The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter

Überraschender Führungswechsel bei ABB

Der neue ABB-Konzernchef Jürgen Dormann. Keystone Archive

ABB-Geschäftsführer und Verwaltungsrat Jörgen Centerman tritt überraschend ab. Verwaltungsratspräsident Jürgen Dormann übernimmt nun die operative Leitung.

Damit geht die schwedische Ära an der Spitze des Technologie-Konzerns zu Ende.

ABB kommt nicht zur Ruhe. Zu Finanzproblemen kommen seit einiger Zeit Unklarheiten in der Führung: Jörgen Centerman war gerade mal 20 Monate im Amt. Der 51-Jährige hatte seine ganze bisherige Berufstätigkeit bei ABB verbracht.

Es habe sich einiges geändert bei ABB, sagte Jürgen Dormann am Donnerstagabend in einer Telefonkonferenz: «Der Verwaltungsrat ist nicht mehr so geduldig wie in der Vergangenheit.» Centerman sei nicht entlassen worden, sondern habe seinen Rücktritt eingereicht.

Der Deutsche Dormann ist seit 1998 Mitglied im ABB-Verwaltungsrat und seit November 2001 Vorsitzender des Gremiums. Zugleich steht er an der Spitze des Aufsichtsrats von Aventis, dem internationalen Pharmaunternehmen.

Konflikte Jürgen – Jörgen

Gemäss Jörgen Centerman sei die Ursache seines Abgangs ein Konflikt mit Jürgen Dormann. Er habe die Konsequenzen aus der Beziehung gezogen und sich entschlossen, zurück zu treten, erklärte Centermann gegenüber der schwedischen Nachrichtenagentur TT und der schwedischen Tageszeitung «Dagens Industri».

Jürgen Dormann sagte: «Centerman war einverstanden oder hat gedacht, dass die Gruppe neues Blut brauche.» Über die Gründe des Rücktritts wolle er nicht spekulieren.

Im Unterschied zu seinen Vorgängern Percy Barnevik und Göran Lindahl erhält Centerman laut Konzernangaben keine überrissene Abfindung. Da Centerman seinen Vertrag selbst gekündigt habe, sei keine Abgangsentschädigung vorgesehen, sagte ABB-Sprecher Thomas Schmidt.

Verunsicherung bei Angestellten und Börse

Centermans Rücktritt bedeute für ABB keine Destabilisierung. Der Konzern würde durch den Wechsel nicht umorganisiert, so Dormann. Auch die operativen Ziele würden nicht geändert. ABB will dieses Jahr eine Betriebsgewinn-Marge von vier bis fünf Prozent erreichen.

Die ABB-Angestellten fragen sich, welche Konsequenzen der abrupte Wechsel an der Konzernspitze haben wird. In einer Mitteilung des Verbandes Schweizerischer Angestelltenvereine der Maschinen- und Elektroindustrie (vsam) wünschen sie sich von der «ABB-Führung bald wieder einmal eine überzeugende Vision».

Der Wechsel an der Konzernspitze von ABB hat die Anleger trotz insgesamt positiven Kommentaren von Experten nicht beruhigen können. Die ABB-Aktien haben am Freitag an Wert verloren. Bei Handelsschluss notierten die ABB-Titel bei 8,21 Franken. Dies entspricht einem Rückgang um 1,7 Prozent.

«Dormann wäre an und für sich positiv. Aber schon wieder ein Wechsel. Das bringt wohl kaum Ruhe in die verunsicherte Mannschaft und stärkt das Anlegervertrauen wohl auch nicht nachhaltig», fasste ein Händler zusammen.

Der Managementwechsel sei eine positive Entwicklung, da Centermans Leistungen in den zwanzig Monaten nicht beeindruckt hätten, hiess es in einem Kommentar der Bank Sarasin. Dormann dürfte das Vertrauen der Investoren zurückgewinnen.

Geldnöte

ABB wird seit einiger Zeit von Geldsorgen geplagt. Im ersten Halbjahr 2002 brach der Gewinn um 62 Prozent auf 101 Mio. Dollar (rund 149 Mio. Schweizer Franken) ein. Der Umsatz gab um 2 Prozent auf 10,9 Mrd. Dollar nach. Das letzte Jahr hatte mit einem Verlust von 691 Mio. Dollar geschlossen.

Um den Schuldenberg zu reduzieren hat das Unternehmen verschiedene Bereiche sowie Immobilien verkauft. Am Mittwoch war die Veräussserung der Sparte Structured Finance an den US-Konzern General Electric bestätigt worden. Dafür erhält ABB 2,3 Mrd. Dollar.

Weitere Verkäufe geplant

Unter anderem soll der Bereich Building Technologies einen neuen Besitzer finden. Bis Ende Jahr will ABB die Schulden auf 2,6 Mrd. Dollar abgetragen haben.

Dormann zeigte sich am Donnerstagabend nicht glücklich über die Geschwindigkeit, mit der die Aktiven veräussert würden. Der Verkauf solle beschleunigt werden.

ABB-Chefs auf Schleudersitzen

Der Abgang Centermans reiht sich in eine Serie von überraschenden Wechseln an der ABB-Spitze ein. Centerman hatte auf Anfang 2001 die Konzernleitung seines Landsmannes Göran Lindahl übernommen, der wenige Monate zuvor seinen Rücktritt angekündigt hatte.

Lindahl hatte das Amt 1997 als Nachfolger von Percy Barnevik angetreten, der sich auf das Präsidium des Verwaltungsrates beschränkte. Barnevik hatte ABB im letzten November verlassen, wo er als Verwaltungsrats-Präsident durch Dormann ersetzt wurde.

Barnevik und Lindahl kamen im letzten Februar wegen Abgangs-Entschädigungen und Pensionskassen-Zahlungen von 233 Mio. Franken unter Beschuss. Davon zahlten beide nach Abschluss eines Vergleichs 137 Mio. Dollar zurück. Die Bezirksanwaltschaft Zürich hatte in der Folge eine Strafuntersuchung eingereicht.

swissinfo und Agenturen

Für den neuen ABB-Konzernchef Jürgen Dormann ist es wichtig, das Vertrauen der Investoren und des Marktes wieder herzustellen.

Der Technologiekonzern möchte jetzt schneller umsetzen, was er früher angekündigt habe, sagte Dormann.

Jürgen Dormann, VR-Präsident und neuer CEO bei ABB, will die Umstrukturierung schneller vorantreiben.
Angestellte und Börse sind verunsichert über den abrupten Wechsel.

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft