7 Grafiken, die zeigen, wie es LGBTIQ+-Personen in der Schweiz geht
Wie lebt es sich als queere Person in der Schweiz? Eine Studie gibt Aufschluss über Diskriminierung, Coming-outs und Selbstverletzungen. Und sie zeigt: Die Kampagne gegen Geschlechterminoritäten in den USA wirft einen langen Schatten.
Es ist bereits die sechste grosse Umfrage der Forschenden Tabea Hässler und Léïla Eisner von Universität Zürich. Anfang Jahr haben sie die Ergebnisse der jüngsten Umfrage des LGBTIQ+ Panels veröffentlicht – der wichtigsten Längsschnittstudie der Schweiz.
6117 Personen haben an der Ausgabe 2025 teilgenommen: davon 5422 LGBTIQ+-Personen und 695 endogeschlechtlich cis-heterosexuelle Personen.
Im Folgenden greifen wir die interessantesten Ergebnisse auf.
Diskriminierung: Eine Gruppe ist klar am stärksten betroffen
Geschlechtliche Minderheiten, etwa trans Personen und non-binäre Personen, erleben in der Schweiz deutlich mehr Diskriminierung als Angehörige sexueller Minderheiten.
Am häufigsten sind sie abfälligen Bemerkungen ausgesetzt: Über 93 Prozent berichteten, dass sie Ziel deplazierter Witze geworden sind.
Am zweithäufigsten ist der Fall, dass sie in ihrer Identität nicht ernst genommen werden – wobei die Diskriminierungserfahrungen im Erwachsenenalter über alles gesehen minimal zurückgehen.
Als «besorgniserregend» bezeichnet der Bericht die sexuellen Belästigungen, insbesondere von intergeschlechtlichen Personen. In dieser Gruppe war jede:r Zweite von sexueller Belästigung betroffen.
Typischerweise finden Diskriminierungen im öffentlichen Raum statt. Mehr als die Hälfte der Angehörigen geschlechtlicher Minderheiten hat hier Diskriminierung erlebt. Bei den sexuellen Minderheiten ist es ein Drittel. Danach folgen die sozialen Medien.
Aber auch die Familie stellt einen Ort der Diskriminierung dar, wie der Bericht festhält. Jede dritte trans Person oder non-binäre Person wurde demnach innerhalb der Familie diskriminiert.
LGBTIQ+: Die Abkürzung steht für lesbische, schwule, bisexuelle, transgeschlechtliche, intergeschlechtliche und queere Menschen; das Plus steht als Platzhalter für weitere Identitäten.
Cis-heterosexuell: Bezeichnet Personen, die sich mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren (cis) und sich zum jeweils anderen Geschlecht hingezogen fühlen (hetero).
Queer: Ein positiver Sammelbegriff für alle Personen, die von gesellschaftlichen Normen in Bezug auf Geschlecht oder sexuelle Orientierung abweichen.
Non-binär: Ein Sammelbegriff für Menschen, die sich nicht oder nicht ausschließlich als Mann oder Frau definieren.
Trans: Menschen, deren geschlechtliche Identität nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.
Intergeschlechtlich: Menschen, die mit körperlichen Merkmalen (wie Hormonen oder Genitalien) geboren wurden, die medizinisch nicht eindeutig als nur männlich oder weiblich eingeordnet werden.
Coming Out: Das freiwillige Offenbarmachen der eigenen geschlechtlichen oder sexuellen Identität.
Wohlbefinden: Schwule und lesbische Personen fühlen sich insgesamt gut
Sexuelle Minderheiten sind in der Schweiz laut der Studie praktisch gleich glücklich wie ihre endogeschlechtlichen cis-heterosexuellen Peers.
Die beiden weiteren Gruppen haben schlechtere Umfragewerte, wobei Angehörige geschlechtlicher Minderheiten in der Schweiz das geringste Wohlbefinden aufweisen.
Gefragt wurde in diesem Fall, wie oft die Teilnehmenden auf einer Skala von 1 (sehr selten) bis 7 (sehr häufig) in den letzten 12 Monaten positive respektive negative Emotionen erlebt haben.
Mentale Gesundheit: Die Jugend hat die grössten Probleme
Auch bei der mentalen Gesundheit weisen trans- und non-binäre Personen die schlechtesten Werte auf. Über die Hälfte dieser Gruppe gibt an, dass es schlecht um ihre psychische Gesundheit steht. Bei Jugendlichen sind es gar 56 Prozent, und nur jede:r fünfte fühlt sich gut.
Angehörige sexueller Minderheiten schätzen ihre psychische Gesundheit hingegen nur leicht schlechter ein als endogeschlechtlich cis-heterosexuelle Personen Intergeschlechtliche Personen bewegen sich im Mittelfeld.
In allen Gruppen verbessert sich die Selbsteinschätzung der psychischen Gesundheit im Erwachsenenalter.
Selbstverletzungen: Fast 50 Prozent der trans Jugendlichen sind betroffen
Selbstverletzendes Verhalten ist bei Erwachsenen deutlich seltener als bei Jugendlichen. Das gilt für alle im Bericht untersuchten Gruppen.
So sinkt der Anteil bei den endogeschlechtlich cis-heterosexuellen Menschen von 19,6 auf 7,7 Prozent, bei den sexuellen Minderheiten von 27,9 auf 12,6 Prozent.
Alarmierend hoch sind die Zahlen bei trans Personen, non-binären Personen sowie intergeschlechtlichen Personen, wo jede:r dritte Erwachsene und mit 49,7 Prozent praktisch jede:r zweite Jugendliche selbstverletzendes Verhalten zeigt.
Coming-outs: Das grösste Vertrauen geniesst der Freundeskreis
Der Bericht liefert auch ein detailliertes Bild, in welchen Kontexten LGBTIQ+-Personen ihre Identität sichtbar machen.
Am grössten ist das Vertrauen demnach in den Freundeskreis, gefolgt von der Familie. Am Arbeitsplatz sind Coming-outs zudem häufiger als im Studium.
Am wenigsten oder wenigsten vollständig geoutet sind LGBTIQ+-Personen in der Schule und in der Lehre, was aber auch damit zusammenhängt, dass viele ein paar Jahre brauchen, bis sie offen zu ihrer sexuellen Identität oder ihrer Geschlechteridentität stehen.
Gesellschaftliches Klima: Nur eine Gruppe fühlt sich akzeptiert
Über 40 Prozent der sexuellen Minderheiten fühlen sich in der Schweiz positiv wahrgenommen, und nur ein Drittel klagt über ein negatives gesellschaftliches Klima.
Trans- und non-binäre Personen hingegen fühlen sich in der Schweiz weit weniger wohl. 76,5 Prozent dieser Gruppe nehmen das Klima als negativ wahr, nur 7,8 beschreiben es als positiv.
Der Bericht stellt diese Zahlen in den Kontext politischer Kampagnen gegen queere Personen, wie sie zuletzt insbesondere in den USA zu beobachten sind.
Intergeschlechtliche Personen fühlen sich in der Schweiz ebenfalls schlecht akzeptiert: 57,1 Prozent nehmen ein negatives Klima wahr.
Wie interpretieren die Forschenden der Universität Zürich die Resultate? Und welche gesellschaftliche Dringlichkeit erkennen sie darin? Lesen Sie hier unser Interview mit Tabea Hässler:
Mehr
Die queere Community in der Schweiz fürchtet einen Backlash
Editiert von Balz Rigendinger
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch