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Erdbeben in der Schweizer Wirtschaft

Gesenkten Hauptes: Oswald Grübel, Co-CEO der Credit Suisse, ist nicht der einzige Wirtschaftskapitän, der Milliarden-Verluste erklären muss. Keystone

Die letzte Februarwoche wird mit ihren Milliarden-Debakeln als "schwarze Woche" in die Wirtschafts-Geschichte eingehen. Clariant, Credit Suisse, Roche, die Zürich und ABB vermeldeten nie dagewesene Jahresverluste.

Presse, Politik und Öffentlichkeit reagierten eher verhalten.

Verluste um Verluste vermeldeten die starken Riesen der Schweizer Wirtschaft diese Woche, Milliarden-Verluste. Nach dem Erdbeben am Samstag – das stärkste in der Schweiz seit 10 Jahren – suchte in den kommenden Tagen ein richtiges Wirtschafts-Erdbeben das Land heim:

Clariant vermeldete 600 Mio. Franken Verluste, die Credit Suisse Group 3,3 Mrd., Roche 4 Mrd., Zürich 4,6 Mrd. und ABB 1,06 Mrd. Franken Minus für das Jahr 2002. Für das Basler Pharma-Unternehmen Roche war es das schlechteste Ergebnis in seinem 107-jährigen Bestehen.

Geld und Tausende Jobs weg

Doch mit den finanziellen Verlusten war es noch nicht getan. In der letzten Februarwoche verlor die Schweiz gleichzeitig über 3600 Arbeitsstellen – und auch einen Teil des Glaubens an eine nationale Airline, die nach dem Swissair-Grounding auch mit genügend Steuergeldern aus dem Boden gestampft worden war und den Ruhm und Ruf der Schweiz in die Welt hätte hinaustragen sollen.

Aber die Swiss kündigte Mitte Woche eine Verkleinerung der Europa-Flotte sowie einen weiteren Stellenabbau an: noch einmal fallen 700 Stellen weg, 20 Regional-Fluzeuge werden stillgelegt, 25 Strecken eingestellt. Das Langstreckennetz bleibe unangetastet, hiess es.

“Es tut uns sehr leid, diese Massnahmen treffen zu müssen, doch wir mussten reagieren, um die Zukunft zu sichern”, begründete Swiss-Präsident Pieter Bouw den neuerlichen Abbau.

Erst vor drei Monaten waren bereits 200 Stellen und 8 Flugzeuge weggestrichen worden.

Klagen, Fehlinvestitionen, Börsenverluste

In Wirtschaftskreisen geht man in der Schweiz davon aus, dass es in absehbarer Zeit nicht mehr zu einem derartigen schweizweiten Milliarden-Debakel kommen werde.

Denn es wären “Altlasten” gewesen, die, so der Tenor der Unternehmensführer an den Bilanz-Pressekonferenzen, diese Milliarden-Löcher in die festen Mauern ihrer Unternehmen gerissen hätten. Altlasten rechtlicher Natur: Bei ABB die Asbest-Klagen, die das Unternehmen mit der Übernahme von Comubustion Engineering miteinkaufte, bei Roche die Vitamin-Kartell-Vorwürfe in den USA usw.

Aber auch Fehlinvestitionen sorgten bei Clariant, der Zurich, der Credit Suisse Group und der ABB für die blutroten Bilanzen. Und nicht zuletzt zog die schlitternde Börse einige standhafte Unternehmen mit sich abwärts: Das Basler Pharma-Unternehmen Roche, der Versicherungsmulti Zurich und die Credit Suisse Group mussten im Jahr 2002 zum Teil massive Wertberichtigungen auf den Wertschriften vornehmen.

Flaggschiffe nicht ganz gestrandet

Das Heck mehrerer Schweizer Flaggschiffe ist gestrandet. Jedoch, so wiesen an den Bilanz-Pressekonferenzen die Wirtschafts-Kapitäne nachdrücklich darauf hin, Bug und Motor ihrer Unternehmen seien gut funktionstüchtig: Clariant und Zurich haben positive operative Werte, und Roche kann gar zweistellige Wachstumsraten vorweisen. Kommentatoren attestieren auch ABB, dass sie sich auf dem Weg der Besserung befinde.

Apathische Akzeptanz

Vielleicht waren die operativen Werte wie ein Zuckerguss, der dem starken Stück, das die Schweizer Wirtschaft dem Land präsentierte, einen fetten Glanz überzog. Die Schweiz blieb erstaunlich ruhig, als die Hiobsbotschaften eine nach der anderen vermeldet wurden. Keine Proteste bisher, nirgends.

Dies erstaunt auch Experten, die von aussen auf die Schweiz blicken. Der Korrespondent der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” (FAZ) in der Schweiz, Konrad Mruzek hätte “ein grösseres Erschrecken” erwartet, erläutert er gegenüber swissinfo.

“In Deutschland gibt es natürlich auch solche Milliarden-Verluste. Aber 4 Mrd. Franken Verlust bei Roche, 3,3 Mrd. bei der Credit Suisse…” Er vermisst Reaktionen in den Schweizer Medien und der Politik. Vielleicht habe die erstaunliche Ruhe mit der Swissair-Pleite zu tun, die alles relativiere: Ein Verlust von über 3 Mrd. Franken könne deshalb die Gemüter nicht mehr beunruhigen.

Fehlende Kontrolle zwischen Management und VR

Das Übel liegt, so ist der FAZ-Korrespondent überzeugt, vor allem in der “Corporate Governance”, gerade bei der Zurich oder der Credit Suisse. Das Problem in der Schweiz sei die mangelnde gegenseitige Kontrolle, nicht Führungsschwäche, so Mruzek. “Die Politik und die Medien sollten darauf drängen, dass die Aufsicht besser wird.”

Mangelnde Kontrolle zwischen Verwaltungsrat, Management und Prüfungsstellen hatten in der Tat auch die Swissair ins Trudeln gebracht und gar an den Boden gezwungen.

Volkswirtschaftsminister nicht informiert

Einzig Volkswirtschafts-Minister Joseph Deiss ärgerte sich in einem Interview mit dem “Tages-Anzeiger”, weil er von der Swiss, Clariant und der Credit Suisse nicht vorgängig über deren weiteren Abbau von insgesamt 3600 Stellen unterrichtet worden sei. Er müsse informiert sein, um die nötigen Massnahmen zu treffen und die Betroffenen in Bezug auf soziale Aspekte zu beruhigen. “Damit wurde eine Usanz verletzt, wonach unserem Departement ein solcher Stellenabbau im Voraus mitgeteilt wird.”

Weiter warnte Deiss: “Inakzeptabel wäre es auch, wenn Unternehmen angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage einfach die Gunst der Stunde nützen würden, um Stellen abzubauen.”

Deiss sieht keinen Anlass zu einem Impulsprogramm, wie das die Linke fordert. Er will das Wachstum langfristig fördern. Drei Stossrichtungen exponiert er im Interview mit dem Tages-Anzeiger: “Bildung und Forschung, Stärkung des Wettbewerbs und der kleinen und mittleren Unternehmen, den KMU.”

Wachstum sei eine langfristige Sache, kurzfristig könne man nur dopen, wenn jemand nicht fit sei, so Deiss, und man wisse ja, was das bewirke.

SP fordert Wirtschaftsdiskussion in Frühjahrsession

Anderer Meinung ist die SP. Die Sozialdemokraten wollen am 3. März beantragen, dass das Thema Wirtschaftskrise und Stellenabbau via einer dringlichen Interpellation bereits in der Frühjahrssession auf den Tisch kommt.

“Wenn der Bundesrat nach den Hiobsbotschaften nicht von sich aus aktiv wird, muss das Parlament dringend das Heft in die Hand nehmen”, sagt SP-Fraktionspräsidentin Hilde Fässler. Die Politik dürfe nicht tatenlos zusehen, wenn täglich neue Entlassungen vermeldet werden, so die SP. Sie müsse der Wirtschaft aktive Impulse geben.

swissinfo, Anita Hugi

Mehr als 3600 Arbeitsplätze wurden gestrichen.

Milliarden-Einbussen gab es bei:
Credit Suisse Group: 3,3 Mrd. Franken;
Roche: 4 Mrd. Franken;
Zurich Financial Services: 4,6 Mrd. Franken;
ABB: 1,06 Mrd. Franken

Die Banken und wichtige Wirtschaftsunternehmen vermeldeten in den letzten Tagen milliardenhohe Rekordverluste. Zudem streichen die Credit Suisse, die Fluggesellschaft Swiss und die in der Fein- und Spezialitätenchemie tätige Clariant insgesamt 3670 Arbeitsplätze.

Volkswirtschaftsminister Joseph Deiss will langfristiges Wachstum fördern. Die Sozialdemokraten fordern ein aktives Impulsprogramm für Wirtschaft und Arbeitsplätze. Experten von aussen weisen auf die fehlende gegenseitige Kontrolle in Schweizer Grossunternehmen hin.

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