Von Notwohnungen zu hippen Mittelstandssiedlungen

Die Siedlung Häberlimatte wurde in den 1960er-Jahren von der Eisenbahner-Baugenossenschaft erstellt und bietet 72 familienfreundliche Wohnungen zu günstigen Preisen. Ruben Holliger / EGB

Nach dem ersten Weltkrieg waren in der Schweiz viele Menschen obdachlos. Genossenschaften linderten die Wohnungsnot, manche feiern dieses Jahr ihr hundertjähriges Jubiläum.

Dieser Inhalt wurde am 15. November 2019 - 11:00 publiziert
Sibilla Bondolfi (Text), Ester Unterfinger (Bildredaktion)

Die Industrialisierung führte dazu, dass ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Menschen vom Land in die Städte strömten. Das verknappte den Wohnraum.

Im Sommer 1889 waren in der Stadt Bern fast 100 Familien obdachlos. Viele von ihnen wohnten im Wald nahe der Stadt im Freien – eine unhaltbare Situation. Bern baute daher als erste Stadt der Schweiz mit Steuergeldern Wohnungen für die Unterschicht.

Ab 1890 gründeten Mieter des Mittelstands in der Schweiz erste Selbsthilfegenossenschaften. Die Idee: Wenn mehrere Personen sich zusammenschliessen, können sie günstiger Wohnungen bauen und diese zum Kostenpreis an sich selbst vermieten, also ohne Gewinn machen zu müssen.

Die Bewohner der Stadt Bern waren arm und die Wohnungen knapp. Menschen treffen sich am Kindlifresserbrunnen um 1880. Paul Does / ETH-Bibliothek Bildarchiv

Hilfe zur Selbsthilfe

Weil wegen des Ersten Weltkrieges wenig gebaut wurde, spitzte sich die Wohnungsnot während und nach dem Krieg erneut zu. Vor allem in der Deutschschweiz entstanden viele Baugenossenschaften, die teilweise bis heute Bestand haben.

Weil nach dem Krieg nicht nur Wohnungsnot, sondern auch hohe Arbeitslosigkeit im Bausektor herrschte, unterstützten der Bund, die Kantone und Gemeinden Genossenschaften mit Baukostenzuschüssen, verbilligten Darlehen und günstigem Bauland. 

Auch die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) gaben Geld, denn sie waren interessiert daran, dass ihre Mitarbeitenden in kurzer Distanz zum Arbeitsplatz wohnen konnten.

Eisenbahner-Baugenossenschaft Bern

So entstand 1919 unter anderen die Eisenbahner-Baugenossenschaft Bern (EBG). Ziel war es, den Bahnarbeiterfamilien bessere Wohnungen zu verschaffen. Zu dieser Zeit war ein Einfamilienhaus für viele Menschen ein Lebenstraum. Die erste Siedlung bestand daher zu einem grossen Teil aus Reiheneinfamilienhäusern mit grosszügigen Gemüsegärten, damit die Arbeiter selbst Lebensmittel anbauen konnten.


Plan der Eisenbahnersiedlung Weissenstein, gezeichnet vom Architekten Franz Trachsel im Jahr 1922. EBG


Der Dorfplatz der Siedlung Weissenstein nach der Fertigstellung im Jahr 1923. Staatsarchiv Bern


Die Eisenbahner-Baugenossenschaft in Schaffhausen entstand 1927/28 nach demselben Konzept. Walter Mittelholzer /ETH-Bildarchiv


Alle Häuser in dieser Siedlung im Kanton Aarau verfügen über drei Aaren Garten um eine gewissen Selbstversorgung zu ermöglichen, 1942. Keystone

Die öffentliche Hand und die SBB unterstützten das Projekt, so dass die Genossenschafter nur einen Bruchteil der Erstellungskosten übernehmen mussten. Für die wirklich armen Bahnarbeiter war der Genossenschaftsbeitrag (wie auch die Miete) dennoch zu hoch. Daher wohnte vor allem die Mittelschicht im Eisenbahnerquartier. Bis heute sind die Häuschen mit Garten in der Stadt äusserst beliebt, die Wartelisten lang.

Aktuelle Flugaufnahme der Siedlung Weissenstein in Bern. Ruben Hollinger / EBG

Später baute die EBG weitere Siedlungen und Hochhäuser, so dass die Wohnungen auch für ärmere Arbeiter erschwinglich waren. Bis heute ist die EBG ein wichtiger Player des gemeinnützigen Wohnungsbaus im Grossraum Bern. Als Mieter und Mieterinnen werden noch immer Angestellte der öffentlichen Verwaltungen und staatsnahen Betriebe bevorzugt. 

Zum 100-Jahre-Jubiläum hat die Eisenbahner-Baugenossenschaft ein Buch herausgegeben, mit dem Titel: "Welcome home". Darin wird nicht nur die Geschichte der EBG erzählt – in teils durchaus selbstkritischen Tönen –, sondern es werden auch Themen wie Gentrifizierung, Hochhausarchitektur, Denkmalpflege und Agglomerationsentwicklung behandelt. Bilder der Siedlungen und Häuser sowie Porträts von Bewohnenden runden das Buch ab.

Hochhaussiedlung der Eisenbahner-Baugenossenschaft in Zürich, 1974. Wolf-Bender Heinrich / Baugeschichtliches Archiv
Günstiger Wohnraum in der renovierten Siedlung Fellergut der Eisebahner-Baugenossenschtin in der Stadt Bern. Ruben Hollinger / EBG

Genossenschaften im 21. Jahrhundert

Heute sind rund 4% bis 5% der Wohnungen in der Schweiz genossenschaftlich organisiert. In den grossen Städten ist der Anteil viel höher. In Zürich beispielsweise ist fast ein Viertel der Wohnungen gemeinnützig.

In den städtischen Zentren hat es in den letzten Jahrzehnten wegen Zuwanderung und gestiegenen Ansprüchen an die Wohnungsgrösse eine Verknappung von Wohnraum gegeben. Die Mietpreise werden zusätzlich in die Höhe getrieben, weil Immobilien als sichere und lukrative Anlage gelten. Angesichts der für viele unerschwinglichen Mietpreise braucht es Genossenschaften offenbar heute noch.

Genossenschaften gelten heute als Pioniere für neue Wohnformen und verdichtetes Bauen.


Die Genossenschaft "Mehr als Wohnen" in Zürich bietet Raum für unterschiedliche Wohnformen und orientiert sich an der 2000 Watt Gesellschaft. Ester Unterfinger / swissinfo.ch
In dieser Genossenschaft in Genf sind seit 2018 tausende von Regenwürmern für die Reinigung des Abwassers zuständig. Martial Trezzini / Keystone


Gentrifizierung 

Aber Genossenschaften sind nicht frei von Kritik: Man spricht von einer Zweiklassengesellschaft, weil nicht jeder das Glück hat, eine Genossenschaftswohnung zu ergattern. Laut dem Think-Tank Avenir Suisse profitiert vor allem der Mittelstand von Genossenschaftswohnungen.

Tatsächlich müssen Mieter und Mieterinnen Genossenschaftsanteile teils in Höhe von mehreren Zehntausend Franken einbringen. Und neu erstellte Genossenschaftswohnungen haben einen hohen Ausbaustandard, so dass sogar deren Kostenmieten (die keine Gewinne abwerfen müssen) für die unteren Schichten unerschwinglich sind. Kritiker empfinden das als stossend.

Neu entstehende Genossenschaften, wie diese hier in Zürich, sind oft nur vom gehobenen Mittelstand bewohnt, da die Mieten und der zu leistende Anteilsschein zu teuer sind. Gaetan Bally / Keystone

Im Jubiläumsbuch der EBG warnt ein Humangeograf sogar, die Genossenschaften könnten zum Phänomen der Gentrifizierung mitbeitragen. Denn wenn nur Wohlhabendere sich eine neue oder sanierte Genossenschaftswohnung leisten können, werden bisherige Mieter und Mieterinnen aus dem Quartier gedrängt.

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