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Wende auf dem Markt der Lehrstellen

Lehrstellen sind in der Schweiz weniger eine Mangelware, als auch schon.

(Keystone)

Seit der Bund die Zahl der Lehrstellen erfasst, ist das Angebot erstmals höher als die Nachfrage. Betriebe haben Mühe, anspruchsvolle Stellen zu besetzen. Schlecht ausgebildete Schüler finden keine Stelle. Zu wenig Stellen hat es in der Romandie.

Vor zehn Jahren gab es in der Schweiz zu wenig Lehrstellen. "Die Situation hat sich sichtlich entspannt", sagte der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver an einer Medienorientierung zur Situation des Lehrstellenmarktes in der Schweiz.

Laut dem im April vom Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) erhobenen Lehrstellen-Barometer haben die Schweizer Unternehmen im Frühjahr 2011 rund  81'000 Lehrstellen ausgeschrieben. Das sind 5000 mehr als vor einem Jahr. 77'000 Schulabgänger suchen eine Lehrstelle. Damit gibt es mehr Stellen als potenzielle Bewerberinnen und Bewerber. "Vor acht Jahren mussten wir die Betriebe dazu bringen, junge Leute auszubilden. Jetzt ist die Situation umgekehrt und das bereitet uns grosse Sorgen",  sagt BBT-Direktorin Ursula Renold.

In Zukunft werde es immer wie schwieriger werden, anspruchsvolle Lehrstellen zu besetzen, befürchtet Renold. Beliebt sind bei den Jugendlichen Lehrstellen im Dienstleistungsbereich, in der Druck-, Design- und Kunstgewerbe-Branche sowie im Gesundheits- und Sozialwesen und im Verkauf.

Zu wenig Lehrlinge in technischen Berufen

Bei den technischen Berufen ist das Angebot höher als die Nachfrage. Prekär ist laut dem Lehrstellenbarometer die Situation vor allem bei den anspruchsvollen technischen Berufen. "Die Unternehmen haben Mühe, gut ausgebildete junge Leute für ihre Ausbildungsplätze zu finden", sagt Pulver.

Auch die Demographie spielt eine Rolle, denn der steigenden Zahl an Lehrstellen steht die abnehmende Zahl der Schulabgänger gegenüber. "Die Demographie-Delle hat voll eingesetzt", sagt Hans-Ulrich Bigler, der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes. "2017, sagen die Statistiker, werden 11% weniger junge Leute die Schule verlassen als noch 2010. 16% weniger werden in eine Berufslehre einsteigen."

Vorschlag: Maturitätsquote

Bigler fürchtet deshalb einen "Kampf um die besten Köpfe" und schlägt vor, die Maturitätsquote auf 24% zu begrenzen, denn: "Es macht keinen Sinn, wenn junge Menschen aus Prestige- und andern Gründen einfach eine akademische Ausbildung einschlagen, um dann in einem Beruf dazustehen, in dem es keine Jobs gibt."

Die Welt der Kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) hingegen brauche auch in Führungspositionen Praktiker, also Leute mit einer Berufslehre und einer anschliessenden höheren  Berufsbildung wie Berufs-Matura und Fachhochschule.

Zu wenig Lehrstellen in der Romandie

Anders als in der Deutschschweiz präsentiert sich die Situation laut dem Neuenburger Erziehungsdirektor Philippe Gnaegi in der Romandie. Hier ist die Zahl der Jugendlichen, die eine so genannt duale Lehre absolvieren, also eine Lehre in einem Betrieb mit schulischer Ergänzung, bedeutend tiefer als in der Deutschschweiz. Das hat damit zu tun, dass es in der Westschweiz nach der obligatorischen Schulzeit mehr Vollzeitschulen und weniger Lehrstellen in Betrieben gibt.

"Das muss sich in der Romandie unbedingt ändern. Der Staat muss das duale Systeme fördern", sagt Gnaegi und verweist darauf, dass im Kanton Neuenburg die staatlichen und die subventionierten Betriebe neuerdings eine Lehrstellenquote von 4% ihres Personalbestandes einhalten müssen.

Damit will der Kanton Neuenburg die Zahl der Lehrstellen jährlich von 900 im Jahr 2006 auf 1500 im Jahr 2016 steigern. "Vor allem die Betriebe im Gesundheitswesen müssen ihre Türen für Lehrlinge öffnen", so Gnaegi.

Schwierigkeiten für schwache Schüler

Prekär ist die Situation in der ganzen Schweiz für Jugendliche mit schwachen schulischen Leistungen. Diese finden oft keine Lehrstelle oder brechen die begonnene Lehre ab. "Spezifische Angebote für Jugendliche mit Lernschwächen, mit sozialen Defiziten und mit Migrationshintergrund müssen ausgebaut werden", fordert Bernhard Pulver.

Die meisten Kantone haben mittlerweile das so genannte "Case Management"-Programm des Bundes umgesetzt. Dieses beinhaltet verschiedene Massnahmen, um Jugendlichen mit Schwierigkeiten den Berufseinstieg zu ermöglichen.

Nicht in Arbeitslosigkeit abschieben

Den Jugendlichen werden gezielte Vorbereitungen auf eine Berufslehre, Coaching oder Schnupperlehren angeboten. "Häufig geht es darum, nicht nur die Jugendlichen zu begleiten, sondern auch den Unternehmen eine Sicherheit zu geben, dass sie einen Start mit einem Lernenden wagen können", sagt Pulver.

Denn es gehe auch darum, die Jugendlichen nicht in die "Arbeitslosenschiene abzuschieben", sondern "möglichst lange über Bildungsangebote zu begleiten".

Parallel-Gesellschaft

Dennoch gebe es immer mehr Jugendliche, die sich "direkt bei der Arbeitslosenkasse" meldeten und "nach der Aussteuerung" Sozialhilfe beantragten, sagt Otto Ineichen, Nationalrat und Präsident der Stiftung Speranza, die sich für die Integration von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt einsetzt.

Ineichen schätzt, dass rund 25'000 Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren von der Sozialhilfe leben, "darunter vor allem anerkannte Flüchtlinge, eine wachsende Parallel-Gesellschaft". Das sei für ihn eine Sozialbombe.

BBT-Direktorin Renold stellt die Zahl von 25'000 ausgesteuerten Jugendlichen nicht in Frage, kann sie aber nicht bestätigen. Eine gesamtschweizerische Erfassung der Ausgesteuerten sei "relativ schwierig", sagt Renold: "Es gibt keine offizielle Statistik dazu, denn die Sozialhilfe liegt in der Kompetenz der Gemeinden."

Duales System

Die Schweiz ist weltweit anerkannt für ihr duales Berufsbildungssystem.

Darin werden Lehrlinge im Lehrbetrieb praktisch ausgebildet und besuchen gleichzeitig theoretischen Unterricht an einer Berufsfachschule.

Nach Abschluss der Berufslehre und einiger Praxis können Berufsleute ein Studium an einer Fachhochschule absolvieren.

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