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Der Hype um die CO2-Entnahme kann Klimaschutzmassnahmen bremsen

James Kerry

Die falsche Darstellung des Potenzials neuartiger Technologien zur CO2-Abscheidung birgt nicht nur die Gefahr von Verschwendung. Sondern auch, dass die weltweiten Bemühungen zur Dekarbonisierung untergraben werden. Die Meinung von Klimawissenschaftler James Kerry.

Alle Indikatoren für den vom Menschen verursachten Klimawandel, einschliesslich der Treibhausgaskonzentrationen und der rekordverdächtigen globalen Temperaturen, steigen weiter anExterner Link.

Zugleich nimmt die Menge an Kohlendioxid (CO2), die wir noch ausstossen dürfen, wenn wir die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius begrenzen wollen, in alarmierendem Tempo ab.

Obwohl wir nicht auf Kurs sind, dieses Problem zu lösen, liegt eben diese Lösung zu 90 Prozent in unserer Hand – sollten wir uns entscheiden, den richten Weg zu beschreiten: So könnten die G20-Länder, die für 87 Prozent aller energiebedingten CO2-Emissionen verantwortlich sind, bis 2050 genug erneuerbare Energie für die ganze Welt produzierenExterner Link.

In den Fahrplänen zur Erreichung des Netto-Null-Ziels –heisst, wir produzieren nicht länger mehr Treibhausgase als wir aufnehmen – kommt den Technologien zur CO2-Abscheidung eine wichtige Rolle zu.

Dazu gehört auch der ehrliche Umgang mit Altemissionen (Verschmutzungen, die den Planeten weiter aufheizen) und vermeintlich schwer zu beseitigenden Emissionen.

So könnten beispielsweise fast alle Hochtemperaturprozesse in der Schwerindustrie mit Strom betrieben werden. Nur ist die Verbrennung fossiler Brennstoffe zur Wärmeerzeugung derzeit billiger.

Auf dieses Problem hat Cyril Brunner in einem kürzlich erschienenen SWI-Meinungsbeitrag hingewiesen: Wir zahlen «in vielen Bereichen heute nichts oder kaum etwas, wenn wir CO2 emittieren».

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Klimaschutz

CO2-Entfernung: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht CO2-Entfernung scheitert nicht am Können, sondern am Wollen, sagt ein Schweizer ETH-Wissenschaftler.

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Solange die wahren Kosten der CO2-Emissionen ignoriert werden, werden viele Branchen weiterhin behaupten, ihre Emissionen seien «schwer zu reduzieren».

Eine erfolgreiche Dekarbonisierung erfordert sowohl Zuckerbrot als auch Peitsche, darunter beschleunigte Investitionen in Energieeffizienz, erneuerbare Energien und Speicherung, in intelligente Netze und die Elektrifizierung aller möglichen Bereich.

Hinzu käme ein Kohlenstoffpreis, der nicht auf den Gesetzen der Energiemärkte, sondern auf den wahren sozialen und planetarischen Kosten basiert: also auf Schäden, die er der Gesundheit, den Ökosystemen, den Ernährungssystemen und zukünftigen Generationen zufügt.

Ausgehend von den derzeitigen Bemühungen um die Dekarbonisierung hat Dr. Brunner Recht, wenn er sagt, die benötigte Menge an CO2-Entfernung sei «selbst bei massiv reduziertem CO2 Ausstoss unvorstellbar gross».

Doch er irrt, wenn er behauptet, dass Technologien zur Kohlenstoffabscheidung wie die Filterung von CO2 aus der Luft (Direct Air Capture, DAC) diesen Bedarf decken können.

Bislang hat die DAC-Industrie rund 10’000 Tonnen CO2 gebunden, was etwa neun Sekunden der jährlichen weltweiten Emissionen entspricht, also weniger Zeit, als man braucht, um diesen Satz zu lesen.

Um klimarelevante Grössenordnungen zu erreichen, müsste diese Industrie innerhalb weniger Jahrzehnte um Grössenordnungen wachsen, die in der Industriegeschichte beispiellos wären.

DAC steht zudem vor einigen grundlegenden, unausweichlichen Herausforderungen, die sich nicht einfach durch weitere Tests beseitigen lassen.

Der CO2-Anteil in der Atmosphäre ist weiterhin recht gering, was bedeutet, dass grosse Mengen an Luft verarbeitet werden müssen. Dies erfordert wiederum viel Energie, die ihrerseits fossilfrei erzeugt werden muss, damit der Prozess klimawirksam ist.

Ausserdem wird durch DAC allein kein CO2 entfernt; das abgeschiedene Gas muss noch komprimiert, transportiert und in den Untergrund eingeleitet werden. Diese zweite Phase hat bisher ebenfalls enttäuscht und ist mit Risiken behaftetExterner Link, die von möglichen Leckagen bis hin zu seismischen AktivitätenExterner Link, einschliesslich Erdbeben, reichen.

Entgegen anders lautender Behauptungen ist die Finanzierung hier nicht das Problem. Während DAC-Unternehmen nicht besonders gut darin sind, Kohlendioxid zu absorbieren, haben sie sich als weitaus effektiver beim Einfangen von InvestitionenExterner Link erwiesen.

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Ein Bohrturm in der Nacht

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Zürcher Projekt erforscht Speicherung von CO₂ im Untergrund

Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht In 15-20 Jahren könnte CO₂ aus Schweizer Hausmüll und Industrie unterirdisch gespeichert werden, um die Netto-Null-Klimaziele des Landes zu unterstützen.

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Das in der Schweiz ansässige DAC-Unternehmen Climeworks ist ein gutes Beispiel dafür. Es hat seit seiner Gründung vor 16 Jahren rund 800 Millionen US-Dollar an Fördermitteln erhalten und es dabei noch nicht einmal geschafft, seine eigenen jährlichen Betriebsemissionen wieder einzufangenExterner Link.

Debatten über die Höhe der Finanzmittel, die in die Kohlenstoffbeseitigung fliessen, gehen jedoch am Kernpunkt vorbei: Zu grosse Versprechungen in Bezug auf Technologien wie DAC bergen vielmehr reale Risiken, da sie die derzeitigen Bemühungen um die Dekarbonisierung untergraben und zu unrealistischen Plänen für das Erreichen des Netto-Null-Ziels führen können.

Der Vorverkauf von Emissionsgutschriften ist ein Weg, mit dem solche Unternehmen falsche Erwartungen wecken, die echte Klimaschutzmassnahmen untergraben können, während sie den Käufern ein Feigenblatt für ungehindertes Emissionswachstum bieten.

Microsoft, SAP, Morgan Stanley und Tiktok zum Beispiel haben alle DAC-Zertifikate gekauft, während ihre Emissionen, die nicht wirklich schwer zu reduzieren sind, weiter ansteigen.

Noch schädlicher sind vielleicht die Verbindungen zwischen der fossilen Brennstoffindustrie, den Petrostaaten und den Unternehmen zur Kohlenstoffentfernung, insbesondere im DAC-Sektor.

Der Vorstandsvorsitzende von Occidental Petroleum beschrieb DAC als eine «Lizenz für unsere Industrie, in den kommenden 60, 70, 80 Jahren weiter tätig zu sein».

Occidental erwarb 2023 das in den USA ansässige DAC-Unternehmen Carbon Engineering, während es seine Öl- und Gasaktivitäten weiter ausbaute und sich gegen strengere Klimavorschriften einsetzte.

Angesichts des mangelnden Wachstums von DAC könnten solche Übernahmen eine wahrscheinliche Exit-Strategie für andere Unternehmen darstellen, einschliesslich Climeworks.

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Zu befürchten ist eine «Mitigation Deterrence»: Die Integration neuartiger Methoden zur Kohlendioxidentfernung in Klimapolitik und Industrieplanung könnte die Dekarbonisierungsbemühungen untergraben oder verzögern.

Obwohl schwer nachweisbar, ist dieses Risiko deutlich vorhandenExterner Link. Zahlreich Akteure – von Ländern bis hin zu KommunalparlamentenExterner Link – verlassen sich derzeit auf signifikante CO2-Entfernungen, die sich im Rahmen ihrer Netto-Null-Pläne möglicherweise nie werden realisieren lassen können.

Getrennte Zielvorgaben für eine Emissionsreduzierung und CO2-Entfernung könnten die Gefahr einer «Mitigation Deterrence» zwar verringern. Sie berücksichtigen jedoch nicht das Risiko, dass überbewertete Technologien Prioritäten verzerren und zu katastrophalen politischen Fehlentscheidungen führen können.

DAC ist ein Ansatz, bei dem der Hype langsam auf die Realität trifft. Jede objektive Bewertung zeigt, dass es sich nicht um eine ernsthafte, skalierbare Klimalösung handelt, und vielleicht ist Climeworks hinter verschlossenen Türen bereits zu derselben Schlussfolgerung gelangt.

Im vergangenen Jahr begann das Unternehmen, sein Portfolio um weitere CO2-Entfernungstechniken wie Biokohle und beschleunigte Gesteinsverwitterung zu erweitern. Höchstwahrscheinlich, weil DAC nicht die erwarteten Ergebnisse liefert.

In der Zwischenzeit verbrauchen wir die Reste unseres globalen Kohlenstoffbudgets und stolpern auf Klimakipppunkte zu, die möglicherweise unumkehrbar sind, selbst wenn irgendwann sinnvolle und sichere Technologien zur Kohlenstoffentfernung entwickelt werden.

Die Tatsache, dass wir diesen Punkt erreicht haben, sollte uns dazu zwingen, die Dekarbonisierung mit weit grösserer Dringlichkeit voranzutreiben, als wir es derzeit tun, denn die Beweise sind eindeutig: Der möglichst rasche und vollständige Ausstieg aus fossilen Brennstoffen ist unsere einzige echte Hoffnung, die Klimakrise tatsächlich zu bewältigen.

Übertragung aus dem Englischen mit der Hilfe von Deepl: Petra Krimphove/raf

Die in diesem Artikel geäusserten Ansichten sind ausschliesslich die des Autors und spiegeln nicht unbedingt die Meinung von Swissinfo wider.

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