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Skyguide in Bedrängnis

Spezialisten auf beiden Seiten der Grenze versuchen, den Unfall-Hergange zu rekonstruieren. Keystone

Die Schweizer Flugsicherung Skyguide gerät nach der Flugzeugkollision weiter unter Druck. Erneut lieferte sie widersprüchliche Informationen zur Unglücksnacht.

Zum Zeitpunkt des Unglücks war ein Kollisions-Warnungssystem auf dem Flughafen Kloten ausser Betrieb. Das bestätigte der Geschäftsleiter von Skyguide, Carlo Bernasconi, gegenüber swissinfo. Das System sei wegen Wartungsarbeiten abgeschaltet gewesen.

Das Alarmsystem – das «Short Term Conflict Alert System» (STCA) – warnt Fluglotsen spätestens 1,5 Minuten vor einer Kreuzung.

STCA als Airbag

Bernasconi wollte nicht spekulieren, ob das System den Zusammenprall verhindert hätte oder nicht. «Das System ist ein Auffangnetz, ein Airbag für den Fluglotsen, im Falle, dass er den Konflikt nicht sieht. Aber wie die Auswertung zeigt, hat der Controller den Konflikt gesehen.»

Der Fluglotse, der während des Unglückes Dienst tat, konnte bisher nicht einvernommen werden, da er immer noch unter Schock steht.

Fluglotse allein gegen die Weisung?

Um den Ausfall des Systems zu kompensieren, taten gemäss einer internen Weisung in der Unglücksnacht zwei Fluglotsen Dienst. Mit Einverständnis seines Kollegen hatte der zweite Mann jedoch eine Pause gemacht.

Von Skyguide wurde dies zuerst als eine Verletzung der Pflichten angesehen, wie der Leiter von Skyguide in Zürich, Anton Maag, gegenüber Radio DRS sagte. Skyguide-Mediensprecher Patrick Herr relativierte diese Darstellung von Maag: Wenn wenig Verkehr herrsche, dürfe die zweite Person den Raum nach Absprache mit ihrem Kollegen verlassen.

Skyguide unter Druck

Durch diese neuen Erkenntnisse gerät Skyguide immer stärker in Bedrängnis. Bereits am Vortag hatte sie ihre Informationen korrigieren müssen, der Lotse habe den russischen Piloten 90 Sekunden vor der Kollision angerufen, um ihn auf eine tiefere Flugebene umzuleiten. Am Abend räumte Skyguide schliesslich ein, dass der Aufruf lediglich 50 Sekunden vor dem Unglück erfolgt war.

Fragen wirft auch ein Bericht des Büros für Fluguntersuchung (BFU) auf. Ihm ist zu entnehmen, dass bei Skyguide unabhängig von der Flugkatastrophe am Bodensee Mängel bei den Radar-Systemen bestehen. Sie werden vom BFU in einem Fall sogar als gravierend eingestuft.

Behörden ermitteln

Die Skyguide-Verantwortlichen müssen nach der Kollision auch mit rechtlichen Schritten der Behörden in Deutschland und der Schweiz rechnen.

Die Staatsanwaltschaft Konstanz eröffnete bereits ein Verfahren wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung und will auch Skyguide befragen. In der Schweiz nahm Bundesanwalt Valentin Roschacher Kontakt mit den zuständigen Zürcher Strafverfolgungs-Behörden auf.

Bergungsarbeiten gehen weiter

Während des Tages gingen die Bergungsarbeiten weiter. Bis Donnerstagmorgen konnten 67 Tote geborgen werden. Trümmer und Leichenteile der Unglücksflugzeuge waren kilometerweit verstreut am nordwestlichen Bodenseeufer niedergegangen.

Insgesamt waren bei der Kollision einer Frachtmaschine und eines russischen Passagierflugzeuges über Überlingen am Bodensee in der Nacht auf Dienstag 71 Personen ums Leben gekommen.

Unter den Opfern sind offenbar weniger Kinder als zunächst angenommen. Der Direktor des Reiseveranstalters, der die Reise organisierte, erklärte am Mittwoch, 45 Kinder und Jugendliche hätten sich an Bord der russischen Maschine befunden. Zunächst waren die Behörden von 52 Kindern ausgegangen.

Aufschluss über die genaue Unglücksursache soll die Auswertung der Flugschreiber und der Stimmenrekorder bringen. Damit soll voraussichtlich am Donnerstag begonnen werden.

swissinfo und Agenturen

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