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1957 stimmten im Dorf Unterbäch die ersten Schweizer Frauen ab – illegal, unter Protest der Männer, ihre Stimmen blieben unausgezählt. SWI Redaktorin Gaby Ochsenbein hatte 2009 einige von ihnen besucht. 

Dieser Inhalt wurde am 10. August 2009 - 11:00 publiziert

Nein, sie sei damals nicht abstimmen gegangen, ihre Schwestern schon, sagt eine ältere Frau auf der Dorfstrasse. "Überall standen Journalisten mit Kameras herum. Ich war hochschwanger, der Rummel war mir einfach zuviel."

Das historische Abstimmungslokal, ein kleines Haus, steht mitten im Dorf. Heute befindet sich dort die Sennerei "Milchhitte". "Da, im oberen Stockwerk fand die Abstimmung statt", erklärt Rosa Weissen.

swissinfo.ch-Serie zu 50 Jahre Frauenstimmrecht

Am 7. Februar 1971 sagten die Schweizer Männer Ja zum Frauenstimmrecht – 123 Jahre nach der Staatsgründung. Die Schweiz war somit eines der letzten Länder, welche das allgemeine Wahlrecht einführte. Das macht sie, die international gern als Modell der direkten Demokratie zitiert wird, zu einer jungen liberalen Demokratie.

SWI swissinfo.ch widmet dem unrühmlichen Jubiläum einen Schwerpunkt mit Textbeiträgen, Videos und Bilderstrecken.

Am 4. März organisiert SWI swissinfo.ch eine digitale Podiumsdiskussion zum Thema "50 Jahre nach dem Frauenstimmrecht: Alte Machtfrage, neue Kämpferinnen, neue Erfolge". Teilnehmerinnen: Marie-Claire Graf, Klimaaktivistin und UNO-Klimabotschafterin; Estefania Cuero, Spezialistin für Diversität und Menschenrechte sowie Regula Stämpfli, Politikwissenschafterin mit Spezialgebiet Macht.

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Sie ist die erste Gemeindepräsidentin des 440-Seelen-Dorfes im Oberwallis, das vor 64 Jahren für Aufruhr in der Schweiz und Schlagzeilen in der internationalen Presse gesorgt hat. Sogar die New York Times berichtete darüber.

Der Gang im Dunkeln

1957 wurde auf nationaler Ebene über einen obligatorischen Zivildienst für Frauen abgestimmt. Allerdings durften sich die Frauen dazu nicht äussern. Das Stimmrecht wurde in der Schweiz erst 14 Jahre später eingeführt.

Das fand Paul Zenhäusern, der damalige Gemeindepräsident von Unterbäch, nicht in Ordnung, schliesslich betraf die Vorlage die Frauen direkt. Und so erteilte er zusammen mit seinen Ratskollegen den Frauen kurzerhand ein einmaliges Stimmrecht – gegen den Willen der Landesregierung.

33 von 86 Unterbächerinnen wagten den Gang ins Abstimmungslokal, abends nach dem Eindunkeln, um den Beschimpfungen konservativer Nachbarn auszuweichen. Ihre Stimmen wurden nie ausgezählt. Seit diesem medienwirksamen Urnengang nennt sich Unterbäch "das Rütli der Schweizer Frau".

Eine Skulptur vor dem alten Gemeindehaus, halb im Schnee vergraben, erinnert daran. Lesen kann man lediglich "...Unterbäch Frauen".

Verankert in der Erinnerung

Jedes Kind in Unterbäch kenne die Bedeutung dieses historischen Ereignisses vom 3. März 1957, sagt Rosa Weissen von der Fortschrittspartei Unterbäch. "Man weiss im Dorf noch heute genau, welche Frauen damals an die Urne gingen." Alle gehörten zur CSP, der Christlich-sozialen Partei. Auch die Mutter der amtierenden Gemeindepräsidentin war dabei.

Die erste Schweizerin im Land, die ihre Stimme abgegeben hat, war Katharina Zenhäusern, die Frau des Gemeindepräsidenten und Halbcousine der heutigen Gemeindepräsidentin. An die Ereignisse von damals kann sich die zierliche 90-Jährige noch bestens erinnern.

Katharina Zenhäusern (87-jährig) fotografiert in Unterbäch. Die Frau des damaligen Gemeindepräsidenten starb 2014. Olivier Maire/Keystone

"Das geht nicht so schnell aus dem Kopf." Sie sei stolz, dass es die Frauen soweit gebracht hätten, auch wenn sie selber weder eine Politikerin noch Frauenrechtlerin sei, erklärt sie.

Laut und explosiv

Viel sei los gewesen damals im Dorf, erinnert sich die Pionierin. "Ich hätte nicht gedacht, dass das Interesse so gross sein wird. Es war etwas ganz Neues, bisher sah man die Frau immer nur im Haushalt – für einige Männer war der Urnengang eine Enttäuschung, auch Frauen haben sich dagegen gewehrt."

Stolz ist die erste Stimmbürgerin der Schweiz auf ihren verstorbenen Mann Paul, der ein "Befürworter der Frauen" war. Andere Männer hätten "deprimiert" auf den Skandal reagiert. Aus Angst vor Machtverlust? Kann sein, meint Katharina Zenhäusern und lächelt verschmitzt.

Die Frau hinter der Aktion

Dass die erste Frauen-Protest-Wahl im Kanton Wallis stattfand, war kein Zufall. Paul Zenhäusern war von Iris von Roten zu seiner Aktion inspiriert worden, der Frau eines Grossratskollegen. Iris von Roten wurde ein Jahr später, 1958,  mit ihrem Buch »Frauen im Laufgitter» zu einer nationalen Berühmtheit – aber nicht zu ihrem Vorteil:  Ihre scharfe Analyse der Unterdrückung der Frau wurde in der Presse wütend zurückgewiesen. Der Verlag und sogar die Frauenverbände distanzierten sich von ihr.

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Germaine Zenhäusern, die älteste Tochter der "Heldin von Unterbäch" war 1957 sechsjährig und erinnert sich noch gut an den Aufruhr in den Strassen.

"Ich merkte, dass etwas Wichtiges los war und meine Mutter etwas Besonderes war. Vor allem aber war ich verängstigt, weil es so laut zu und her ging." Gehänselt worden sei sie aber nie wegen ihrer Mutter. "Es war wie es immer ist im Wallis: zuerst sehr explosiv und nachher ist es vorbei."

Endlich mitreden

Germaine Zehnhäusern merkte bald nach dem "illegalen" Urnengang, dass den Frauen nicht die gleichen Rechte zustanden wie den Männern. Sie erlebte, wie die Abstimmung über das Frauenstimmrecht bachab ging.

1971, als das Frauenstimmrecht in der Schweiz eingeführt wurde, war sie genau 20 Jahre alt. "Endlich durfte ich mitreden." Sie ging zwar nie direkt in die Politik, engagiert sich aber seit jeher für Frauenfragen und in Frauenvereinen. "Ganz der Papa", entfährt es der Mutter mit grossem Stolz.

Die alte Frau Zehnhäuser ist glücklich, dass der Kanton Wallis seit Kurzem erstmals eine Frau in der Regierung hat. Und besonders freut es sie, dass ihre Cousine nun Gemeindepräsidentin ist.

Diese sieht das nüchtern: "Klar bin ich stolz, aber wir hatten schon vor 16 Jahren erstmals eine Frau im Gemeinderat - das war etwas Besonderes. Heute ist das selbstverständlich." Ob Mann oder Frau spiele keine Rolle mehr, man müsse seine Arbeit machen.

In den letzten 50 Jahren hat sich laut der Präsidentin und ehemaligen Lehrerin viel zu Gunsten der Frauen verändert und der historische Urnengang von 1957 habe Spuren hinterlassen. "Es gab hier schon früh starke Frauen, die Restaurants, den Dorfladen oder die Post führten."

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