Kalte Dusche für Lugano Airport

Schwere Zeiten für den Flugplatz Lugano. Keystone

Aus Sicherheitsgründen wurde für die meisten Flugzeuge ein Anflugverbot für den Lugano Airport bekannt gegeben.

Dieser Inhalt wurde am 22. August 2003 - 20:00 publiziert

Die Tessiner Regierung ist konsterniert. Interessieren sich doch diverse Gesellschaften für die von Swiss aufgegebene Verbindung Lugano-Genf.

Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) hat heute einschneidende Änderungen bei den Anflügen auf den Flughafen Lugano-Agno angeordnet. Der in Lugano übliche Anflugwinkel von 11 Grad sei zu steil und stelle ein Sicherheits-Risiko dar.

Der Flugplatz muss nun bis Oktober Landeinstrumente einbauen, die beim Gleitflug einen Winkel von nur noch 6 Grad zulassen.

Die meisten jetzt im Betrieb stehenden Flugzeuge dürfen damit aus Sicherheitsgründen den Flughafen ab September nicht mehr anfliegen, darunter Saab 2000, Cessna und Challenger, wie das BAZL in Bern bekannt gab.

Eine Überprüfung des An- und Abflugverfahrens habe Abweichungen von den internationalen Normen ergeben. Eine Mehrzahl der Flugzeuge sei nicht für einen Anflug mit einem Gleitwinkel von rund elf Grad zugelassen, sagt das BAZL.

Dies stelle ein hohes Risiko dar. Zudem reiche die Mindestsichtweite von 1500 Metern nicht aus.

Somit ist ab September der Anflug für alle Flugzeuge verboten, die nicht über ein Zertifikat verfügen um die immer noch steilen 6 Grad-Anflüge zu führen.

Swiss mit Jumbolino

Der BAZL-Entscheid kam vollkommen überraschend und in einem heiklen Moment.

Er stellt die Zukunft des Airports Lugano grundsätzlich in Frage. Er könnte sogar zu einer Einstellung des Linienflugbetriebs führen. Denn momentan werden alle Linienflüge mit Saab-2000-Maschinen durchgeführt, wie Flughafen-Chef Giorgio Marcionni erklärte.

Zudem sind alle neuen Projekte für den Flugplatz Lugano mit dem Einsatz von Saab 2000 Maschinen verbunden.

Crossair-Gründer Moritz Suter, der die Linie Lugano-Genf mit einer neuen Gesellschaft bedienen will, hat einen Saab 2000 vorgesehen.

Die im Aufbau befindliche Fluggesellschaft Darwin will gar drei Saab 2000 einsetzen. Pikant: Einzig Swiss will ab Oktober auf der Strecke Lugano-Zürich auf den von den Dispositionen nicht betroffenen Jumbolino umstellen.

Verärgerung im Tessin

Entsprechend gross war die Bestürzung im Tessin über den Bundesamtsentscheid. Regierungspräsident Marco Borradori (Lega) nannte am Nachmittag in einer kurzfristig einberufenen Medienkonferenz in Bellinzona das Vorgehen des BAZL "unverständlich und absurd".

Es sei nicht einsehbar, dass ein Flugzeug wie der Saab 2000, das jahrelang problem- und unfallfrei in Lugano-Agno verkehrt sei, innerhalb von wenigen Wochen nicht mehr landen dürfe.

Es sei aber auch formal inakzeptabel, dass die politischen Behörden im Kanton Tessin sowie die Stadt Lugano als Flughafen-Besitzerin vom Bundesamt nicht vorab informiert worden seien.

Viel zu kurz sei schliesslich die Vernehmlassungsfrist von nur einer Woche zu den neuen Bestimmungen. Man verlange ein Moratorium und Übergangs-Bestimmungen, auch wenn einem an der Sicherheit der Flugpassagiere gelegen sei.

Entscheid wird nicht akzeptiert

Zusammen mit Crossair-Gründer Moritz Suter sei eine Task-Force gegründet worden, um die BAZL-Dispositionen anzufechten.

Als Vertreter für die Stadt Lugano erklärte Giuliano Bignasca, man werde sich nicht an die Bestimmungen aus Bern halten: "In Lugano machen wir, was wir wollen."

Die Depesche aus Bern traf heute in einem denkbar ungünstigen Moment ein. Gerade am Vormittag hatte sich die in Aufbau befindliche Darwin-Airline im noblen Hotel Splendide von Lugano den Medien präsentiert.

Die neue Fluggesellschaft will im Oktober mit dem genannten Saab 2000 dreimal täglich von Lugano nach Genf fliegen – die Strecke, die Swiss aufgibt!

Ende März 2004 soll die Flotte auf drei Maschinen aufgestockt und das Streckennetz ausgebaut werden. Geplant ist, Rom, London und Genf täglich von Lugano aus anzufliegen.

Dazu sollen ein- bis zweimal pro Woche Direktflüge nach Paris, Barcelona, Nizza, Venedig, Wien, Frankfurt, München, Prag und Ljubljana angeboten werden.

Die Darwin Airline versteht sich als "economic airline", aber nicht als "low-cost-airline". Fragen nach Betriebskosten und Investoren wurden nicht beantwortet.

Hinter der Darwin Airline stünden Tessiner Unternehmer, sagte Franco Mosè, der sich als Präsident der Gesellschaft (100'000 Franken Aktienkapital) bezeichnete.

Weitere Interessenten

Neben Moritz Suter und der Darwin Airline haben sich in jüngster Zeit noch weitere Interessenten für die Linie Genf-Lugano geoutet.

Am Freitag bestätigte der Patron der Baboo Airways in Genf, Julian Cook, diese Verbindung mit einer Dash 8-300 und 50 Plätzen aufnehmen zu wollen.

Laut einer Tessiner Lokalzeitung hat zudem eine Gesellschaft unter dem Namen "Ticinojet" Interesse angemeldet. Sie gehöre Tiziano Matteo De Gasperi und hätte die zugesicherte Unterstützung von zwei arabischen Financiers.

Mantegazza- Kritik

In dieser suspekten Euphorie um den Standort Lugano Airport sind nur wenige kritische Stimmen zu hören. Aber es gibt sie.

Der Tessiner Unternehmer und Milliardär Sergio Mantegazza, Besitzer der in Grossbritannien erfolgreich tätigen Monarch Airline, erklärte in der "Tessiner Zeitung", dass das Einzugsgebiet zu klein sei und Lugano zu nahe beim italienischen Grossflughafen Malpensa liege.

"Nur eine Mini-Airline mit einem kleinen Flugzeug sowie einem Ersatz-Jet könnte allenfalls Erfolg haben", sagte Mantegazza.

swissinfo, Gerhard Lob

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