The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter

Journalistin Basma Mostafa, von Ägypten bis ins Exil verfolgt

Basma Mostafa
Die ägyptische Investigativjournalistin Basma Mostafa ist aus ihrem Heimatland geflohen. Florian Boillot

Die ägyptische Journalistin Basma Mostafa ist in Deutschland Überwachung, Einschüchterungen und Drohungen ihres Herkunftslandes ausgesetzt. Ihre Geschichte veranschaulicht das zunehmende Phänomen der transnationalen Repression.

Als wir Basma Mostafa an einem heissen Montagabend im Konferenzraum einer Genfer NGO treffen, verrät ihr lächelndes Gesicht nichts von der ständigen Angst, die sie in sich trägt. Die in Deutschland im Exil lebende ägyptische Investigativjournalistin ist seit mehreren Jahren Drohungen, Druck und Überwachung durch ihr Herkunftsland ausgesetzt.

Heute verkörpert Mostafa den Kampf gegen das, was als transnationale Repression bezeichnet wird: ein weltweites Phänomen, das verschiedene Einschüchterungstaktiken umfasst, die darauf abzielen, kritische Stimmen in den Diasporagemeinschaften zum Schweigen zu bringen. Dabei hatte nichts darauf hingedeutet, dass sie einmal diese Rolle übernehmen würde.

Weitere Informationen über transnationale Repression in der Schweiz finden Sie in diesem Artikel:

Mehr

Eine in Aufruhr geborene Berufung

Basma Mostafa wuchs in einem ländlichen Dorf fünf Autostunden von Kairo entfernt auf. Eine friedliche Kindheit, weit entfernt von den politischen Anliegen und den Kämpfen für Menschenrechte, die heute ihre Arbeit bestimmen.

Der Wendepunkt kam 2011. Im Zuge des Arabischen Frühlings brach die ägyptische Revolution aus und Mostafa, damals Studentin, geriet in den Strudel der Ereignisse. «Im März 2011 wurde mein Vater willkürlich von Militärs verhaftet. Er verschwand für zwei Wochen», sagt sie.

Auf der Suche nach ihm ging sie zum Tahrir-Platz, dem Epizentrum des Protests. Dort traf sie Journalist:innen und Aktivist:innen. «Ihre Arbeit hat mich inspiriert. Dank ihnen habe ich verstanden, wie Menschenrechte in Ägypten verletzt wurden. Ich sah, dass Journalismus eine echte Wirkung haben konnte. Das hat mich dazu gebracht, diesen Weg einzuschlagen.»

Mehrere Jahre lang untersuchte sie die Übergriffe des Staates: Verschleppungen, Folter, aussergerichtliche Hinrichtungen. Eine riskante Arbeit. «Es ist sehr schwierig, solche Untersuchungen in Ägypten durchzuführen. Ich wurde zweimal verhaftet», erzählt sie.

Unter dem Regime von Präsident Abdel Fattah al-Sissi – einem ehemaligen General, der 2013 durch einen Staatsstreich an die Macht kam – erlebt Ägypten eine autoritäre Verhärtung, geprägt durch die Konzentration der Macht und die Unterdrückung kritischer Stimmen. Laut Reporter ohne Grenzen ist das Land zu «einem der grössten Gefängnisse der Welt für Journalisten» geworden.

Das Exil

Im Jahr 2020 arbeitet Basma Mostafa an «der einen Recherche zu viel»; dem mutmasslichen Mord an einem ägyptischen Familienvater durch einen Polizeibeamten in einem Dorf nahe Luxor. Sie wird ein drittes Mal verhaftet, verschwindet für 24 Stunden und wird wegen Zugehörigkeit zu einer terroristischen Organisation und Verbreitung falscher Nachrichten angeklagt. «Ich riskierte bis zu 25 Jahre Gefängnis. Also beschloss ich zu fliehen.»

Es folgen neun Monate des Umherirrens zwischen Kenia und dem Libanon. Mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern lebt sie in Ungewissheit. Sehr schnell entdeckt die Familie, dass es nicht reicht, Ägypten zu verlassen, um dem Einfluss des Regimes zu entkommen.

«Während dieser ganzen Zeit haben uns ägyptische Agenten belästigt», sagt sie. Im Hotel in Nairobi sei sie von Männern beobachtet worden, die sich vor ihrer Tür postierten. Bei jedem Durchgang der Familie hätten sie Telefongespräche auf Arabisch geführt und versucht, sie einzuschüchtern.

Schliesslich wird der Familie Asyl in Deutschland gewährt. Mostafa glaubt, endlich eine Zuflucht gefunden zu haben: «Ich habe wirklich gedacht, dass all das aufhören würde. Dass wir in Deutschland endlich sicher sein würden.»

Der Beginn eines Albtraums

Aber die Atempause ist nur von kurzer Dauer. Im Juli 2022 erfährt sie, dass der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sissi für ein Treffen mit dem damaligen deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz in Berlin erwartet wird.

Mostafa versuchte, sich für die Pressekonferenz anzumelden, aber ihre Anfrage wurde abgelehnt. «Es wurde eine verspätete Anmeldung vorgeschoben, was nicht stimmte. Ich war wütend. Ich habe verstanden, dass selbst hier die ägyptische Macht meine Arbeit behindern konnte.»

Am Tag des offiziellen Besuchs nahm sie an einer Demonstration teil. Auch dort sei sie zur Zielscheibe geworden. Mehrere arabisch sprechende Männer umringten sie, beleidigten sie, einer schlug ihr ins Gesicht. «Von diesem Tag an hat sich für mich in Deutschland alles verändert. Mein Leben wurde zu einem Albtraum, der bis heute andauert.»

Die Einschüchterungsversuche häuften sich. Sie und ihre Angehörigen erhielten neue Drohungen, ihre Social-Media-Konten wurden gehackt. Selbst bei ihrer ersten Reise nach Genf im letzten Jahr wurde Mostafa bis zu ihrem Hotel verfolgt, Männer drohten ihr mit einer Verhaftung. Die Angst setzt sich fest, und mit ihr die Isolation.

Sie begann, Versammlungen der ägyptischen Diaspora zu meiden. «Ich isolierte mich, um meine Angehörigen zu schützen, aber auch um gewalttätige Konfrontationen in der Öffentlichkeit zu vermeiden. Ich habe Angst, dass ein Unbekannter mich vor meinen Töchtern als Verräterin bezeichnet. Sie stellen mir schon so viele Fragen: Warum warst du im Gefängnis? Warum mussten wir Ägypten verlassen? Wann werden wir unsere Grossmutter wiedersehen?»

Mehr
Newsletter Internationales Genf

Mehr

Internationales Genf

Das Internationale Genf

Das Internationale Genf ist eine Welt für sich. Mit unserem Newsletter abonnieren Sie sich den perfekten Reiseführer dazu.

Mehr Das Internationale Genf

Eine späte Anerkennung

Der Fall von Basma Mostafa hat die Aufmerksamkeit von fünf UN-Sonderberichterstatterinnen auf sich gezogen. In einem Brief vom Dezember 2024 prangern diese vom Menschenrechtsrat beauftragten Expertinnen die «anhaltende Belästigung und transnationale Repression» an, der die Journalistin ausgesetzt ist, und fordern die ägyptischen Behörden auf, dem ein Ende zu setzen.

In Berlin setzt Mostafa ihr Engagement fort. Sie hat die Law and Democracy Support Foundation e.V. mitbegründet – eine NGO, die demokratische Prinzipien in Ägypten und im Nahen Osten fördert und Menschen unterstützt, deren Rechte verletzt wurden.

Im April 2024 hat die Menschenrechtsbeauftragte der deutschen Bundesregierung zum ersten Mal die Repression angeprangert, der Basma Mostafa zum Opfer gefallen ist. Mostafa wartet nun auf Ergebnisse der deutschen Justiz, da mehrere Untersuchungen im Gange sind.

«Ich habe die Hoffnung nicht verloren», sagt sie. «Vor drei Jahren hatte ich das Gefühl, ins Leere zu sprechen, dass niemand verstand, was ich durchmachte. Heute erkennen immer mehr Menschen das Problem der transnationalen Repression. Das gibt mir Mut.»

Editiert von Imogen Foulkes/sj; Übertragung aus dem Französischen mithilfe der KI Claude: Janine Gloor

Mehr
Ein Mann auf der Strasse

Mehr

Aussenpolitik

Jahre des Zorns

Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht Der bizarre Fall um Youssef Nada und die Rolle der Schweiz im «War on Terror». Eine Rückblende.

Mehr Jahre des Zorns

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft