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Von Kalifornien ins Tessin: Eine Reise in die Schweizer Dörfer ihrer Vorfahren

Eine Frau mit Sonnenhut, dahinter eine Kirche und der Blick auf einen See
Nicole Holst kam zum ersten Mal ins Tessin, um die Dörfer ihrer Vorfahren zu suchen, und genoss einige Ausflüge in und um Locarno. Nicole Holst

Letzten Sommer besuchte Nicole Holst die kleinen Dörfer im Süden der Schweiz, in denen alle ihre Ururgrosseltern geboren wurden, bevor sie im 19. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten auswanderten. Diese Reise half ihr, sich selbst und ihre Träume besser zu verstehen.

Nicole Holst, die in Kalifornien geboren und aufgewachsen ist, wusste schon immer, dass ihre Vorfahren aus der Schweiz stammten. Als Kind besuchte sie oft die Negranti Ranch in Cambria an der kalifornischen Zentralküste, wo ihre Urgrossmutter Mary Clementine Negranti (geb. Bassi) lebte.

Die Gegend war bei Eingewanderten aus dem Kanton Tessin sehr beliebt. Auf der Karte der kalifornischen Central Coast und des Valley sind noch heute Ranches, Weinberge, Weingüter und Strassen mit Tessiner Familiennamen zu sehenExterner Link.

«Sie feierte immer eine Geburtstagsparty, und das war jeweils sehr spannend, weil es eine grosse Familie war – sie war eines von elf Kindern», erinnert sich Holst.

«Meine Cousins und ich gerieten oft in Schwierigkeiten, weil wir Bullen jagten und uns am giftigen Efeu verletzten. Wir hatten auch diese grossen Familiengrillpartys mit schweizerisch-italienischer Wurst.»

Holsts Grossmutter zog nach dem Tod ihres Grossvaters mit ihren drei Töchtern – darunter die zweijährige Lynette, Nicoles Mutter – von der Familienranch nach San Luis Obispo, das eine halbe Autostunde südlich von Cambria liegt.

«Dieses Jahr habe ich viel über Familie nachgedacht. Vor etwa zehn Jahren habe ich meine Mutter verloren und ich bin gerade zum zweiten Mal nach New York gezogen. Zuvor hatte ich wieder eine Zeit lang in meiner Heimat Kalifornien gelebt – in jener Gegend, in der sich die Ranch befindet», erzählt die 43-Jährige.

«Als ich jetzt als Erwachsene dorthin zurückkehrte, wurde ich traurig, weil ich mir wünschte, ich hätte mich früher damit beschäftigt. Ich habe mich ein wenig von diesem Teil meiner Familiengeschichte entfernt» , sagt sie.

«Aber der erneute Umzug zurück nach New York brachte mich dazu, über Traditionen und Familie nachzudenken und mich zu fragen: ‘Warum bin ich so, wie ich bin?’ und ‘Bin ich die Einzige, die das Bedürfnis hat, sich zu entfalten, umzuziehen und Neues zu entdecken?’.»

Die Auswanderung liegt ihr im Blut

Im vergangenen Mai beschloss Holst, einer Einladung einer Schweizer Freundin, die sie im College kennengelernt hatte, zu folgen und nach Europa zu fliegen. Sie wollte herausfinden, aus welchen Orten ihre Ururgrosseltern mütterlicherseits und väterlicherseits genau ausgewandert waren.

Innerhalb weniger Tage besuchte sie einige kleine Dörfer im Maggiatal im Südschweizer Kanton, aus denen die Negrantis stammten. Danach erkundete sie Giubiasco und Sant’Antonino, die Heimat der Familie Bassi.

Vor der Reise hatte sie sich an Mitglieder einer Facebook-Gruppe für Nachkommen von Ausgewanderten aus dem MaggiatalExterner Link gewandt, um Tipps zu erhalten.

«Ich war einfach neugierig, warum sie weggezogen sind, denn ich finde die Schweiz so schön. Aber soweit ich verstanden habe, suchten sie mehr Verdienstmöglichkeiten. Nachdem ich dort war, konnte ich sehen, dass es sich um winzige Dörfer handelt», sagt Holst.

Nach ihrer Ankunft in den USA betrieben ihre Ururgrossväter in Kalifornien Landwirtschaft und Viehzucht, bis es ihnen gelang, ein eigenes Unternehmen aufzubauen. «Die Ranch ist wahrscheinlich mehrere Milliarden Dollar wert, denn sie umfasst tausend Morgen Land mit Blick auf die kalifornische Küste», sagt sie.

Als Holst durch die engen Gassen der Dörfer schlenderte, in denen ihre Vorfahren bis in die 1870er-Jahre gelebt hatten, verspürte sie ein Gefühl der Erleichterung. «Ich war einfach neugierig, wie es dort aussieht, wo wir herkommen, und ob es mir etwas über mich selbst verraten würde», sagt sie.

«Ich war schon immer ziemlich ehrgeizig, bereit, Neues zu entdecken, und wollte nicht einfach in meiner kleinen Stadt bleiben. Mir wurde klar, dass das tatsächlich in meiner Genealogie liegt. Das bin nicht nur ich. Andere Mitglieder meiner Familie sind so weit gekommen und waren erfolgreich. Ich bin sehr stolz auf sie.»

Die Leidenschaft für Gastfreundschaft

Die grösste Überraschung der Reise war die Entdeckung, dass Mitglieder beider Familienlinien im Gastgewerbe tätig waren. Während einer Weinverkostungstour in Giubiasco erfuhr Holst, dass die Familie Bassi auch heute noch ein Hotel in Sant’AntoninoExterner Link besitzt.

Bei ihrem Besuch im Valle Maggia sah sie ein altes Steinhaus mit dem Namen Bonetti zum Verkauf. Holst erinnerte sich daran, in einem Zeitungsausschnitt über ihre Familiengeschichte gelesen zu haben, dass ihre Vorfahren namens Bonetti ein Hotel betrieben hatten.

«Ich habe tatsächlich darüber nachgedacht, Teile meines Hauses über Airbnb zu vermieten», sagt sie und fügt hinzu: «Und meine Mutter hat oft davon gesprochen, dass sie ein Bed & Breakfast eröffnen möchte. Das ist etwas, worüber ich nachdenke, aber es ist verrückt, dass es vielleicht in meiner Familiengeschichte liegt!»

Die Reise war kurz, aber inspirierend. «Man versteht sich selbst besser, wenn man weiss, woher man kommt und was die Vorfahren getan haben», sagt Holst. «Und dann schätzt man die Möglichkeiten, die man hat, weil sie das getan haben.»

Die Kalifornierin hat viele Bilder aus dem 19. Jahrhundert von verschiedenen schweizerisch-italienischen Familien geerbt, die mit ihrer eigenen verwandt sind. Sie möchte sich die Zeit nehmen, die Fotos zu sichten und diese wenn möglich den Nachkommen der darauf abgebildeten Menschen übergeben.

Tessiner Traditionen in Kalifornien

Holst besitzt keinen Schweizer Pass, kennt sich mit Polenta jedoch bestens aus. In einem kleinen Laden im Maggiatal kaufte sie den typischen Holzlöffel, mit dem man Polenta umrührt, für ihre Cousine in Kalifornien. Letztere bereitet dieses typische Tessiner Gericht aus gekochtem Maismehl noch immer zu.

Zwei Frauen stellen Würste her
Nicole Holsts Cousine Carolynn Negranti-Beason (links) stellt auf der Negranti-Ranch noch immer Tessiner Wurst her. Nicole Holst

Holst spricht kein Italienisch, aber ihre Mutter und viele Verwandte sind auf einem kalifornischen Friedhof begraben, auf dem viele schweizerisch-italienische Namen zu finden sind.

«Sie haben sich in den USA definitiv zusammengetan, und ich glaube, so haben sich meine Urgrosseltern in Kalifornien kennengelernt», sagt Holst. Dabei denkt sie an die Fotos, auf deren Rückseite ihre Urgrossmutter die Namen der Personen notiert hat.

Die Reise war für Holst, die nicht mit dem Ziel einer genealogischen Recherche angereist war, eine erste Begegnung mit dem Tessin. Doch die Informationen, auf die sie während ihres Besuchs stiess, weckten in ihr den Wunsch, wiederzukommen.

«Wenn ich zurückkäme, würde ich in das Hotel in Sant’Antonino gehen, um mehr über die Familie Bassi zu erfahren, die mit meiner Urgrossmutter verwandt ist.»

Eine kurze Recherche auf genealogischen Online-Plattformen deutet darauf hin, dass Guido Bassi, der das Hotel 1963 eröffnete, ein Cousin zweiten Grades ihres Grossvaters sein könnte. Ein persönliches Treffen und der Austausch persönlicher Dokumente könnten Licht in den Stammbaum bringen.

Editiert von Samuel Jaberg/gw, Übertragung aus dem Englischen mithilfe von Deepl: Christian Raaflaub

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