Grünes Licht für Interprofessionelle Gewerkschaft
In der Schweiz entsteht eine Arbeitnehmer-Organisation mit über 200'000 Mitgliedern. Die Delegierten der beiden Gewerkschaften GBI und SMUV stimmten einer Fusion deutlich zu.
Im Jahr 2004 soll der definitive Gründungsentscheid gefällt werden.
Mit 184 zu 11 Stimmen sprachen sich die Delegierten der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI) an einem ausserordentlichen Kongress in Spiez für den schrittweisen Zusammenschluss zur Interprofessionellen Gewerkschaft (IPG) aus.
Ebenso deutlich, mit 159 zu 9 Stimmen, unterstützten die Kolleginnen und Kollegen der Gewerkschaft Industrie, Gewerbe und Dienstleistungen (SMUV) im Berner Kursaal das Fusionsvorhaben.
Laut Fahrplan entscheiden die beiden Arbeitnehmer-Organisationen im Jahr 2004 definitiv über ihre Fusion. Dadurch würde die grösste Schweizer Gewerkschaft entstehen. Diese wäre 200’000 Mitglieder stark und für rund 500 Gesamtarbeitsverträge zuständig. Sie hätte über 100 Geschäftsstellen und fast 1000 Angestellte.
Vier Sektoren, autonome Branchen
Die neue Gewerkschaft soll schrittweise verwirklicht werden und, wie der Arbeitstitel IPG aussagt, nahezu allen Berufsleuten in der Privatwirtschaft Platz bieten. Es ist vorgesehen, vier Sektoren – Bauhauptgewerbe, Industrie, Gewerbe und Dienstleistungen – mit eigener Rechtsperson und autonomen Branchen zu bilden.
Die IPG wird in 14 Regionen aufgeteilt sein, die sich selber organisieren und über Handlungsspielraum verfügen. Teil der neuen Gewerkschaft wird auch die Unia sein. SMUV und GBI hatten diese Dienstleistungs-Gewerkschaft 1996 gegründet. Die IPG will allen interessierten Verbänden offenstehen.
Die IPG will sich als starke Gegenmacht zu neoliberalen Kräften positionieren. GBI-Zentralpräsident Vasco Pedrina verurteilte «den brutalen und verkommenen Charakter des neuen kapitalistischen Regimes». Im nämlichen Sinne sprach SMUV-Präsident Renzo Ambrosetti von einer «Revolution in der Schweizer Gewerkschafts-Bewegung».
«Historischer Tag»
Das Diktum vom «historischen Tag» (Ambrosetti) blieb denn auch nicht aus – wenngleich sich noch nicht alle Kolleginnen und Kollegen mit der «Vision einer Gewerkschaft für alle» anfreunden mochten. Am SMUV-Kongress opponierten die Tessiner und Neuenburger Kollegen. Unter anderem befürchteten sie «zu komplexe» Strukturen.
Mit Skepsis begegneten die SMUV-Regionen Waadt-Freiburg und Solothurn dem Ansinnen, die vier Sektoren mit einer eigenen Rechtspersönlichkeit auszustatten. Dies würde die angestrebte Einheit und Schlagkraft schwächen. Ihr Antrag für Sektoren ohne eigenen juristischen Status unterlag indes mit 108 zu 70 Stimmen.
Bei der GBI stiess das Fusionsprojekt kaum auf grundsätzlichen Widerstand. Vertreterinnen der GBI-Frauen monierten allerdings, den Anliegen der Frauen werde zu wenig Rechnung getragen. Die Tessiner Delegation äusserte überdies die Befürchtung, bei einer Fusion mit dem SMUV gehe der kämpferische Geist der GBI verloren.
Der Kongress zeigte dafür Verständnis. Er beschloss, dass der Frauenanteil in der IPG-Geschäftsleitung mindestens 30 Prozent betragen müsse. Zudem müsse die IPG darauf hinarbeiten, dass die Doktrin des Arbeitsfriedens relativiert werde. Also sprach beim SMUV auch Ambrosetti – allerdings mit dem Zusatz «wenn nötig».
swissinfo und Agenturen
GBI: Knapp 100’000 Mitglieder
SMUV: Über 90’000 Mitglieder
Interprofessionelle Gewerkschaft (IPG): 200’000 Mitglieder, 1000 Angestellte, für 500 Gesamtarbeitsveträge zuständig
2004: Geplanter Zusammenschluss
Die Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI) und die Gewerkschaft Industrie, Gewerbe und Dienstleistungen (SMUV) wollen fusionieren. Die Delegierten haben deutlich Ja gesagt zum Projekt Interprofessionelle Gewerkschaft (IPG).
Nach einer zweijährigen Integrationsphase soll 2004 die neue gemeinsame Gewerkschaft aus der Taufe gehoben werden.
Mit rund 200’000 Mitgliedern wird die IPG die grösste Arbeitnehmer-Organisation der Schweiz sein.
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