die an den Tessinern kleben».

swissinfo und Agenturen

In der Schweiz schnallen immer mehr Autofahrer die Sicherheitsgurten um.

Die Tragquote der Fahrzeuglenker ist auf 86% und jene der Mitfahrer auf Rücksitzen auf 68% gestiegen.

Auffällig sind die grossen regionalen Unterschiede. Während in der Romandie auf den Rücksitzen nur gerade die Hälfte die seit 1994 geltende Vorschrift befolgten, waren es im Tessin 61% und in der Deutschschweiz 74%.

Grosse Unterschiede bestehen auch an den verschiedenen Ortslagen. Während sich auf Autobahnen 90% der Lenker angurten, sind es ausserorts noch 87% und innerorts nur 79%.

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft