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Künstliche Intelligenz "Wir sind ja längst Cyborgs, und wir verbessern uns laufend"

Gesicht eines Cyborgs

Auf dem Weg zum Cyborg, der menschlichen Maschine:  "Wir verbessern uns laufend durch Verschmelzung mit Technik", sagt Jürgen Schmidhuber.

(ankarb/123RF)

Auf Milliarden von Smartphones laufen heute Spracherkennungen und -übersetzungen, die auf Künstlicher Intelligenz (KI) basieren. Jürgen Schmidhuber, der vielen als Vater der modernen KI gilt, ist überzeugt, dass diese dem Menschen punkto Intelligenz bald den Rang ablaufen wird.

Schmidhuber ist seit 1995 leitender Forscher bei IDSIA (Istituto Dalle Molle di Studi sull 'Intelligenza Artificiale) in Lugano, einem Schweizer Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz. Dort führt der gebürtige Deutsche seit den 1990er-Jahren KI-Grundlagenforschung durch.

swissinfo.ch: Sie sagen in Interviews immer wieder, dass Sie solange als Wissenschaftler arbeiten wollen, bis Sie eine Maschine entwickelt haben, die klüger ist als Sie selbst. Woher kommt dieser Traum?

J.S.: Als Bub fragte ich mich, wie ich meinen Einfluss auf die Welt maximieren kann.  Weil ich einsah, dass ich nicht sehr klug bin, sah ich die Lösung darin, eine Maschine zu bauen, die lernt, viel klüger zu werden, als ich es bin und alle Probleme lösen kann, die für mich zu schwierig sind. Eigentlich ist mein heutiges Schaffen eine natürliche Konsequenz dieser grössenwahnsinnigen, kindlichen Idee.

swissinfo.ch: Einer der wichtigsten Beiträge Ihres Teams zum Durchbruch der KI sind sogenannte neuronale Netze, darunter das "Long Short-Term Memory" (LSTM). Können Sie diese Technologie kurz für einen Laien erklären?

J.S.: LSTM ist inspiriert vom menschlichen Hirn. Dieses besteht aus circa 100 Milliarden Neuronen. Jedes Neuron ist verbunden mit etwa 10`000 anderen Neuronen. Jede Verbindung hat eine Stärke, die besagt, wie stark sich die verbundenen Neuronen beeinflussen.

Am Anfang sind alle Verbindungen zufällig; das Netzwerk produziert deshalb zunächst nur Unsinn. Durch einen cleveren Lernalgorithmus kann das LSTM die Verbindungsstärken über die Zeit jedoch so optimieren, dass das System zum Beispiel Sprachen erkennen kann.

LSTM läuft heute auf drei Milliarden Smartphones und die fünf wertvollsten Firmen der Welt – Apple, Google, Microsoft, Facebook und Amazon – nutzen LSTM jeden Tag milliardenfach für Textübersetzungen sowie für Spracherkennung und Sprachgenerierung. LSTM ist aber nicht die wichtigste Erfindung, die aus unserem Labor kommt.

swissinfo.ch: Was dann? 

J.S.: LSTM ist reine Mustererkennung, also passives Beobachten von Daten. Längst arbeiten wir jedoch an Systemen, die eingehende Daten selbst gestalten können, genauso wie wir es als Menschen unser Leben lang tun.

Zum Beispiel muss niemand Kinder instruieren, wann und wie genau sie ihre Muskeln bewegen müssen, um etwas zu essen. Das lernen sie ohne Lehrer durch Ausprobieren und Erfahrung. Wahre KI lernt ebenfalls aus der Interaktion mit der Welt. Sie ist ein andauerndes Wahrnehmen und Agieren, gekoppelt mit dem Bedürfnis, bestimmte Ziele zu erreichen.

swissinfo.ch: Welche Fragen stehen dabei am IDSIA in Lugano im Vordergrund?

J.S.: Wir interessieren uns stark für Systeme, die sich ihre eigenen Probleme stellen und ihre eigenen Ziele setzen, ausgestattet mit künstlicher Neugier und Kreativität. Wir fragen uns zum Beispiel: Wie kann ich ein System bauen, das wie ein Baby oder ein Wissenschaftler neugierig die Welt erforscht? Meine ersten Publikationen dazu erschienen bereits in den 1990ern.

Doch erst jetzt verfügen wir über genügend Rechenkraft, um solche Systeme zu skalieren. Denn alle fünf Jahre wird Rechenkraft etwa zehn Mal billiger. Bald werden wir also über Rechner verfügen mit der rohen Rechenkraft eines Menschenhirns.

swissinfo.ch: Verliert der Mensch damit auch die Kontrolle über die KI?

J.S.: Derzeit dreht sich fast alle KI-Forschung darum, Menschenleben zu verlängern und zu erleichtern. Längerfristig werden sich wahrhaft kluge KIs aber schon vom Menschen abkoppeln.

swissinfo.ch: Was passiert dann?

J.S.: Intelligente Roboter werden sich dorthin ausbreiten, wo die meisten Ressourcen in Form von Materie und Energie verfügbar sind, also ins Weltall, weit entfernt von der Erde. Da draussen gibt es zum Beispiel Milliarden Mal mehr Sonnenlicht als in unserem dünnen Biosphärenfilm.

KI werden zunächst das Solarsystem und dann innerhalb weniger Jahrmillionen die gesamte Milchstrasse kolonisieren. Der Weltraum ist für geeignet konstruierte KIs gemacht, nicht für uns. Da das sichtbare All noch jung ist, und wohl Millionen mal älter werden wird, bleibt den KIs mehr als genug Zeit, es in seiner Gesamtheit zu kolonisieren und umzugestalten.

Gilt als Vater der modernen Künstlichen Intelligenz: Jürgen Schmidhuber.

(IDSIA)

swissinfo.ch: Ist das nun noch Wissenschaft oder bereits Science Fiction?

J.S.: Die traditionelle Science Fiction hat nicht ganz verstanden oder verstehen wollen, wie sich KI tatsächlich entwickeln wird. Die Science Fiction des letzten Jahrhunderts war zumeist sehr menschenzentriert. Autoren wie Isaac Asimov entwarfen zwar galaktische Imperien, mussten aber physikalischen Unsinn erfinden, wie Hypersprünge und Überlichtgeschwindigkeitsantrieb, um die kurze Lebensdauer des Menschen kompatibel zu machen mit den grossen Distanzen in der Milchstrasse.

Geeignet konstruierte KIs hingegen haben keine Probleme mit der natürlichen Geschwindigkeitsbegrenzung der Physik. Und auch das „Beamen“ ist für sie trivial – sie können sich mit Lichtgeschwindigkeit zwischen Sender und Empfänger fortbewegen, so wie sie es bei mir im Labor längst tun.

swissinfo.ch: Vor drei Monaten ging der Aufruf von Tesla-Gründer Elon Musk um die Welt, dass KI die grösste existenzielle Gefahr für die Menschheit darstelle. Er warnte gar vor einem dritten Weltkrieg. Was halten Sie davon?

J.S.: Es ist interessant, wie oft sich Leute, die keine KI-Experten sind – darunter viele Philosophen, Physiker und Unternehmer – zu Wort melden. Elon Musk hat mich vor Jahren zu einem Familienfest eingeladen, und wir haben stundenlang darüber geredet. Immer wenn ich solche einflussreichen Leute treffe, versuche ich deren Befürchtungen zu beschwichtigen. Eigentlich ist doch klar, dass KI keine neue Qualität des Selbstzerstörungspotentials bringt.

Die maximale Selbstzerstörungsfähigkeit wurde schon in den 1960er-Jahren mit  Wasserstoffbomben-Raketen erreicht. Es gibt mehrere Mächte, die diese Technologie im Griff haben und die Zivilisation, wie wir sie heute kennen, innerhalb von zwei Stunden vernichten können.

swissinfo.ch: Sie sprechen von Waffensystemen, die von Menschen kontrolliert werden. Doch genauso wie Elon Musk prognostizieren Sie für die Zukunft Systeme, die selbst entscheiden werden.

J.S.: Im Moment sind 95% der KI-Forschung sehr menschenzentriert und darauf angelegt, Menschen langlebiger und gesünder zu machen sowie abhängiger von ihren Smartphones. Es gibt deshalb ein grosses kommerzielles Bedürfnis, KIs so zu bauen, dass sie menschenfreundlich sind und Menschen das Leben erleichtern, sonst würden sie nicht gekauft. Zwar werden LSTM-Netze auch eingesetzt, um Drohnen zu steuern, aber militärische Nutzungen machen nur einen Bruchteil der aktuellen Forschung aus.

swissinfo.ch: Trotzdem haben Sie 2015 einen offenen Brief des "Future of life Instituts" unterschrieben, in dem über 100 Wissenschaftler die Öffentlichkeit und Politik vor einer kriegerischen Nutzung von KI warnen.

J.S.: Genauso wie ich damals vor circa 750`000 Jahren bei der Erfindung des kontrollierten Feuers auch so einen Brief unterschrieben hätte, der besagt: Feuer hat grosse Vorteile, wir können damit kochen und uns in der Nacht warmhalten. Aber man kann damit auch Waldbrände verursachen und andere Menschen verbrennen. Wir müssen uns der Gefahren bewusst sein und uns darauf konzentrieren, die positiven Seiten der neuen Technologie zu fördern. 

swissinfo.ch: Der israelische Historiker Yuval Harari sagt die Verschmelzung des Menschen mit KI zum "Homo Deus", einem gottähnlichen, beinahe unsterblichen Wesen voraus. Wohin wird die Mensch-Maschinen-Verschmelzung Ihrer Meinung nach führen?

J.S.: Wir sind ja schon längst Cyborgs: Wir setzen uns Brillen auf, tragen Uhren, haben neuerdings sogar Implantate und Prothesen, die lernen, auf unsere Nervensignale zu reagieren. Wir verbessern uns laufend durch Verschmelzung mit Technik.

Seit Jahrzehnten wird nun darüber hinausgehend spekuliert, dass man irgendwann seinen Geist aus den Synapsen im Hirn auslesen und in einen Rechner verpflanzen kann, um in einer Simulation, zum Beispiel in einem virtuellen Paradies, weiterzuleben und dabei durch Sensoren und Aktuatoren den Zugang zur Realität zu wahren.

Es ist kein physikalischer Grund bekannt, wonach dies prinzipiell unmöglich ist. Nehmen wir also mal an, das ginge tatsächlich: So ein hochgeladener, zunächst noch sehr menschlicher Verstand wird sich sogleich grossen Versuchungen gegenübersehen.  

swissinfo.ch: An welche Versuchungen denken Sie?

J.S.: Zum Beispiel nicht mehr nur zwei Augen zu haben, sondern eine Million – inklusive Sehvermögen im Radar- oder Röntgenbereich. Oder ein Gehör für alle möglichen Töne im nicht hörbaren Bereich. Oder eine millionenfach höhere Rechenkapazität des Gehirns. Wer diesen Versuchungen nachgibt, wird bald über- und damit unmenschlich, und nähert sich dabei den reinen KIs an, die keinen evolutionären biologischen Ballast mit sich herumschleppen.

swissinfo.ch: Doch was ist, wenn jemand sein ursprüngliches Menschsein bewahren will?

J.S.: Er oder sie wird in der expandierenden KI-Sphäre, die sich bald mit grosser Geschwindigkeit vom Sonnensystem aus ausbreiten wird, nicht mit den wahren KIs konkurrieren können, und keine bedeutende Rolle mehr spielen. Denn die Entscheidungen werden künftig wohl diejenigen treffen, die all diese Möglichkeiten und neuen Rechenkapazitäten nutzen.

So oder so wird der herkömmliche Mensch, wie wir ihn kennen, keine grosse Rolle mehr spielen. Alles wird sich ändern, und die vom klassischen Menschen dominierte Zivilisationsgeschichte wird sich in den kommenden Jahrzehnten dem Ende zuneigen. 

Zur Person:

Jürgen Schmidhuber hat die moderne künstliche Intelligenz (KI) massgeblich geprägt. Er ist wissenschaftlicher Direktor des "Istituto Dalle Molle di Studi sull'Intelligenza Artificiale" (IDSIA), das von der Univesität Lugano (USI) und der Fachhochschule der italienischen Schweiz (SUSPI) getragen wird.

Seit 1991 publiziert er Pionierarbeiten zu "Deep Learning" mit tiefen künstlichen neuronalen Netzen. Die an der TU München und am IDSIA entwickelten neuronalen Netzwerke werden heute unter anderem für Facebooks automatische Übersetzung, Googles Spracherkennung, Apples Siri und Amazons Alexa genutzt. Auch für Mustererkennung in Bilddaten kommen sie zur Anwendung, unter anderem für die Früherkennung von Krebs.

Schmidhuber erhielt zahlreiche internationale Preise und ist Präsident der in Lugano angesiedelten Firma "NNAISENSE", die neue KI-Lösungen für die Finanz-, Automobil- und Schwerindustrie entwickelt. Längerfristig will das Unternehmen eine unabhängig von einer Branche funktionierende Allzweck-KI kommerzialisieren.

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