The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

Ölschock: Die Schweiz ist vorbereitet

Die Ölreserven in den Pflichtlagern müssen für mindestens viereinhalb Monate reichen. Keystone Archive

Der Ölpreis ist wegen der Angst vor einem drohenden Krieg der USA gegen Irak zeitweise massiv angestiegen. Auch die Schweizer Wirtschaft wäre im Falle eines Militärschlags gegen Bagdad wegen der hohen Ölpreise betroffen.

Die Schweiz ist aber gewappnet.

Wegen der Kriegsängste kletterte der Ölpreis in den letzten Tagen vorübergehend auf den höchsten Stand seit einem Jahr. An der Londoner Warenterminbörse kostete ein Fass (rund 159 Liter) der marktführenden Nordseesorte Brent zur Lieferung im Oktober am Dienstag über 29 Dollar. Am Donnerstag, nach der Bush-Rede vor der UNO, ging der Rohölpreis um einen Dollar pro Fass zurück.

Ölexperten sprechen von einer «Kriegs-Prämie», die im Ölpreis enthalten sei. Ihre Höhe wird derzeit auf vier Dollar pro Fass geschätzt. Der Preisaufschlag wiederspiegle nicht fundamentale Daten wie Angebot oder Nachfrage, sondern das Öl habe sich lediglich auf Grund von Spekulationen verteuert, meinen die Experten.

Auswirkungen auf die Schweiz

«Wenn die USA im Irak einmarschieren, dann wird das natürlich erneute Ölpreiserhöhungen zur Folge haben», sagt Kurt Rüegg, Leiter der Informationsstelle Heizöl bei der Erdöl-Vereinigung (EV), gegenüber swissinfo. Die EV ist der Verband der schweizerischen Erdölwirtschaft.

Der Ölpreis werde über die 30 Dollar-Marke steigen, «und das wird am internationalen Weltmarkt für Unruhe sorgen». Der höhere Ölpreis werde auch Auswirkungen haben auf die Konsumenten in der Schweiz bezüglich Endverkaufspreise für Benzin, Diesel- und Heizöl.

Für Jeremy Baker, Analyst bei Credit Suisse Financial Services, ist die Situation indessen so, dass sich die Schweizer Konsumenten keine Sorgen machen müssten. Gegenüber swissinfo betont er, die Leute seien einfach verunsichert wegen entsprechender Medienberichte. Nur wenn es eine längere Hochpreisperiode geben würde, müsste man sich Sorgen machen.

Allerdings habe man gesehen, dass bei Krisen wie dem letzten Golf-Krieg oder dem 11. September die Ölpreiserhöhungen rasch wieder zurückgegangen seien. Dies erwarte man eigentlich auch in der jetzigen Krise, räumt Kurt Rüegg von der EV ein.

Falls der Ölschock tatsächlich eintrifft, könnte nach Ansicht Rüeggs eine Rezessions-Bewegung zusätzlich unterstützt werden. «In welcher Grösse ist aber im Moment nicht absehbar.» Laut Analyst Jeremy Baker können die meisten Wirtschaften einen Ölschock verkraften, «insbesondere die entwickelten Wirtschaften».

Gewappnete Schweiz

Die Schweiz sei gewappnet für ein Krisenszenario, betont Rüegg. Privat seien Reserven vorhanden, weil der eigentliche Tankfüllgrad recht gut sei. Eine Ansicht, die auch Sonja Studer, Vizedirektorin von Carbura, der Schweizerischen Zentralstelle für die Einfuhr von flüssigen Brenn- und Treibstoffen, teilt. «Die Lager sind meistens gut gefüllt», sagt sie zu swissinfo.

Die Schweiz habe Reserven bereit, erklärt Kurt Rüegg. «Nur kann ich im Moment nicht beurteilen, ob dann die Irak-Auseinandersetzung schon dazu führt, dass der Bund diese Reserven anzapfen muss. Vergleiche mit ähnlichen Situationen im letzten Golf-Krieg und auch nach dem 11. September 2001 haben gezeigt, dass dies nicht notwendig ist. Die Versorgung ist an und für sich sichergestellt», so Rüegg.

Auch international sei ja nicht zu wenig Ware auf dem Markt, sie werde nur einfach zu einem sehr hohen Preis gehandelt. Ob dabei die Erdölmultis von der Situation profitierten, sei eine schwierige Frage, sagt Rüegg. «Sie werden natürlich den Rohstoff auch teurer einkaufen müssen und somit werden sie sich damit nicht eine goldene Nase verdienen können.»

Pflichtlager für den Notfall

Wenn in einem Notfall die Ölreserven nicht genügen würden, dann hätten wir eine Krise, sagt Sonja Studer von Carbura. «Aber für einen solchen Fall haben wir die Pflichtlager.»

Dafür ist die Carbura verantwortlich, deren Mitglieder aus der Ölbranche die Pflichtlager selber unterhalten. Wenn es aber zu einer reellen Unterversorgung käme, dann würde der Bundesrat oder das Bundesamt für Energie die Pflichtlager-Menge bestimmen, in Rücksprache mit der Branche, sagt Sonja Studer.

Reserven für Benzin, Dieselöl und Heizöl müssen für einen durchschnittlichen Verbrauch von mindesten viereinhalb Monaten genügen, und für Flugpetrol sind es drei Monate. Das heisst, wenn keine Ware mehr in die Schweiz käme, dann würden zum Beispiel die Tankstellen noch viereinhalb Monate lang Benzin ausgeben können.

Erdöl aus Libyen und Nigeria

Die Schweiz importierte letztes Jahr etwa die Hälfte des Erdöls aus Libyen, einen Drittel aus Nigeria, 10% aus Algerien und 8% aus dem Mittleren Osten.

Dass soviel Öl aus Libyen importiert wird, liege daran, dass eine der beiden Ölraffinerien in der Schweiz, Tamoil in Collombey, «Libyen-orientiert» sei, wie Sonja Studer erklärt. Ein weiterer Faktor sei, dass dieses Rohöl einen relativ niedrigen Schwefelgehalt vorweise, «was für uns interessanter ist». Rohöl aus Saudiarabien habe einen höheren Schwefelgehalt, was für die Raffinerien andere Einstellungen erfordere.

Jean-Michel Berthoud

Ölpreis knapp unter der 30 Dollar-Marke
Erdölabsatz in der Schweiz im 1. Halbjahr 2002:
Benzin – 1,85 Mio. t
Dieselöl – 651’000 t
Flugpetrol – 637’000 t
Heizöle – 2,56 Mio. t

Der Ölpreis ist wegen des befürchteten Militärschlags gegen den Irak erstmals seit rund einem Jahr wieder über 29 Dollar pro Fass gestiegen. Händler bezeichnen die Stimmung am Markt als nervös.

Ein Ölschock hätte auch Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft. Allerdings gehen Experten davon aus, dass sich diese im Rahmen halten würden. Nur eine längere Krise würde eine Rezessions-Bewegung zusätzlich unterstützen.

Für den Notfall gibt es in der Schweiz die Pflichtlager der Ölbranche. Bei einer reellen Unterversorgung würde der Bund die Pflichtlager-Menge bestimmen. Die Hälfte des importierten Erdöls stammte 2001 aus Libyen.

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft