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«Reagiert die Schweiz nicht, wird der Imageschaden gross»

Der Schweizer Justizminister Beat Jans am 3. Januar von der Bar "Le Constellation" in Crans-Montana, in der 40 Jugendliche verbrannten.
Überforderung: Schweizer Behördenvertreter am 3. Januar von der Bar "Le Constellation" in Crans-Montana, in der 40 Jugendliche verbrannten. Keystone / Alessandro Della Valle

Der Brand in Crans-Montana führte zu einer für die Schweiz beispiellosen Berichterstattung. Mit jedem neuen Detail über das Inferno und dessen Aufarbeitung wächst das Unverständnis der internationalen Presse. Wie denken diese Medienleute über die Schweiz? Wir haben nachgefragt.

Wenn keine Minderjährige gestorben wären, hätte die italienische Presse vielleicht anders reagiert, weniger intensiv berichtet. Jetzt aber steht die Schweiz im Kreuzfeuer der italienischen Presse.

«In Italien gibt es eine grosse kulturelle Sensibilität gegenüber jungen Menschen. Sie gelten als besonders schützenswert», sagt Giuseppe Guastella. Er hat als Sonderkorrespondent für den Corriere della Sera aus Crans-Montana berichtet. Auch sechs Jugendliche aus Italien kamen dort zu Tode.

Auch Carmelo Abbate, Journalist und Kommentator bei Mediaset, sieht darin einen wesentlichen Faktor. «Die Haltung der Italiener ist, dass sich Erwachsene schützend vor junge Menschen stellen», sagt Abbate. «Nun aber führten Erwachsene viele Junge in eine Falle, aus Gier und Nachlässigkeit.»

«Ein Tod wie aus dem Mittelalter»

Abbate ist überzeugt: «Das Image der Schweiz wird erheblich leiden.» Denn die italienische Öffentlichkeit werde es kaum goutieren, wie die Schweizer Justiz den Brand aufarbeitet. «Auf solche Tragödien reagiert die italienische Bevölkerung mit starker Emotionalität», erklärt er.

Rückführung von fünf in Crans-Montana verstorbenen Jugendlichen in Mailand, Italien.
Rückführung von fünf in Crans-Montana verstorbenen Jugendlichen in Mailand, Italien. Keystone

Es sind zwei Erschütterungen. Da ist zum einen das Inferno selbst, das sich in die Vorstellung vieler Menschen eingegraben hat – in den Worten von Carmelo Abbate «ein Tod wie aus dem Mittelalter».

Zweitens verstört viele, was danach geschah, nach der Silvesternacht von Crans-Montana, die 40 Tote und 116 meist schwer verletzte junge Menschen zurückliess. Es herrscht länderübergreifend Erstaunen über die Walliser Behörden, deren Überforderung sich von Tag zu Tag drastischer zeigte.

Eine Serie von Versäumnissen

Zunächst standen die Gemeindebehörden von Crans-Montana im Fokus, die Brandkontrollen vernachlässigt hatten und sich in der Öffentlichkeit obendrein auch noch als Opfer darstellten.

Zugleich wuchs die Kritik an der Walliser Staatsanwaltschaft, die tagelang keine Untersuchungshaft gegen die beiden Barbetreiber anordnen wollte – dann aber, wohl auf Druck Italiens – reagierte, allerdings nur gegen Jacques Moretti, nicht gegen dessen Frau. Diese hatte das fatale Feuerwerk nach neuesten Berichten immerhin veranlasst.

Crans-Montana: Vertuschungsgefahr ignoriert: Die Barbesitzer Jacques und Jessica Moretti befanden sich am 9. Januar noch auf freiem Fuss.
Vertuschungsgefahr ignoriert: Die Barbesitzer Jacques (l.) und Jessica Moretti (M.) befanden sich noch am 9. Januar auf freiem Fuss. Keystone / Jean-Christophe Bott

Die Walliser Ermittler unterliessen es zudem, Obduktionen der Opfer zu veranlassen. Und sie verzichteten auf eine ganze Reihe weiterer Massnahmen zur Beweissicherung, die zahlreiche Strafrechtsexpert:innen für unerlässlich halten.

Dazu gehören beispielsweise das Konfiszieren von Handys, das Verhindern von Absprachen, die Ausweitung des Kreises der Tatverdächtigen auf weitere mögliche Verantwortliche oder gewissenhafte Hausdurchsuchungen. Von aussen wirkte vieles an den Ermittlungen als zu wenig, als zu spät und als kaum koordiniert.

«Vermutlich wurde einiges vertuscht»

Zudem erwähnt Serge Enderlin, Schweiz-Korrespondent der französischen Tageszeitung Le Monde, die zweifelhafte Krisenkommunikation der Walliser Behörden. Die wichtigsten Informationen seien nicht von den Institutionen, sondern von der Presse veröffentlicht worden, sagt der Journalist.

Und das, obwohl «Verfehlungen auf Behördenseite ziemlich schnell sichtbar wurden. Man kann also vermuten, dass einiges vertuscht wurde».

Er sieht die scharfe Kritik der ausländischen Presse, besonders der italienischen, aber auch in einem grösseren Kontext. Sie sei ein Zeichen dafür, dass die Schweiz ohnehin als arrogant wahrgenommen werde, sagt er.

Sein italienischer Kollege Giuseppe Guastella bestätigt dies: «Manche Schweizer sind kritisch und überheblich. Sie werfen Italienern vor, nicht immer regelkonform zu handeln.» Carmelo Abbate ortet bei vielen Italienern sogar «einen starken Minderwertigkeitskomplex gegenüber der Schweiz».

Die Klischees über die Schweiz auf dem Prüfstand

Enderlin erklärt die heftige Kritik an der Schweiz auch mit bestehenden Klischees: «In Frankreich und Italien gibt es durchaus ein Ressentiment gegenüber der Schweiz», sagt der Le Monde-Journalist. «Das hindert uns nicht daran, die Schweiz zu bewundern. Aber wenn es einen Fehler gibt – und dieser ist gigantisch –, dann stürzen wir uns darauf.»

Sein Kollege Richard Werly, Paris-Korrespondent der Schweizer Zeitung Blick, stimmt dem zu. Diese «katastrophale Kommunikation» des Wallis habe Zweifel genährt. Und das knüpfe an «alte französische Ressentiments gegenüber einer Schweiz an, die insbesondere zu Bankthemen lange Zeit nicht die Wahrheit sagte», bemerkt Werly.

Er vergleicht das Verhalten der Schweiz mit dem einer Auster: «Sobald die Schweiz attackiert wird, verschliesst sie sich.» Genau darin sieht er jedoch «das grösste Risiko für den Ruf des Landes.» Die Schweiz müsse den Fall nun entschlossen und lückenlos aufklären.

Crans-Montana: Wie käuflich ist die Schweiz?

Ein Teil der Arbeit der beiden Journalisten bestand seit dem Unglück darin, zu erklären, dass die Schweiz viel komplexer ist als die sie umgebenden Klischees. «Meine Antwort lautet: Die Schweiz ist ein normales Land, in dem es, wie überall, Nachlässigkeiten, Fehler und vielleicht sogar Verfehlungen gibt», sagt Richard Werly, der seit dem 1. Januar in französischen Medien mehrfach zur Schweiz befragt wurde.

Auch Henry Samuel, Korrespondent des britischen Daily Telegraph aus Crans-Montana, begegnete den Klischees über die Schweiz, die sich nun als wahr zu bestätigen scheinen. «Viele unserer britischen Leser fragen sich, ob man mit Geld und Beziehungen in Crans-Montana und allgemein in der Schweiz das Schweigen der Behörden kaufen kann», sagt Samuel.

«Das Land gilt ja seit langem als undurchsichtiges Steuerparadies für Reiche, die nur darauf aus sind, dass man ihnen nicht zu viele Fragen stellt.»

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Von einem Klischee spricht schliesslich auch Nicolas Freund, der für die Süddeutsche Zeitung aus Crans-Montana berichtete – aber einem widerlegten. «In der Schweiz läuft vieles nach klaren Regeln ab und wird sehr gründlich gemacht.»

Letztlich ist das aber auch  ein Klischee», sagt der Deutsche und ergänzt: «Natürlich können Fehler und Versäumnisse wie im Fall von Crans-Montana beim Brandschutz auch in der Schweiz passieren.»

«Die Schweiz leidet am eigenen Selbstbild»

Ihm ist zudem aufgefallen, dass die strikten kantonalen Zuständigkeiten in Deutschland für Verwunderung sorgten. Zwar seien auch Bundesräte nach Crans-Montana gereist. «Aber in der Schweiz zeigte sich die Bundesebene angesichts der Dimension dieser Katastrophe doch sehr, sehr zurückhaltend», sagt er – und fügt hinzu: «Dass die Schweiz ein so grosses Ereignis auf dieser untergeordneten Ebene belässt, finden viele eigenartig.»

In einem Kommentar forderte Freund eine unabhängige Untersuchungskommission, «so wie man es von der Schweiz erwarten würde.»  

Freund beobachtet zudem, dass die Schweiz im Moment «wahrscheinlich selber unter ihrem Selbstbild leidet.» Dazu passt, dass auch die Schweizer Presse den Ton gegenüber den Walliser Behörden längst verschärft hat.

Crans-Montana: Gefordert: Bundespräsident Guy Parmelin, hier beim Besuch am Brandort, am Morgen nach dem Inferno.
Gefordert: Bundespräsident Guy Parmelin, hier beim Besuch am Brandort, am Morgen nach dem Inferno. Keystone Pool / Alessandro Della Valle

Für weitere Irritation sorgte der Kanton Wallis erst letzte Woche, als er den Opfern eine sofortige Entschädigung von 10’000 Franken versprach. Diese «Discount-Lösung» werde den Imageschaden der Schweiz kaum beheben, schrieb die SonntagsZeitung und titelte: «Die Schweiz lässt die Opfer im Stich.»

Chance auf eine Imagekorrektur?

Wie gross ist also der Schaden für das Bild der Schweiz im Ausland? Die meisten befragten Journalisten glauben nicht, dass das Image der Schweiz dauerhaft beschädigt bleibt – vorausgesetzt, Verwaltung und Justiz tun doch noch ihre Arbeit.

Serge Enderlin sieht in der Tragödie von Crans-Montana sogar eine Gelegenheit zur Imagekorrektur: «Endlich ist der Lack etwas weg und das Land kann sich so zeigen, wie es wirklich ist, nämlich nicht so aussergewöhnlich, wie es scheint. Es ist nur ein bisschen reicher und ziemlich heuchlerisch, wenn es darum geht, so zu tun, als sei dieser Reichtum mit Arbeit verdient.»

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