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Rentenanstalt: «Keine Milliarden versteckt»

21 Milliarden ausbezahlt: Im Streit um die Minimalrendite der 2. Säule deckt die Rentenanstalt als erste Schweizer Versicherung ihre Karten auf.

Der Konzern hat 1985 bis 2001 mehr als 95% der Erträge im Kollektivgeschäft an die Kunden ausgeschüttet.

Nach dem provisorischen Entscheid der Regierung, den Mindestzinssatz für Altersguthaben in der beruflichen Vorsorge per 1. Oktober von heute 4 auf voraussichtlich 3% zu senken, wurde auch die Rentenanstalt scharf kritisiert.

Die Regierung wurde des Kniefalls vor den Versicherungskonzernen bezichtigt – am Vorabend des Entscheides hatte die zuständige Ministerin noch mit dem Chef der Rentenanstalt telefoniert.

Den Versicherungen war daraufhin von Gewerkschaftsseite vorgeworfen worden, aus den vergangenen Boomjahren an den Börsen den Versicherten rund 20 Mrd. Franken vorzuenthalten.

Mit der Veröffentlichung der internen Zahlen reagierte Konzernleitungs-Präsident Roland Chlapowski nun auf die Kritik. Die Rentenanstalt habe keine Milliarden versteckt, sagte Chlapowski vor den Medien in Zürich.

21 Mrd. Franken ausgeschüttet

Die Versicherung habe in den letzten 17 Jahren ihren Kunden rund 21 Mrd. Franken an Leistungen und Überschüssen gutgeschrieben. Insgesamt seien gleichzeitig Kapitalerträge auf den technischen Reserven von 22,9 Mrd. Franken erwirtschaftet worden.

Nach Abzug der Vermögensverwaltungs-Gebühren entspreche dies einer durchschnittlichen Anlageperformance von 6%, sagte Geschäftsleitungsmitglied Ruedi Bodenmann. Der Pictet-Vergleichsindex habe nur 0,2% besser abgeschnitten.

Mit 1,6 Mrd. Franken hätten Verwaltungskosten zu Buche geschlagen, die den Kunden nicht verrechnet worden seien. «Zusätzlich haben wir für die Solidität unseres Geschäftes 1,5 Mrd. Franken den Reserveverstärkungen zugewiesen», sagte Bodenmann.

Auf der anderen Seite seien die Prämien für Tod und Invalidität um 2,1 Mrd. Franken höher ausgefallen als die erbrachten Leistungen. Unter dem Strich seien damit aus den letzten 17 Jahren 845 Millionen für die Deckung der Risikokapitalkosten verblieben.

Reserven von Börsenturbulenzen zerzaust

Im letzten beiden Jahren hat dann der Börseneinbruch die Bewertungs-Reserven auf den Kapitalanlagen in den Keller gerissen, nachdem sie zuvor während der Aktieneuphorie in die Höhe geschossen waren.

Von 5,5 Milliarden im Jahr 2000 sackten die Bewertungsreserven (Differenz von Markt- und Buchwert) auf 1,9 Mrd. Franken im letzten Jahr ab. Und seither sind sie weiter geschmolzen.

Dabei habe die Rentenanstalt eine konservative Anlagepolitik verfolgt, so die Verantwortlichen.

Der Aktienanteil am angelegten Vermögen sei seit Anfang 2002 auf 7% gesunken. Mit der vorsichtigeren Anlagestrategie habe die Rentenanstalt weitere Verluste begrenzen können, sagte Bodenmann.

Werben für tieferen Mindestzinssatz

Vor diesem Hintergrund sei die vorgeschriebene BVG-Mindestverzinsung von 4% viel zu hoch, sagte Chlapowski. Der Mindestzins müsse sich an der risikofreien Verzinsung der Bundesobligationen orientieren, die tiefer liegt.

Allerdings hielt Chlapowski fest, dass sein Unternehmen auch «im heutigen schwierigen Umfeld» in der Lage sei, allen Verpflichtungen jederzeit nachzukommen.

Offenlegung bald auch von anderen Versicherungen

Weitere Versicherer wollen dem Beispiel der Rentenanstalt folgen und ebenfalls für Transparenz bei der 2. Säule sorgen. Dies sagten die Konzernsprecher der Zurich, Winterthur und Bâloise auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda.

Die Winterthur Gruppe will ihre Zahlen bereits nächste Woche publizieren. Wie detailliert dies sein wird, ist indes noch offen. Die Zurich Financial will «in einem ähnlichen Rahmen wie die Rentenanstalt» für Transparenz sorgen.

swissinfo und Agenturen

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