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Luxusmerlot und Edelkastanie

Tessiner Merlot wird zunehmend in internationalen Top-Restaurants getrunken. Keystone

Die Altersresidenz des deutschsprachigen Jet-Sets durchlebt einen Wandel. Seit einigen Jahren versucht das Tessin neue Märkte zu erobern und neue Produkte zu lancieren. Dabei wird das Eigene neu entdeckt. Denn mit Sonne allein kann der Südkanton touristisch nicht mehr überleben.

«Einen guten Merlot», weiss Guido Brivio, «trinkt man auf keinen Fall aus einem Boccalino.» Das typische Tonkrüglein, Sinnbild Tessiner Weinkultur, ist bei einheimischen Weinproduzenten wie Brivio verpönt. Seit eine junge Oenologen-Generation die alten Weinberge und -güter übernommen und neue Techniken eingeführt hat, erlebt der Merlot eine Qualitätsblüte. Eleganter und vielfältiger ist er geworden und getrunken wird er nicht mehr im typischen Grotto sondern im New Yorker Luxusrestaurant.

Das Geschäft mit dem Wein

Der Weinbau wird von Jahr zu Jahr wichtiger im Tessin. 900 Hektaren Land sind mit Traubenstöcken bepflanzt. 4’000 bis 6’000 Tonnen Trauben werden jährlich geerntet und sechs Millionen Flaschen pro Jahr produziert.

Die Tessiner haben das Geschäft mit dem Wein entdeckt. Sie wollen vom weltweit erwachten Interesse am Wein profitieren und mit ihrem Merlot in den exquisiten Wine-Bars und den guten Kellern vertreten sein. Aber auch der Tourismus, einer der wichtigsten Arbeitgeber des Kantons, soll dank dem Wein neuen Aufwind erhalten. Weinrouten durchs Mendrisiotto werden das neue Aushängeschild von Ticino Turismo sein.

Unentbehrlicher Wirtschaftszweig

Rund 15 Prozent des Bruttosozialproduktes erarbeitet der Kanton mit dem Tourismus. Positive Entwicklungen sind wichtig. Eine Zunahme der Übernachtungen – knapp 3 Millionen pro Jahr – ist allerdings erst seit 1999 wieder zu verzeichnen. In den Jahren zuvor war die Zahl rückläufig.

Es fehlt laut Rico Maggi, Direktor des «Istituto di ricerche economiche» (IRE), an einem wettbewerbs-orientiertem Management und an einer Infrastruktur, die der modernen Tourismusindustrie angepasst ist. Das Tessin, meint der Wirtschaftsprofessor, müsse besser und gezielter vermarktet, spezielle Dienstleistungen angeboten und Businesshotels eingerichtet werden.

Folgen des Monotourismus

Der Ferienkanton spürt die Konkurrenz ferner Länder, wo Hotels billiger sind und das Wetter besser ist. Zudem zeigen sich Nachteile eines jahrelangen Monotourismus. Rund 70 Prozent der Touristinnen und Touristen stammen aus der deutschsprachigen Schweiz sowie aus Deutschland. Ist die Mark schwach, spürt man es sogleich südlich des Gotthards.

Eine weitere Folge des Monotourismus ist die starke Präsenz der deutschen Sprache. Einheimische wie Touristen fühlen sich kolonialisiert. «Wir haben deshalb Kampagnen gestartet und unsere Gastwirte gebeten, wieder Italienisch zu sprechen», sagt Eugenio Foglia, Direktor von Ticino Turismo. «Wir müssen versuchen, unsere Identität auch durch solche Kleinigkeiten zu verteidigen.»

Kulinarische Identitätssuche

Das erwachte Identitätsbewusstsein zeigt sich auch in der Küche. Auf den Speisekarten findet sich wieder die «Torta di Pane», einst der Kuchen der Armen, ein Gebäck aus Brotresten, Milch, Weinbeeren und Gewürzen. Eine Renaissance erfährt ebenfalls die Kastanie.

Das ehemalige Grundnahrungsmittel der armen Talbewohner soll zu einem neuen Wirtschaftszweig werden. Kastanienwälder werden gepflegt und allerlei Produkte aus Kastanien – Mehl, Pasta, Bier, Torten und Purée – verkauft.

«Die Tessiner Küche ist eine Version der lombardischen Küche», sagt Luigi Bosia, Restaurantbesitzer und Gastronomiejournalist. «Aber es gibt eine typische Tessiner Küche.» Die Polenta beispielsweise ist im schweizerischen Südkanton hart und die Amaretti weiss und weich. «Wir essen schweizerisch, nicht italienisch», betont Bosia. «Wir essen wenig Pasta.»

Carole Gürtler, Lugano

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