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Wie die Schweiz die Rückführung entführter ukrainischer Kinder unterstützen will

Die Schweiz wird bei der Koordination der internationalen Bemühungen zur Unterstützung der deportierten ukrainischen Kinder mitwirken. Dieser Ansatz steht im Einklang mit der «stillen Diplomatie» des Alpenlandes, die darauf abzielt, hinter verschlossenen Türen und fernab von reisserischen Äusserungen zu verhandeln.
Die Schweiz will mithelfen, entführte Kinder in die Ukraine zurückzubringen. Virginie Nguyen Hoang / AFP

Die Schweiz hat sich einer internationalen Koalition angeschlossen, deren Ziel es ist, entführte ukrainische Kinder zu ihren Familien zurückzubringen. Was kann die Schweiz dabei bewirken?

Nach zwei Jahren der Zurückhaltung hat sich die Schweiz einer Gruppe von Staaten angeschlossen, die versuchen, Kinder nach Hause zu holen, die von Russland nach dessen Invasion in der Ukraine im Jahr 2022 verschlepptExterner Link wurden. Dennoch bleiben Fragen offen, was solche Bemühungen bewirken können und wie die Schweiz helfen kann.

Seit Kriegsbeginn wurden laut Zahlen auf der Website der Europäischen KommissionExterner Link mehr als 20’000 Kinder unrechtmässig aus der Ukraine nach Russland und in von Russland besetzte Gebiete deportiert. Nur wenige Tausend seien zurückgekehrt, heisst es dort weiter. Die Zahl stammt aus ukrainischen QuellenExterner Link und wird von Russland bestritten.

Der russische Präsident Wladimir Putin.
Der russische Präsident Wladimir Putin ist eines der weniger Staatsoberhäupter mit einem Haftbefehl des Int. Strafgerichtshofs. Evgeny Biyatov / Kremlin Pool / Keystone

Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag erliess 2023 einen internationalen Haftbefehl gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin wegen der Deportation von Kindern aus der Ukraine.

Was unternimmt die Staatenkoalition?

Die im Februar 2024 gegründete Internationale Koalition für die Rückführung ukrainischer KinderExterner Link umfasst mittlerweile fast 50 Länder. Die Bemühungen von Bürger:innen vor Ort, Staaten und humanitären Organisationen, die Kinder zurückzuholen, begannen kurz nach Beginn der Invasion.

Die Schweiz wird bei der Koordinierung der internationalen Bemühungen zur Unterstützung der deportierten ukrainischen Kinder helfen. Dieser Ansatz steht im Einklang mit ihrer «stillen Diplomatie», die auf Verhandlungen hinter verschlossenen Türen setzt.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski erklärteExterner Link im Mai an einem Treffen der Koalition in Brüssel, dass die Prioritäten seines Landes darin bestünden, deportierte Kinder ausfindig zu machen, ihre Bewegungen nachzuverfolgen, ihre Rückkehr zu unterstützen und bei ihrer Wiedereingliederung zu helfen.

Warum wird die Schweiz Vollmitglied?

Die Schweiz trat der Koalition Anfang 2026 bei, nachdem beide Kammern ihres Parlaments im vergangenen Jahr Anträge verabschiedet hatten, in denen die Regierung aufgefordert wurde, Vollmitglied zu werden.

Das Land hatte bereits als Beobachterin an den Treffen teilgenommen, und Schweizer Regierungsvertreter bezeichneten die Entscheidung zum formellen Beitritt eher als Fortsetzung eines bestehenden Engagements, denn als grundlegenden Politikwechsel. Das Aussenministerium erklärte, die Schweizer Regierung werde weiterhin diplomatisches Fachwissen und ihre Guten Dienste zur Verfügung stellen – eine traditionelle Rolle, in der das Land als vertraulicher, unparteiischer Vermittler zwischen Konfliktparteien fungiert. Die Schweiz werde die Bemühungen zur Lokalisierung und Rückführung ukrainischer Kinder unterstützen, so das Ministerium. Dennoch gab es kaum konkrete Angaben zu neuen Beiträgen, die sich aus der Änderung des Mitgliedsstatus ergeben.

«Das Hauptziel der Koalition ist die Koordinierung verschiedener Initiativen im Zusammenhang mit unrechtmässig deportierten ukrainischen Kindern», sagte ein Sprecher des Ministeriums. «Dazu gehören auch mögliche neue Initiativen.»

Warum könnte eine diskrete diplomatische Vermittlung am besten funktionieren?

An erfolgreichen Bemühungen, Kinder in ihre Heimat zurückzubringen, waren Regierungsvertreter:innen, humanitäre Gruppen, Basisorganisationen und sogar gut vernetzte Einzelpersonen beteiligt, die oft informelle Kontakte nutzten. Gespräche auf niedrigerer Ebene, abseits der Medienöffentlichkeit, könnten ebenfalls dazu beitragen, die festgefahrene Situation zwischen den Konfliktparteien zu entschärfen.

Der ehemalige Chefredaktor von «Echo Moskwa», Alexei Venediktov, arbeitet und berichtet weiterhin in Moskau.
Trotz Drohungen arbeitet Alexei Venediktov weiterhin in Moskau und berichtet von dort. Thomas Kern / SWI swissinfo.ch

«Es ist ganz einfach», sagt Alexei Venediktov, ein russischer Journalist, der an den Bemühungen zur Rückführung von Kindern beteiligt ist, auf die Frage wie man die Koalition bewerten solle. «Wie vielen Kindern haben sie geholfen, wieder mit ihren Familien vereint zu werden? Wie viele Angehörige haben sie ausfindig gemacht? Wie viele Fälle haben sie zur Lösung beigetragen? Das ist der Massstab. Nicht Erklärungen. Nicht Konferenzen. Nicht Berichte.»

Im Jahr 2023 hiess es in Medienberichten, Roman Abramovich habe dazu beigetragen, die Rückkehr ukrainischer Kinder über die Türkei und Saudi-Arabien zu ermöglichen.
Im Jahr 2023 hiess es in Medienberichten, Roman Abramovich habe dazu beigetragen, die Rückkehr ukrainischer Kinder über die Türkei und Saudi-Arabien zu ermöglichen. Sergey Bobylev / Kremlin Pool / Keystone

MedienberichteExterner Link aus dem Jahr 2023 brachten den russischen Geschäftsmann Roman Abramowitsch mit der Rückführung von Kindern in Verbindung, an der die Türkei und Saudi-Arabien beteiligt waren. Katar hat bei einigen Rückführungen eine Rolle gespielt.

Anstatt sich auf einen einzigen diplomatischen Kanal zu verlassen, erfordert jeder Fall oft eine andere Kombination aus Verhandlungen, Kontakten und rechtlichen Verfahren.

Am 3. Juli dieses Jahres teilte das Weisse Haus mit, dass fünf weitere ukrainische und russische Kinder nach Hause zurückgekehrt seien.
Am 30. Juli teilte das Weisse Haus mit, dass fünf weitere ukrainische und russische Kinder nach Hause zurückgekehrt seien. Mark Schiefelbein / Keystone

Im vergangenen Jahr, nach einem Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin in Alaska, erklärte First Lady Melania Trump, dass achtExterner Link ukrainische und russische Kinder wieder mit ihren Familien vereint worden seien, nachdem sie ihren Ehemann gebeten hatte, das Thema anzusprechen.

Am 30. Juli teilte das Weisse HausExterner Link mit, dass fünf weitere ukrainische und russische Kinder nach Hause zurückgekehrt seien. «Als der Haftbefehl gegen Putin erlassen wurde, dachte ich, alles würde zum Stillstand kommen», sagte Venediktov, der früher Chefredaktor des Radiosenders Echo Moskwy war. «Stattdessen ging die Arbeit weiter. Das hat mich überrascht.»

Was haben in der Schweiz ansässige Organisationen bisher unternommen?

Die Schweiz engagiert sich bereits in Initiativen zur Unterstützung ukrainischer Kinder.

Das Land unterstützt seit langem die Bemühungen des in Genf ansässigen Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), leistet Hilfe für die ukrainischen Behörden und beteiligt sich an der «Gruppe der Freunde für Kinder und bewaffnete Konflikte in der Ukraine» («Group of Friends on Children and Armed Conflict», CAAC), so das Aussenministerium.

Sie ist einer von sieben Gebern des «Partnership Fund for a Resilient Ukraine», und dank ihres Programms zur Sanierung von Schulen konnten mehr als 17’000 Kinder wieder am Präsenzunterricht teilnehmen.

«Die Schweiz […] wird ihr bestehendes Engagement fortsetzen und es in Abstimmung mit den Bedürfnissen der Ukraine sowie in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern anpassen», teilt das Aussenministerium Swissinfo mit.

Warum herrscht Unsicherheit über die Zahl der betroffenen Kinder?

Angesichts des andauernden Konflikts ist es schwierig einzuschätzen, wie viele Kinder vermisst werden, und die Schätzungen gehen weit auseinander. Zum Teil liegt dies am «Nebel des Krieges», zum Teil an Streitigkeiten zwischen den beiden Seiten darüber, ob Kinder vermisst werden, bei anderen Verwandten auf der gegenüberliegenden Seite der Frontlinie leben oder von Russland gegen ihren Willen verschleppt wurden.

Die ukrainische Kampagne «Bring Kids Back» listet mehr als 20’000 Fälle möglicher Zwangsumsiedlungen oder Deportationen auf – eine Zahl, die auch von der Europäischen Kommission und anderen verwendet wird.

Forscher des Humanitarian Research Lab (HRL) der Yale University kamen zu einer noch höheren Schätzung von mindestens 35’000 Kindern. Diese Zahl, die ebenfalls von Russland bestritten wird, wurde von HRL-Geschäftsführer Nathaniel Raymond in seiner Aussage vor dem US-Senat genannt.

Unabhängig davon zitierte die englischsprachige Kyiv Post Raymond mit den Worten, die Zahl sei eine «interne Schätzung», an deren Überprüfung das Labor derzeit arbeite. Er erklärte, das Labor gehe bei seinen Zahlen konservativ vor.

Am anderen Ende der Skala hat die Unabhängige Internationale Untersuchungskommission der Vereinten Nationen lediglich 1205 konkrete Fälle bestätigt. Die Kommission gibt an, dass sie repräsentative Stichproben statt jedes gemeldeten Falls untersucht und jeden einzelnen anhand von Beweisen überprüft, die von drei unabhängigen Quellen bestätigt wurden.

Die UNO erklärt, ihre Ermittler müssten «ausreichende und überzeugende Beweise» vorlegen, was die deutlich niedrigere Schätzung teilweise erklären könnte.

Editiert von Tony Barrett/ac. Übertragung aus dem Englischen: Giannis Mavris

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