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Auch eine legale Abtreibung kann stigmatisieren

Nachdem das argentinische Parlament Ende Jahr per Gesetz kostenlose und sichere Abtreibungen ermöglicht hatte, feierten Frauen ihren Sieg. Copyright 2020 The Associated Press. All Rights Reserved

Neu reiht sich Argentinien in die Liste der Länder ein, die einen freiwilligen Schwangerschaftsabbruch erlauben. Das Beispiel der Schweiz zeigt aber, dass Frauen oft trotzdem einer gesellschaftlichen Stigmatisierung zum Opfer fallen.

Dieser Inhalt wurde am 18. Januar 2021 - 09:39 publiziert

Seit Anfang Jahr haben Argentinierinnen das Recht auf einen freiwilligen Schwangerschaftsabbruch bis zur 14. Schwangerschaftswoche, auf Betreuung nach der Abtreibung und auf eine würdevolle, vertrauliche und kostenlose Behandlung sowie eine umfassende Sexualaufklärung.

Nur wenige Länder der Welt haben vergleichbare Gesetze, um zu verhindern, dass sich Frauen dem Risiko einer heimlichen, sprich oft gefährlichen Abtreibung aussetzen müssen. In Lateinamerika gesellt sich Argentinien zu Uruguay, Kuba, Guyana, Französisch-Guayana und Puerto Rico, wo Frauen Abtreibungen vornehmen lassen dürfen, auch wenn der Schwangerschaft keine Vergewaltigung voranging und die Frau nicht in Lebensgefahr schwebt.

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Für die argentinische Rechtsprofessorin und Frauenrechtlerin Nelly Minyersky ist dieser Schritt in ihrem Land sehr bedeutsam - und Teil eines breiteren und anhaltenden Kampfes. "Das soziale Stigma der Abtreibung besteht weiterhin. Dort setzen wir den Kampf fort. Wir müssen dafür sorgen, dass das neue Gesetz eingehalten wird, um unsere Rechte durchzusetzen. Es braucht sexuelle Aufklärung, um entscheiden zu können, Verhütungsmittel, um nicht abtreiben zu müssen und legale Abtreibung, um nicht zu sterben."

Tatsächlich bleiben selbst in Ländern wie der Schweiz, die mit der Fristenlösung 2002 den freiwilligen Schwangerschaftsabbruch entkriminalisiert hat, einige Anliegen offen. So gebe es auch hier nach wie vor eine Stigmatisierung, meint Clémentine Rossier, Professorin am Institut für Globale Gesundheit der Universität Genf, die sich mit Schwangerschaften, Schwangerschaftsabbrüchen und Verhütung auf der ganzen Welt beschäftigt.

swissinfo.ch: Die Schweiz hat eine im internationalen Vergleich niedrige Abtreibungsrate (5,5 pro 1000 Frauen im Jahr 2019Externer Link). Wie kommt das?  

Clémentine Rossier: Das hängt damit zusammen, dass Länder wie die Schweiz und die Niederlande eine sehr gute Sexualaufklärung an den Schulen kennen. Hinter der Sexualkunde steht die Organisation Sexuelle Gesundheit Schweiz, ein sehr aktives und gut organisiertes Netzwerk von kantonalen Verbänden, das auch Junge, Immigrantinnen und Menschen mit geringem Einkommen betreut.

In Frankreich, wo die Rate mit 15,6 viel höher ist, werden Verhütung und Abtreibung als medizinische Themen behandelt und sind an den Schulen weniger präsent - obwohl es auch in Frankreich dynamische Organisationen aus dem Bereich Familienplanung gibt.

Beim Suchen aktueller Abtreibungszahlen habe ich bemerkt, dass es selbst in einigen europäischen Ländern an Daten mangelt. Ist Abtreiben immer noch ein Tabuthema?

Auf jeden Fall. In vielen Ländern hat das Thema keine Priorität - selbst in vielen reichen Ländern nicht!  Der Schwangerschaftsabbruch wird als medizinischer Eingriff unter vielen behandelt, der keine besondere Aufmerksamkeit erfordert. Oft wird davon ausgegangen, dass der Zugang zu diesen Leistungen für alle Menschen gewährleistet ist, was in den meisten Ländern des Nordens sogar stimmt.

Allerdings erweist sich die Debatte als zweischneidig: Sollten wir Daten sammeln, um die Ungleichheiten aufzuzeigen? Oder besteht so nicht die Gefahr einer grösseren Stigmatisierung?

Stigmatisierung scheint auch in Ländern ein hartnäckiges Problem zu sein, die das Recht auf einen freiwilligen Schwangerschaftsabbruch schon länger kennen. Könnte diese soziale Stigmatisierung die regionalen Unterschiede bezüglich Abtreibungen in der Schweiz erklären?

Es stimmt, dass die Abtreibungsrate in der Schweiz von Kanton zu Kanton variiert. Studien fehlen, aber es ist möglich, dass die Frauen aus kleineren Kantonen mit sehr niedrigen Raten Abtreibungen oft in Nachbarkantonen durchführen lassen, was als gynäkologischer Tourismus bezeichnet wird.  

Frauen bevorzugen dafür die grösseren, anonymeren Städte. Das zeigt, dass Frauen, die abtreiben, auch heute noch selbst in den Ländern des Nordens stigmatisiert werden. 

Aus Umfragen wissen wir, dass Frauen bei der Frage nach einer Abtreibung "untertreiben", wie es auch bei anderen stigmatisierten Verhaltensweisen der Fall ist, zum Beispiel beim Alkoholkonsum. In der Tat ist das Stigma immer noch eine grosse Herausforderung, gegen die wir kämpfen müssen.

Ein weiteres kontroverses Thema sind Abtreibungen nach dem ersten Trimester der Schwangerschaft. Warum werfen diese späten Abtreibungen mehr ethische Fragen auf?

Je weiter ein Fötus entwickelt ist, desto mehr Informationen sind über ihn bekannt: das Geschlecht zum Beispiel oder genetische Krankheiten. In einigen armen Ländern mit einem besonders patriarchalischen System erleben wir diesbezüglich Missbrauch. Dort werden weibliche Föten öfters abgetrieben, was letztlich zu einem Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen in der Bevölkerung führt. Die Begrenzung, bis wann ein Schwangerschaftsabbruch  erlaubt ist, verhindert diese Art von ethisch fragwürdigen Fehlentwicklungen.

In der Schweiz sind 5% der Abtreibungen Spätabtreibungen, die aus medizinischen Gründen durchgeführt werden. Eine MotionExterner Link im Parlament fordert Massnahmen, um diesen Anteil zu senken. Doch die Regierung sieht dafür keine Notwendigkeit. Was ist Ihre Meinung dazu?

Meiner Meinung nach besteht keine Notwendigkeit, Spätabtreibungen zu reduzieren, weil die Schweiz in diesem Bereich vorbildlich ist. Es gibt bestimmte Sonderfälle in Bezug auf die Gesundheit der Mutter oder des Fötus, die immer eine spätere Behandlung erfordern werden.

In der Schweiz übernimmt die Krankenkasse den Schwangerschaftsabbruch, aber nicht die Verhütung. Ist das nicht paradox?

Wir sollten diese Errungenschaft im Kampf für Abtreibungsrechte in diesem Land unterstreichen. Bei den Rechten auf Empfängnisverhütung hinkt die Schweiz dagegen anderen Ländern hinterher, weil die Kosten für Verhütung in anderen Ländern erstattet werden. Aber manchmal muss man sich seine Schlachten aussuchen.

Abtreibungen in der Schweiz

Die Schweiz hat eine Quote von 5,5 SchwangerschaftsabbrüchenExterner Link pro 1000 Frauen im Alter von 15-49 Jahren. 

Das StrafgesetzbuchExterner Link erlaubt den freiwilligen Schwangerschaftsabbruch innerhalb der ersten 12 Wochen nach dem ersten Tag der letzten Menstruation.

95% der Abtreibungen finden in diesem Zeitraum statt, die restlichen fünf Prozent sind Spätabtreibungen. Das Gesetz erlaubt solche nur mit ärztlicher Genehmigung, und wenn damit von der schwangeren Frau die Gefahr einer schwerwiegenden körperlichen Schädigung oder einer schweren seelischen Notlage abgewendet werden kann. Die Gefahr muss umso grösser sein, je fortgeschrittener die Schwangerschaft ist.

Im Jahr 2019 wurden 419 Spätabtreibungen erfasst - von insgesamt 9447 Schwangerschaftsabbrüchen.

Eine von der SVP-Nationalrätin Yvette Estermann eingereichte Motion fordert Massnahmen, um die Zahl der Spätabtreibungen zu reduzieren. Der Vorstoss wurde noch nicht im Parlament behandelt. Aber die Exekutive ist der Ansicht, dass das Thema im Gesetz über genetische Untersuchungen beim Menschen geregelt wird, das im Sommer 2021 in Kraft treten soll. 

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