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Bankier prangert sexuelle Gewalt in Afrika an

"Wie ist so etwas möglich?" Diese Frage führte Michel Juvet dazu, ein Buch zu schreiben. Michel Juvet

Michel Juvet, Direktor der Genfer Bank Bordier & Cie und Berater der Schweizer Entwicklungs-Zusammenarbeit in Afrika, ist schockiert über die sexuelle Gewalt in der Region der Grossen Seen Ostafrika. Er hat darüber ein Buch geschrieben.

Dieser Inhalt wurde am 07. Oktober 2011 - 18:05 publiziert
Isabelle Eichenberger, swissinfo.ch

"Wie überleben sie das nur?" Das fragte sich Michel Juvet auf einer Reise mit einer Delegation der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) in der Region der Grossen Seen Anfang 2011.

"Dieses Kulturdreieck zwischen Ruanda, Burundi und der Demokratischen Republik Kongo könnte ein Paradies sein. Aber für die Frauen ist es die Hölle. Vergewaltigungen gibt es so viele wie Bananenstauden und Avocados", schreibt der Genfer in seinem dokumentarischen Buch mit dem Titel Selbst der Himmel hat keine Tränen mehr – Sexuelle Gewalt in der Region der Grossen Seen in Ostafrika.

Auf den ersten Blick fragt man sich: Was bewegt einen Leiter der Investment-Abteilung einer Genfer Privatbank und Analysten für Asien und Afrika zu einem solchen Buch?

Dann lernt man einen Autor und Herausgeber eines schönen Buches kennen, mit Texten, Gedichten und Zeugenberichten, vor allem aber mit eindrücklichen Schwarzweiss-Fotos, die einem die Leiden und die Würde der Frauen und Kinder, alle Kriegsopfer von Gewalt und Vergewaltigung, hautnah vermitteln.

Die Frau von Michel Juvet ist gebürtige Senegalesin. Kommt das Engagement für das Buch von dort? Nicht wirklich, antwortet der Genfer Bankier.

"Die Familienseite hat sicher eine Rolle gespielt, aber der eigentliche Motor war für mich immer schon das Bedürfnis, die Welt und die Entwicklung besser zu verstehen. Verstehen, warum es Länder gibt, denen es gut geht, die gut funktionieren, und solche, die ewig auf internationale Hilfe angewiesen sind. Das sind Gedanken, die ich mir ständig mache."

Neue Pathologie

Auf seiner Reise in der Region der Grossen Seen Anfang Jahr war Michel Juvet tief beeindruckt von den psycho-sozialen Hilfszentren zur Unterstützung von Opfern sexueller Gewalt. Diese Zentren werden von der Deza unterstützt.

Besonders angetan hat es Juvet das vom kongolesischen Arzt Denis Mukwege gegründete Spital von Panzi. Mukwege erläuterte die schweren medizinischen und menschlichen Folgen solcher Verbrechen.

Mitte der 1990er-Jahre hängte der kongolesische Gynäkologe seinen komfortablen Job in Frankreich an den Nagel und kehrte in sein Land zurück. Dort gründete er ein Spital, das sich auf die Heilung einer besonders schrecklichen Kriegsverletzung spezialisierte: die absichtliche und geplante Verstümmelung der weiblichen Genitalorgane. Das Spital von Panzi hat bisher rund 30'000 Frauen behandelt.

"Denis Mukwege hat alle diese verstümmelten Frauen gesehen, viele davon wurden schwanger nach Kollektiv-Vergewaltigungen", sagt Juvet. "Es geht darum, sie zu pflegen und ihnen dabei zu helfen, ihr Kind zu akzeptieren und ein neues Leben anzufangen, denn sie werden oft von ihrer Familie verstossen."

Der Genfer Bankier spürte, dass er auf seine Weise etwas unternehmen musste. "Ich war zutiefst beeindruckt von den Menschen, denen ich dort begegnet bin, von den Kindern bis zu den Grossmüttern."

Bei seiner Rückkehr in die Schweiz wollte er zuerst Geld und Material für das Spital von Denis Mukwege sammeln. Nachdem Juvet seine Fotos aus Afrika erneut betrachtet hatte, liess er die "banale" Idee der Geld- und Materialsammlung fallen. Er dachte jetzt an ein Buch, dessen Erlös an die Patientinnen des Spitals von Panzi gehen und sie gleichzeitig ehren soll.

Entscheid des Herzens

"Ich hatte nichts geplant, es war ein Entscheid des Herzens. Ich war bewegt, es geschah eins nach dem anderen. Rückblickend frage ich mich in aller Bescheidenheit, wie ich das gemacht habe", sagt Juvet.

Er begann, die Fotos für das Buch auszuwählen, verfasste Legenden zu den Bildern, in denen er ausdrückte, was er im Moment der Aufnahme für die Leute gefühlt hatte. Dann suchte der Genfer Bankier afrikanische Schriftsteller, die sich zu dem Thema äussern konnten und fand zwei Poeten. Schliesslich fügte er Zeugenaussagen von Opfern bei.

Später musste Juvet dem Buch einen "institutionellen Charakter" geben, weil es von der Deza, die es auch auf Deutsch übersetzen liess, mitfinanziert wurde. Deshalb auch das Vorwort von Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey und das Nachwort von Jean-Marc Clavel, Leiter des Deza-Regionalprogramms der Grossen Seen.

Der Genfer Bankier präzisiert, dass sein zweites vierjähriges Mandat in der Konsultativ-Kommission der Deza zu Ende gehe. Deshalb wollte er vorher noch "etwas Konkretes" machen. "Konkret" ist das Schlüsselwort, weil der Bankier sowohl Verfasser wie auch Herausgeber des Buches ist.

Bereits vor dem offiziellen Erscheinen am 18. Oktober habe das Buch Interesse geweckt, so Michel Juvet. "Leute fragten mich schon, wie sie mir bei dessen Verbreitung helfen können."

Das Buch

Michel Juvet, Même le ciel ne pleure plus – Violences sexuelles dans la région des Grands Lacs de l'Afrique de l'Est – Portraits et regards (Deutsch: Nicht einmal der Himmel weint – Sexuelle Gewalt in der Region der Grossen Seen in Ostafrika), Editions Slatkine, Genf 2011. Ab 18. Oktober im Buchhandel.

Vorwort von Bundespräsidentin und Aussenministerin Micheline Calmy-Rey.

Auflage: je 1000 Ex. in französischer und deutscher Sprache, Preis 50 SFr.

Produziert wurde das Buch von den beiden Sponsoren von Michel Juvet, Bordier & Cie und Deza.

Der gesamte Erlös aus dem Buchverkauf geht an die Organisationen, die der Autor besucht hat. Die Deza wird die Verwendung der Gelder überprüfen.

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Deza-Programm

Kollektive Vergewaltigungen von häufig HIV-infizierten Milizen oder Soldaten an einzelnen Menschen der Zivilgesellschaft kommen in der Demokratischen Republik Kongo wie auch in Burundi und Ruanda wiederholt vor.

Seit 2002 unterstützt die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) das "Programm gegen Gewalt gegen Frauen und Kinder", das von den Médecins sans Frontières – Schweiz (MSF) initiiert wurde.

Das Programm bietet medizinische Hilfe sowie psychosoziale, wirtschaftliche und juristische Hilfe an.

Das Spital von Panzi in Bukavu in der Demokratischen Republik Kongo wurde in den 1990er-Jahren vom Gynäkologen Denis Mukwege gegründet.

Der kongolesische Arzt wurde mit zahlreichen Preisen und Orden ausgezeichnet (u.a. Olof-Palme-Preis und UNO-Menschenrechtspreis 2008, Ritter der französischen Ehrenlegion 2009, Jean-Rey und König-Baudoin-Orden 2011).

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