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Vom Sonntag zum Konsumtag

Der Sonntag bleibt ein wichtiger Moment im sozialen Leben. Keystone

Bei der Abstimmung über die Ladenöffnungs-Zeiten geht es auch um die Rolle des Sonntags in der heutigen Gesellschaft.

Die Kirchen reden von einer Aushöhlung des Sonntags. Ein Anthropologe sieht eher einen Wandel im Sonntagsritus, Supermärkte seien die Kirchen von heute.

«Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen Werken, die er geschaffen und gemacht hatte.» Der im Buch Genesis der Bibel erwähnte göttliche Ruhetag nach der Erschaffung der Erde stellt den Ursprung eines wöchentlichen Ruhetags dar. Dieser Tag unterbricht traditionell den normalen Arbeitsrhythmus und wird der Anbetung Gottes gewidmet.

Um sich vom jüdischen «Sabbat» zu unterscheiden, wählten die Frühchristen den Sonntag als Ruhetag. Es ist der erste Tag der Woche und der Tag der Wiederauferstehung; und damit ein Zeichen für eine neue Welt.

Die frühchristlichen Gemeinschaften mussten ihre Gottesdienste jedoch an die Randzeiten des Sonntags verlegen. Erst unter Kaiser Konstantin im Jahr 321 wurde der Sonntag offiziell zum wöchentlichen Ruhe- und Feiertag.

Der Rhythmus der Arbeitswoche wurde in den christlich geprägten Gesellschaften durch die Vorgaben der Kirche geprägt. Zwar wurde zu Beginn der industriellen Revolution das Verbot der Sonntagsarbeit wiederholt in Frage gestellt, doch die Sozialgesetzgebung im 19.Jahrhundert unterstrich die Wichtigkeit des Sonntags als wöchentlichen Ruhetag.

Sonntag steht zur Debatte

Inzwischen steht der Sonntag jedoch erneut zur Debatte. Einerseits verliert er als Gebetstag in einer zunehmend säkularisierten und pluralistischen Gesellschaft seine ursprüngliche Bedeutung. Andererseits versucht die Freizeit- und Konsumindustrie, die noch bestehenden zeitlichen Freiräume im Wochenablauf zu besetzen.

Gleichwohl gibt es in der Gesellschaft starke Widerstände gegen eine «Normalisierung» des Sonntags, auch wenn diese Widerstände nicht unbedingt als Verteidigung eines christlichen Feiertags interpretiert werden können. 83% der Deutschschweizer erklärten gemäss einer Meinungsumfrage vor einigen Jahren, dass sie den Sonntag sehr schätzen. Doch nur 11% gingen regelmässig zur Kirche.

Die christlichen Kirchen wenden sich aus einleuchtenden Gründen gegen eine «Normalisierung» des Sonntags. Die Schweizer Katholiken und Protestanten lehnten zusammen mit den orthodoxen und anglikanischen Minderheiten daher die Revision des Arbeitsgesetzes ab, über die am 27. November abgestimmt wird. Im Falle einer Annahme der Vorlage könnten Läden in grossen Bahnhöfen und Flughäfen am Sonntag ohne Sonderbewilligung öffnen (diese war bisher nötig).

Ein Sonntag für alle

Der Urnengang gilt als Testlauf für eine generelle Liberalisierung der Sonntagsarbeit. Der Appell der Kirchen gegen die Revision des Arbeitsgesetzes richtet sich aber nicht nur an Gläubige. «Die Kirchen sind ein wichtiger Teil der Gesellschaft und haben die Pflicht, sich zu Themen zu äussern, welche das Zusammenleben und die Kohäsion in dieser Gesellschaft betreffen», sagt Thomas Wipf, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK).

«Der arbeitsfreie Sonntag ist eine soziale Errungenschaft, die allen Arbeitnehmenden zu Gute kommt», meint Wipf. «Wir sind überzeugt, dass es sich um einen wichtigen Wert handelt, ganz abgesehen von der religiösen Bedeutung.» Männer und Frauen bräuchten gemeinsame Freizeit, in der sie nicht arbeiten müssten und sich dem Zusammenleben widmen könnten.

Ist es aber nicht anachronistisch, eine soziale und gesellschaftliche Entwicklung mit rechtlichen Vorschriften eindämmen zu wollen? Wipf verneint: «Ein demokratischer Staat hat die Aufgabe, die Freiräume für alle Gesellschaftsmitglieder zu schützen, auch für solche, die nicht autonom entscheiden können, ob sie am Sonntag arbeiten wollen oder nicht. Der Staat kann nicht immer nur auf die Erfordernisse des Konsums Rücksicht nehmen.»

Vor der Kirche zum Supermarkt

Die Problematik kann jedoch auch aus einer anderen Warte gesehen werden. Gemäss dem Anthropologen Fabrizio Sabelli geht es nicht so sehr um die Aushöhlung des Sonntagsarbeitsverbots, als vielmehr um einen Ersatz religiöser Gewohnheiten durch Riten der Konsumgesellschaft.

«In Wirklichkeit wird die Gesellschaft nicht immer laizistischer», meint Sabelli, «sondern eine Religion wird durch eine andere ersetzt oder Gebet durch Konsum.» Statt eines gemeinsamen Gottesdienstbesuchs gehe eine Familie heute am Sonntag gemeinsam zum Shopping.

Gemäss Sabelli lässt sich die Haltung der Kirche auch als Verteidigung vor einer unliebsamen Konkurrenz interpretieren: «Die Wirtschaft bietet heute Mythen und Rituale an, die das Loch füllen sollen, das durch den fehlenden Bezug zur religiösen Bedeutung des Sonntags geblieben ist.»

swissinfo, Andrea Tognina
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

Die Bundesversammlung schlägt folgende Änderung des Arbeitsgesetzes vor:

«In Verkaufsstellen und Dienstleistungsbetrieben in Bahnhöfen, welche auf Grund des grossen Reiseverkehrs Zentren des öffentlichen Verkehrs sind, sowie in Flughäfen dürfen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sonntags beschäftigt werden.»

Die Gewerkschaften haben mit Unterstützung kirchlicher Organisationen und vieler Detailhändler das Referendum ergriffen. Die Änderung des Arbeitsgesetzes stellt ihrer Meinung nach einen ersten Schritt zur generellen Aufhebung des Sonntagsarbeitsverbots und somit einen Sozialabbau dar.

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