«Junge Auslandschweizer:innen sollen sich als echte Schweizer fühlen»
Seit Februar 2026 ist Sofia Garcia-Reyes neue Präsidentin des Jugendparlaments Auslandschweizer:innen, YPSA. Die Schweiz-Kolumbianerin will diese Gemeinschaft für junge Auslandschweizer:innen unverzichtbar machen.
«Es tut mir so leid für die Verspätung!» Aus knapp 9000 Kilometern Entfernung von der Schweiz, aus der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá, entschuldigt sich Sofia Garcia-Reyes mehrfach hinter ihrem Computerbildschirm. Wegen einer anderen Sitzung aufgehalten, schaltet sie sich wenige Minuten zu spät zu unserem Termin zu.
Südamerika ist nicht besonders für Pünktlichkeit bekannt. Doch angesichts ihrer Verlegenheit scheint die Schweizerin der dritten Generation diese sehr schweizerische Eigenschaft geerbt zu haben.
Sofia Garcia-Reyes hat eine ansteckende Energie, die ihr vermutlich dabei hilft, in zahlreichen Funktionen gleichzeitig tätig zu sein.
Die 27-Jährige arbeitet für den Direktor des «Departements für Versöhnung» der Region Bogotá. Dieser ist für die Umsetzung der mit den FARC geschlossenen Friedensabkommen zuständig. Garcia-Reyes koordiniert dort die Zusammenarbeit mit den Jurist:innen sowie zwischen den verschiedenen Diensten, insbesondere demjenigen für verschwundene Personen.
Die ausgebildete Juristin ist zudem als Lehrbeauftragte bei einem Professor für Recht an der Universität von Bogotá tätig. Schliesslich ist sie seit Februar 2026 die neue Präsidentin des Jugendparlaments der Auslandschweizer:innen, YPSAExterner Link (Youth Parliament of the Swiss Abroad).
«Es ist viel Arbeit, aber ich bin sehr organisiert.» Noch eine Fähigkeit, die man den Schweizer:innen gerne zuschreibt.
«The place to be»
Garcia-Reyes verfolgt klare Ziele für das Parlament der jungen Auslandschweizer:innen: «YPSA muss ‹the place to be› und ‹the place to join› werden», also die Plattform, bei der man dabei sein und mitmachen will.
Dazu will sie die sozialen NetzwerkeExterner Link bestmöglich nutzen, einerseits, um sichtbarer zu werden, andererseits, damit die Mitglieder leicht miteinander kommunizieren können. In einer WhatsApp-Gruppe tauschen sich bereits rund sechzig junge Menschen weltweit aus.
Die Schweizerin möchte zudem mehr Regelmässigkeit in die angebotenen Veranstaltungen bringen, etwa eine pro Monat, und dafür sorgen, dass diese besser auf die Wünsche der Gemeinschaft abgestimmt sind. YPSA organisiert unter anderem Webinare, etwa zum Studium in der Schweiz, Filmvorführungen oder andere Online-Veranstaltungen.
Mit der YPSA-Gemeinschaft möchte Garcia-Reyes das Zugehörigkeitsgefühl stärken und erreichen, dass «sich junge Auslandschweizerinnen und -schweizer als Schweizer fühlen und nicht nur als Inhaber des roten Passes mit weissem Kreuz».
Vielfältige Herausforderungen
Um zu bestehen und an Einfluss zu gewinnen, muss YPSA wachsen.
Die Aufgabe ist schwierig: Das junge Publikum ist über fünf Kontinente verstreut, und die Verbindung zur Schweiz ist teilweise schwächer geworden, «vor allem bei der zweiten und dritten Generation».
Zudem gilt es, die aktiven Mitglieder zu motivieren. Aus diesem Grund verfügt YPSA über mehrere Arbeitsgruppen, etwa für die Organisation von Veranstaltungen oder für Beiträge in den sozialen Netzwerken. «Eine klar definierte Rolle gibt ihnen Verantwortung», so Garcia-Reyes.
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Sie ist auch der Ansicht, dass YPSA bei der Auslandschweizer-Organisation (ASO) und bei den Schweizerschulen im Ausland nicht ausreichend sichtbar und bekannt ist.
«Aufgrund unseres jungen Alters nehmen uns die Delegierten des Auslandschweizer-Rats (ASR) nicht immer ernst», sagt sie. Sie hofft, dass sich diese Haltung während dieser Legislaturperiode ändern wird. YPSA verfügt nämlich automatisch über zwei Sitze im ASR, die beiden Mitglieder sind zudem Delegierte für ihr Land – Sofia Garcia-Reyes für Kolumbien und Mathis Steinmann für Frankreich.
Die Organisation hat sich entwickelt
Garcia-Reyes ist seit 2021 YPSA-Mitglied, sie hat das Jugendparlament in einem Beitrag in den sozialen Netzwerken entdeckt.
Damals hielt sie sich in der Schweiz auf: «Während der Pandemie wurde meine juristische Fakultät in Kolumbien geschlossen. Ich habe die Gelegenheit genutzt, das Herkunftsland meiner Familie besser kennenzulernen.» So verbrachte sie sechs Monate in Zürich und wechselte zwischen Kinderbetreuung am Morgen und Rechtsvorlesungen am Nachmittag.
Sie wurde Mitglied der Gruppe, die die Veranstaltungen organisiert, dann Vizepräsidentin für die Legislaturperiode 2023–2025 und schliesslich Präsidentin für die kommenden zwei Jahre.
In dieser Funktion gehört sie zu den dienstältesten Mitgliedern und hat einen Überblick über die Entwicklung. «Vor einigen Jahren war die Organisation wenig strukturiert. Es gab zum Beispiel kein Social-Media-Konzept», erinnert sie sich.
Nach und nach sind Strukturen entstanden. Als Präsidentin ist eines ihrer ersten Ziele «ein möglichst gut organisiertes Komitee». Eine Herausforderung angesichts der starken Fluktuation der Mitglieder.
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Wenig langfristiges Engagement
Die Mitglieder des YPSA-Komitees werden für zwei Jahre gewählt. Doch nur wenige engagieren sich für eine zweite Amtszeit. «Das Komitee verändert sich stark, deshalb muss man oft wieder von vorne beginnen», so die neue Präsidentin.
Ihr zufolge lösen sich junge Menschen von solchen Engagements, weil sie den Eindruck haben, dass diese viel Arbeit erfordern. Sie verweist auch auf das Alter: «Die Mitglieder befinden sich oft in einer Übergangsphase zwischen Studium und erster Stelle.»
Vorteile für die Mitglieder
Sie sieht dennoch mehrere Vorteile darin, Teil einer Struktur wie YPSA zu sein.
Aus persönlicher Sicht ermöglicht sie es, sich mit jungen Menschen schweizerischer Herkunft aus der ganzen Welt zu vernetzen, «die ein ähnliches Mindset haben».
«Im Kleinen ist es auch eine Gelegenheit, Erfahrungen im Management zu sammeln, insbesondere wenn man für eine Gruppe verantwortlich ist», sagt Garcia-Reyes. Im Falle eines Aufenthalts oder einer Niederlassung in der Schweiz ist sie der Ansicht, dass ein Engagement bei YPSA zudem ermöglicht, Verbindungen und ein Interesse am Land vorzuweisen.
Die junge Frau sagt, dass ihr Engagement beim Jugendparlament der Auslandschweizer:innen ihre Beziehung zu ihrem Herkunftsland verändert hat.
Als Kind nahm sie an mehreren Lagern für Jugendliche in der Schweiz teil. «Das sind meine schönsten Kindheitserinnerungen», sagt sie. Ihre Verbindung ist natürlich auch familiär. Doch «heute, mit YPSA und als Delegierte im ASR, ist meine Verbindung politischer geworden».
Editiert von Pauline Turuban, Übertragung aus dem Französischen mithilfe KI: Janine Gloor
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