Alexandre Edelmann: «Die meisten Gründe, weshalb die Schweiz weltweit ein gutes Image geniesst, sind nicht verschwunden»
Der fatale Brand in Crans-Montana in der Neujahrsnacht fand weltweit ein breites mediales Echo. Alexandre Edelmann, Direktor von Präsenz Schweiz, hält eine umfassende Informationsarbeit für notwendig, um einen nachhaltigen Imageschaden für die Schweiz zu vermeiden.
Fast drei Wochen nach der Tragödie von Crans-Montana mit 40 Todesopfern hat der mediale Druck zwar etwas nachgelassen, doch die Kritik im Ausland – insbesondere in Italien – bleibt scharf.
Als Reaktion darauf hat Präsenz Schweiz, die für die Pflege des Images der Eidgenossenschaft im Ausland zuständige Stelle, bereits zwei geplante Veranstaltungen im House of Switzerland während der Olympischen Spiele von Milano Cortina abgesagt. Direktor Alexandre Edelmann verfolgt die Entwicklungen aufmerksam.
Swissinfo: Nach der Tragödie von Crans-Montana sieht sich die Schweiz mit heftiger Kritik aus dem Ausland konfrontiert. Welche Auswirkungen hat das auf Ihre Arbeit bei Präsenz Schweiz?
Alexandre Edelmann: Ab dem Morgen des 1. Januar begannen Medien auf der ganzen Welt über das Geschehen in Crans-Montana zu berichten. Ein Teil unserer Arbeit besteht darin, dieses Medienvolumen zu erfassen, also zu bewerten und zu analysieren, was über die Schweiz gesagt wird.
Heute stellen wir fest, dass es sich um die umfangreichste mediale Berichterstattung über die Schweiz seit Jahren handelt.
Lässt sich das internationale Echo auf diese Tragödie mit anderen Ereignissen vergleichen, die das Bild der Schweiz im Ausland geprägt haben, etwa mit der Sonnentempler-Affäre oder dem Absturz des Swissair-Flugs 111 in den 1990er-Jahren?
Uns fehlen die Daten für einen solchen Vergleich, da Präsenz Schweiz damals noch nicht existierte. Eines ist jedoch sicher: Seit wir die Sichtbarkeit der Schweiz in ausländischen Medien messen, handelt es sich um das Ereignis mit der grössten Medienresonanz.
In der jüngeren Geschichte des Landes hatte auch der Zusammenbruch der Credit Suisse während ein oder zwei Tagen grosse mediale Aufmerksamkeit ausgelöst.
Die Entscheide der Regierung zur Rettung der Grossbank hatten jedoch dazu beigetragen, dass nicht das Image des Landes beschädigt wurde, sondern eher jenes eines einzelnen Finanzinstituts.
Das mediale Interesse nach der Tragödie von Crans-Montana ist nicht damit vergleichbar. Das hängt wohl mit den Umständen des Dramas zusammen, der hohen Zahl der Todesopfer, dem jungen Alter der Betroffenen und dem Kontrast zum Bild der Schweiz als sicheres Land.
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Viele Stimmen zeigten sich überrascht, dass sich ein solches Drama in einem Land ereignen konnte, das als besonders sicher gilt. Welche Auswirkungen kann dies auf das Image der Schweiz haben?
Der Kontrast zwischen einer Tragödie dieses Ausmasses und dem Image der Schweiz als sicheres Land ist tatsächlich eine Herausforderung. Es ist noch etwas früh, um zu sagen, ob diese Wahrnehmung dauerhaft beeinträchtigt wird.
Klar ist jedoch, dass bei jenen Menschen Informationsarbeit nötig sein wird, deren Bild von der Schweiz Schaden genommen hat. Man kann nicht so tun, als sei nichts passiert.
Es gibt eine Erwartung gegenüber der Schweiz: Es muss herausgefunden und verstanden werden, was passiert ist. Wie der Bundespräsident und der Walliser Regierungspräsident gesagt haben, muss die Verantwortung geklärt werden.
Und trotz allem Respekt, den wir den Opfern schulden, sind die meisten Gründe, weshalb die Schweiz weltweit ein gutes Image geniesst, nicht verschwunden.
Der Schweiz wird insbesondere vorgeworfen, beim Thema Geld beide Augen zuzudrücken. Könnte dieser Diskurs das Image eines Landes beschädigen, das versuchte, seinen Ruf als Paradies für unrechtmässig erworbene Vermögen aus dem Ausland loszuwerden?
Generell hat die Kritik an der Schweiz diesbezüglich seit dem Ende des Bankgeheimnisses abgenommen. Dies ist übrigens nicht die verbreitetste Kritik im Zusammenhang mit dem Fall Crans-Montana, auch wenn sie durchaus existiert.
Die Fragen betreffen vielmehr die nicht durchgeführten Kontrollen in der Bar, in der es zum Brand kam, und die Gründe für dieses Versäumnis.
Die Berichterstattung über das Drama lässt in den meisten Ländern nach, bleibt aber in Italien sehr intensiv. Die Kritik fällt dort besonders scharf aus. Wie erklären Sie diese Reaktion Italiens?
Die beiden am stärksten betroffenen Länder neben der Schweiz sind Frankreich und Italien. Die mediale Aufmerksamkeit war zunächst in beiden Ländern vergleichbar, aber die Kritik war in Italien bereits stärker.
Ausserdem ist festzustellen, dass der Umfang der Berichterstattung über das Thema überall abnimmt, ausser in Italien. Das lässt sich durch mehrere Faktoren erklären. Zunächst einmal ist Crans-Montana ein Reiseziel, das eine lange Geschichte mit Italien verbindet und dort sehr bekannt ist. Der Schock ist dort also umso grösser – eine Emotion, die übrigens völlig legitim ist.
Zweitens ist das Drama dort auch ein politisches Thema: Die italienische Ministerpräsidentin hat sich geäussert, die Opfer besucht und eine Gedenkfeier organisiert. Schliesslich variieren die Berichterstattung in den Medien und die Tonalität von Land zu Land.
Wir sprachen mit internationalen und Schweizer Journalisten, die aus Crans-Montana berichten:
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«Reagiert die Schweiz nicht, wird der Imageschaden gross»
Ist ein dauerhafter Imageschaden für die Schweiz zu befürchten?
Zunächst einmal ist der Imageschaden nicht das vorrangige Thema. Was vor allem zählt, ist der menschliche Aspekt der Tragödie. Danach muss man tatsächlich wachsam sein, denn es gibt ein Risiko. Ich denke jedoch nicht, dass das Image der Schweiz global und in allen Bereichen geschwächt wird.
Hingegen steht die Gemeinde Crans-Montana im Tourismussektor vor einer echten Herausforderung. Die Medien berichten bereits über eine gewisse Anzahl von Stornierungen von Aufenthalten auf kurze Sicht.
Derzeit denke ich nicht, dass andere touristische Reiseziele betroffen sind. Aber nur die Zeit wird zeigen, welche tatsächliche Auswirkung dieses Drama haben wird.
Was muss getan werden, um die Auswirkung der Tragödie auf den Ruf des Landes zu minimieren?
Der erste Schritt besteht darin zu garantieren, dass die Untersuchung gut durchgeführt wird, dass sie sich im rechtlichen Rahmen bewegt und dass der Zugang zu Informationen gewährleistet ist.
Jetzt ist die Zeit der Justiz, nicht jene der Kommunikation. Die Arbeit, die wir in Zusammenarbeit mit den Botschaften leisten können, besteht darin, dafür zu sorgen, dass die verfügbaren Informationen korrekt verbreitet werden und Missverständnisse auszuräumen.
Es braucht eine Informationsarbeit gegenüber den betroffenen Ländern und den Familien der Opfer. Meine Kolleginnen und Kollegen, insbesondere in Paris und Rom, sind dafür besonders engagiert.
Editiert von Pauline Turuban; Übertragung aus dem Französischen mit der Hilfe von KI: Camille Kündig, Claire Micallef
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