Jüdisches Leben in und um Baden
Bundesrätin Ruth Dreifuss, Kunstmäzenin Peggy Guggenheim und "Ben Hur"-Regisseur William Wyler haben ausser ihrer jüdischen Abstammung eine weitere Gemeinsamkeit: Sie alle stammen aus dem aargauischen Surbtal.
Eine Ausstellung dokumentiert das Leben der Juden vom 17. bis Ende des 20. Jahrhunderts in Baden.
Baden war im 19. Jahrhundert ein Zentrum jüdischen Lebens und für Jüdinnen und Juden aus dem aargauischen Surbtal das Tor zur Welt: Die Ausstellung «Jüdisches Leben in und um Baden» im Historischen Museum Baden dokumentiert das damalige Leben, gibt einen Einblick in Stadtgeschichte, Alltag und Feiertage.
«Aus der Geschichte der Integration der Juden können wir lernen, dass die Vielfalt der Kulturen, Riten und Lebensstile die Schweiz bereichern kann», betonte Ruth Dreifuss bei der Eröffnung am Mittwoch Abend.
Dreifuss erinnerte daran, dass durch das gegenseitige Bedürfnis, aufeinander zuzugehen, die Ghettos im Laufe der Zeit überwunden wurden.
Heute gelte es darauf zu achten, dass keine neuen Ghettos entstehen. «Niemand soll sich getrennt von der Gesellschaft der Menschen fühlen.»
Harte Zeit der Ausgrenzung
Die einzelnen Stationen in der Sonderausstellung des Historischen Museums berichten über die Zeitspanne von 1730 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts.
1730 mussten Juden für das Benutzen der Holzbrücke in Baden im Gegensatz zu allen anderen Passanten einen Leibzoll bezahlen.
Von 1696 bis 1792 mussten die Juden alle 16 Jahre gegen Gebühren einen «Schutz- und Schirmbrief» erneuern, der ihr Aufenthaltsrecht in der Grafschaft Baden regelte.
Im 17. Jahrhundert pachteten die Surbtaler Juden von der Stadt Waldshut eine Insel im Rhein. Auf dieser «Judeninsel» begruben sie ihre Toten. Erst 1750 konnten sie ein Grundstück für einen Friedhof zwischen Endingen und Lengnau (AG) erwerben. Das Aufenthaltsrecht der Juden wurde 1776 auf diese beiden Dörfer beschränkt.
Die jüdische Bevölkerung erlangte erst im 19. Jahrhundert im Zuge einer neuen demokratischen Ordnung die Niederlassungsfreiheit und das Schweizer Bürgerrecht. Erst dann konnte Baden ein jüdisches Zentrum werden und damit ein Tor zur Welt für Aargauer Jüdinnen und Juden. Den jüdischen Kaufleuten, die bis dahin vor allem Hausierer waren, wurde es möglich, in Baden Läden zu eröffnen. Viele von ihnen entschieden sich in der Folge, aus Endingen und Lengnau nach Baden zu ziehen.
Die jüdische Gemeinschaft in Baden wuchs bis Ende des ersten Weltkriegs an. 1913 wurde eine Synagoge eröffnet. In den zwanziger Jahren wurde das wirtschaftliche Umfeld zu eng, und viele Juden wichen in grössere Zentren aus. 1998 zählte die jüdische Gemeinde in Baden 40 Mitglieder.
Alltag und Fesstage, Krieg und Orangen
Die Ausstellung berichtet nicht nur über historische Zusammenhänge, sondern weiter vom Leben der Juden in Baden, zum Beispiel über Feste, Schule, Arbeit, die Mobilmachung, die Flüchtlingshilfe von Juden für Juden im zweiten Weltkrieg, aber auch vom Tourismus.
Bekannte Namen aus dem Surbtal
In der Kulturszene bekannte Namen haben ihren Ursprung im Surbtal. Die Familien von Peggy Guggenheim (1898 – 1979), Sammlerin und Kunstmäzenin und von «Ben Hur»-Regisseur William Wyler stammen aus dem Surbtal.
Die Künstlerin Alis Guggenheim (1896 – 1958) wuchs in Lengnau auf. Edith Oppenheim-Jonas, die «Mutter» der Comicfigur «Papa Moll», wurde von Baden aus bekannt.
Museumsführer lädt zu Entdeckungsreisen ein
Die Ausstellung «Jüdisches Leben in und um Baden» von Gina Moser und Elisabeth Sprenger will bei den Besuchern und Besucherinnen auch den Wunsch wecken, in Endingen, Lengnau und Baden die Orte jüdischer Kultur in der Schweiz zu entdecken. Der Museumsführer schlägt mit kurzen Erläuterungen zu den einzelnen Stationen auch eine Brücke von der Ausstellung in die historischen Orte.
Die Sonderaustellung «Jüdisches Leben in und um Baden» von Gina Moser und Elisabeth Sprenger im Historischen Museum Baden dauert bis am 19. Januar 2003.
swissinfo und Agenturen
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