Wie lange reicht der Schnee noch zum Skifahren? Ein neues Schweizer Tool liefert Antworten
Der Klimawandel setzt Wintersportorte in den Schweizer Alpen unter Druck. Jene in tieferen Lagen müssen nach Alternativen zum Skifahren suchen. Das wissenschaftliche Tool «Kompass Schnee» aus der Schweiz könnte Lösungen bieten.
Die Schweiz erwärmt sich fast doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Mit den steigenden Schneegrenzen spüren Bergdestinationen die Auswirkungen akut.
Wie werden Winter in der Zukunft aussehen? Wie viel Schnee kann erwartet werden? Welches Potenzial besteht für künstliche Beschneiung? Und welche Anpassungsstrategien werden am besten funktionieren?
Akteur:innen im Schweizer Tourismus, die vor den Herausforderungen einer wärmeren Zukunft stehen, können erstmals auf detaillierte wissenschaftliche Modelle zugreifen. Diese sagen präzise voraus, wie viele Schneetage Skigebiete bis 2050 pro Winter erwarten können. Die Online-Modelle zeigen die Schneesicherheit und das Beschneiungspotenzial in 23 Bergregionen der Schweiz auf.
Die Tools sind Teil von «Kompass Schnee»Externer Link, einem Projekt zur Unterstützung von Ferienorten bei der Anpassung an den Klimawandel. Es wurde lanciert von Schweiz Tourismus in Zusammenarbeit mit Seilbahnen Schweiz, dem «Verband der Schweizer Tourismusmanager:innen», dem Institut für Schnee- und Lawinenforschung, dem Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie und der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich.
Laut Berno Stoffel, Direktor von Seilbahnen Schweiz, wurden die im Oktober vorgestellten Simulationstools von den Ferienorten «sehr positiv» aufgenommen. Das «Kompass Schnee»-Projekt identifiziert drei Hauptstrategien, die sich bereits im ganzen Land abzeichnen.
Einige höher gelegene Ferienorte setzen verstärkt auf Wintersport, indem sie in hoch gelegene Infrastruktur, moderne Beschneiung und besseres Pistenmanagement investieren, während sie regionale Partnerschaften bilden oder höhergelegene Unterkünfte ausbauen.
Andere passen sich an die schlechteren Schneebedingungen an, indem sie alternative Attraktionen schaffen – von Snow Tubing über Wellnesszentren bis hin zu Kulturfestivals – und internationale Märkte ansprechen, die weniger mit Winterferien vertraut sind. Diese Ansätze helfen, Hotels ausserhalb der Hochsaison zu füllen und die Auswirkungen schneearmer Jahre zu reduzieren.
Eine dritte Strategie sieht vor, dass Destinationen sich in Richtung ganzjährigen Tourismus diversifizieren, um die abnehmende Schneesicherheit auszugleichen.
Kleinere Ferienorte wie Charmey, Sattel-Hochstuckli und Moléson erweitern Sommerattraktionen, bauen Rodelbahnen und Bike-Trails oder verlagern sich auf familienorientierte Erlebnisse, die zu jeder Jahreszeit funktionieren.
«Keine vorgefertigte Lösung»
Es gebe keine vorgefertigte Lösung oder Strategie für jede Bergregion, sagt Stoffel gegenüber SRF: «Stattdessen gibt es eine Palette von Strategien zur Sicherung des Wintertourismus in der Zukunft.»
In den Alpen sind derzeit grosse Bauprojekte geplant oder im Gange. «Für die Dienstleister sind die Modelle eine Bestätigung und helfen ihnen, die notwendigen Bewilligungen gestützt auf Daten einfacher zu erhalten», sagt Stoffel.
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Das «Kompass Schnee»-Tool soll Ferienort-Verantwortlichen auch helfen zu entscheiden, ob sie Infrastrukturen wie Bergbahnen modernisieren sollen, von denen viele das Ende ihrer Betriebsdauer erreichen.
Stoffel schätzt, dass jedes Jahr rund 350 Millionen Franken in Seilbahnen, Lifte und andere Berginfrastruktur investiert werden müssen, plus weitere 60 Millionen Franken jährlich für Beschneiungsanlagen.
«Mehr Winterregen und weniger Schnee»
Seit Messbeginn im Jahr 1864 sind die Wintertemperaturen in den Schweizer Alpen im Durchschnitt um 2,4 Grad Celsius gestiegen. Je nach künftiger Klimaentwicklung sind weitere Temperaturveränderungen und Verschiebungen der Nullgradgrenze zu erwarten.
Diese kritische Schwelle ist bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert um mehrere hundert Meter gestiegen und wird laut Meteoschweiz bis Ende des Jahrhunderts voraussichtlich um weitere 550 Meter auf rund 1450 Meter im Winter steigen.
Das bedeutet mehr Winterregen und weniger Schnee. Meteoschweiz schätzt, dass bei unkontrollierter globaler Erwärmung von 3 Grad Celsius über vorindustriellem Niveau der Schneefall in den Schweizer Alpen um rund 25 Prozent zurückgehen könnte, während die Niederschläge sich fast verdoppeln würden.
In einigen Höhenlagen hat die durchschnittliche Schneehöhe in den letzten 60 Jahren um bis zu 8 cm pro Jahrzehnt abgenommen, zeigte eine SLF-Analyse im Oktober. Bis 2050 erwarten SLF-Expert:innen auch, dass die Schweizer Wintersaison 10 bis 20 Tage später beginnt und 10 bis 15 Tage früher endet.
Weniger Schnee und grössere Unsicherheit
«Kompass Schnee» zielt darauf ab, Bergdestinationen zu helfen, ihre Tourismusangebote besser auszurichten, sagt Christoph Marty, ein Schneeexperte beim Institut für Schnee- und Lawinenforschung, der bei der Bereitstellung der Daten geholfen hat.
«Ob es in zehn Jahren an einem bestimmten Ferienort noch genug Schnee zum Skifahren geben wird und ob die Bedingungen für Beschneiung auf den Pisten ausreichend sein werden, hängt von vielen Faktoren ab und ist komplex», sagte er.
«Pistenlage, der Einfluss des Föhnwinds und andere Faktoren spielen alle eine Rolle dabei, wie eine Skidestination funktioniert.» Klar ist, dass sich Ferienorte – besonders in tieferen Lagen – auf weniger Schnee und grössere Unsicherheit in den kommenden Jahrzehnten vorbereiten müssen.
Und um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen diese Destinationen zunehmend auf Aktivitäten setzen, die weniger von Schnee abhängig sind. «Der Wintertourismus verschwindet nicht, er verändert sich», so Stoffel.
Editiert von Virginie Mangin/gw, Übertragung aus dem Englischen mithilfe von Deepl: Janine Gloor
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