Die Faszination religiöser «Mega-Events»
Tausende lauschen dem Dalai Lama, während sich die Landeskirchen leeren. swissinfo sprach mit Expertin Klara Obermüller über religiöse Erfahrungen heute.
Die Kirchen sollten vermehrt eigene Quellen ausschöpfen, beispielsweise die Mystik, so die Publizistin.
swissinfo: Hatten Sie persönliche Begegnungen mit dem Buddhismus?
Klara Obermüller: Ich habe absolut keinen Hang zu fernöstlicher Spiritualität, ich bin zu stark in meiner westlichen, christlich-jüdischen Tradition verwurzelt.
Vor ein paar Jahren aber sah ich in einer Ausstellung über Buddhas die Figuren, die teils heiter lächelten, teils ernst in sich ruhten. Da ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass es ein anderes Lebensgefühl und Weltverständnis sein muss, wenn man mit solchen Figuren aufwächst und nicht wie wir mit der Figur des gemarterten Jesus am Kreuz.
swissinfo: Religion ist heute fast ausschliesslich durch «Mega-Events» präsent. Können religiöse Gefühle nur noch «Pop-Ikonen» wie der Dalai Lama oder der verstorbenen Papst vermitteln?
K.O.: Nein, natürlich nicht, aber es ist das, was uns die Medien vermitteln. Sie haben in den letzten Jahren mehr und mehr an Bedeutung erlangt, weil sie den Menschen ein starkes Erlebnis von Gemeinschaft geben und weil Figuren im Zentrum stehen, die Charisma haben. Das gilt sowohl für den verstorbenen Papst wie für den Dalai Lama.
swissinfo: Der Dalai Lama sprach in Zürich jeden Tag vor rund 10’000 Menschen. Was macht den tibetischen Buddhismus hier so populär?
K.O.: Wenn ich jetzt böse sein wollte, könnte ich sagen, es liege daran, dass die Leute relativ wenig darüber wissen. Das wenige aber ist sehr attraktiv: Der Buddhismus gilt als friedfertig, er appelliert an menschliches Mitgefühl, Barmherzigkeit und Achtsamkeit gegenüber Menschen, Tieren, Natur und der Schöpfung.
Das sind Werte, die wir alle gutheissen und nach denen wir uns alle sehnen. Diese Werte spielen aber auch in Christentum, Judentum und im Islam eine wichtige Rolle. Aber nur der Buddhismus wird diesen Werten gleichgesetzt, die anderen Religionen nicht. Hinzu kommt die Exotik: Es wirkt alles so heiter, friedlich und bunt. Man fühlt sich wohl dabei.
swissinfo: Die Menschen wenden sich in der Schweiz von den traditionellen Landeskirchen ab. Was müssten diese anders machen?
K.O.: Phänomene wie der Grossandrang beim Besuch des Dalai Lama stellen für die Landeskirchen eine sehr grosse Herausforderung dar, weil sie dadurch mit Defiziten konfrontiert werden: einerseits mit Sehnsüchten der Menschen, die sie offensichtlich nicht mehr zu stillen wissen, andererseits mit Mängeln der eigenen Institution.
Insbesondere die reformierte Kirche ist sehr stark aufs Wort konzentriert. Ein reformierter Sonntagsgottesdienst besteht aus ein paar Liedern, einer Predigt und Bibelworten.
Ein katholischer Gottesdienst ist etwas sinnlicher, dort kommt man emotional etwas mehr auf seine Rechnung, aber auch der Katholizismus ist nüchterner geworden in letzter Zeit. Es scheint, dass das nicht mehr ausreicht, um die Menschen im Innersten zu bewegen, oder poetisch gesagt, ihr Herz zu berühren.
Es geht aber natürlich nicht darum, dass die Landeskirchen Elemente des Buddhismus in ihre Gottesdienste einführen. Sie sollten sich vielmehr überlegen, wie sie auf ihre Weise die Menschen emotional besser erreichen und ihnen Gemeinschafts-Erlebnisse vermitteln könnten.
Viel läuft dabei über die Sprache. Der Dalai Lama hat auf dem Zürcher Münsterhof ganz einfache Botschaften vermittelt, in einer Sprache, die auch derjenige versteht, der theologisch nicht gebildet ist. Es war gar nichts Besonderes, was er sagte, aber es ist unmittelbar zu Herzen gegangen.
swissinfo: Spielt auch die Geschichte eine Rolle?
K.O.: Sicher, die christlichen Kirchen haben über Jahrhunderte hinweg mit Drohungen und Zwängen gearbeitet. Viele Leute haben den Eindruck, dass das Christentum nur aus Geboten und Verboten besteht. Gehorcht man nicht, wird man bestraft und kommt in die Hölle, wie es früher hiess. Der Buddhismus kennt weder Gottesbilder noch Dogmen. Das macht ihn, auf den ersten Blick zumindest, leichter erträglich.
Schön fände ich, wenn man sich in den christlichen Kirchen wieder vermehrt darauf besinnen würde, dass man auch in der eigenen Tradition Glaubensformen hat, welche die Gefühle ansprechen und die nicht so «verkopft» sind. Ich denke dabei an die Mystik, an pietistische Traditionen oder charismatische Gemeinschaften. Ich finde es ganz wichtig, die eigenen Quellen auszuschöpfen, bevor man sich auf das Fremde einlässt.
swissinfo: Sie sprechen damit den Dialog zwischen den Religionen an. Ist ein solcher Dialog überhaupt möglich? Und wo liegen seine Grenzen?
K.O.: Zunächst ist es wichtig, dass er überhaupt stattfindet. Lange Zeit hat man sich nur gegenseitig bekriegt, sich voneinander abgegrenzt oder schlecht gemacht. Heute begegnen wir uns, reden, feiern, singen und beten sogar miteinander.
Dabei können wir herausfinden, wo wir Gemeinsamkeiten haben. Und wir haben viele solche, vor allem in der Ethik. Es gibt kaum eine Religion, die nicht von Frieden, Menschen- und Nächstenliebe spricht. Über diese Werte können wir uns finden.
Schwierig wird es, wenn wir ins Dogmatische, also in die Lehren hinein gehen. Da gibt es Unterschiede, die man nicht verwischen sollte. Religion ist kein Eintopf, in den man von allem ein bisschen hineinwirft und dann umrührt.
Religionen sollen sich durchaus unterscheiden: In den Gewändern, in der Sprache, in den Ritualen, aber auch in den Glaubensinhalten. Diese Vielfalt soll erhalten bleiben. In der Vielfalt das Gemeinsame zu suchen, ohne die Unterschiede zu verwischen, das ist für mich interreligiöser Dialog.
swissinfo-Interview, Renat Künzi
Der Dalai Lama, das spirituelle und politische Oberhaupt der Tibeter, gastierte vom 5. bis 12. August in Zürich.
Sein Aufenthalt in der Schweiz löste ein riesiges Medienecho aus.
Vor bis zu 10’000 Menschen täglich hielt er im Hallenstadion Unterweisungen in buddhistischer Meditation.
Er nahm auch an zwei wissenschaftlichen Symposien teil und traf in nicht offiziellem Rahmen mit Innenminister Pascal Couchepin zusammen.
Die Publizistin Klara Obermüller ist Expertin für Religion und Kultur.
Sie war von 1996 bis 2003 Moderatorin der Sendung «Sternstunde Philosophie» am Schweizer Fernsehen.
Ihre Thesen: Viele Menschen setzen Buddhismus mit Friedfertigkeit, menschlichem Mitgefühl, Barmherzigkeit und Achtsamkeit gegenüber Menschen, Tieren, Natur und der Schöpfung gleich.
Das ist bei Christentum, Judentum und Islam, die ähnliche ethische Werte kennen, nicht der Fall.
Die Botschaft des Dalai Lama ist für alle verständlich und geht zu Herzen, während die Liturgien der Landeskirchen kaum mehr Emotionen wecken können.
Die Landeskirchen müssen sich vermehrt auf die eigenen Quellen besinnen, etwa die Mystik.
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