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Geiseldrama in Moskau

Vermittler nähern sich am Donnerstag dem Theatergebäude in Moskau, in dem sich das Geiseldrama abspielt. Keystone

Die Geiselnehmer haben weitere 15 Personen freigelassen, darunter 8 Kinder. Der Schweizer IKRK-Delegationschef in Moskau, Michel Minnig, traf sich erneut mit den Geiselnehmern.

Schweizer Ärzte machen sich für einen Einsatz in Moskau bereit.

Minnig übergab den tschetschenischen Geiselnehmern Listen mit den Namen der 75 ausländischen Geiseln sowie den Namen der festgehaltenen Kinder und Jugendlichen.

Sollte es zu weiteren möglichen Geiselübergaben kommen, zählen sowohl die russischen Behörden wie auch die Geiselnehmer auf die Hilfe des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK).

Schweizer Ärzte

Unter den 700 Geiseln befinden sich laut Behördenangaben noch rund 30 Kinder. Sie waren am Freitag von einem Arzt untersucht worden. 3 Kinder seien krank, sagte der Arzt. Sie litten an Epilepsie, Lungenentzündung und schwerer Bronchitis.

Die Geiselnehmer forderten, dass auch ausländische Ärzte beigezogen werden. So werden ein Schweizer Arzt und ein Schweizer Psychiater ab Freitagabend in Bereitschaft sein, um nach Moskau zu reisen, wie EDA-Sprecher Manuel Sager auf Anfrage erklärte.

IKRK beteiligt sich nicht an Verhandlungen

Bereits am Donnerstag konnte Minnig das besetzte Theater betreten, um die Leute mit Medikamenten zu versorgen. Minnig konnte eine männliche britische Geisel mit sich nehmen, die ärztliche Behandlung benötigte.

«Später konnten IKRK-Verantwortliche erneut das Theatergebäude betreten und eine Frau und zwei Kinder evakuieren,» sagte Annick Bouvier, Sprecherin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), gegenüber swissinfo.

Die IKRK-Sprecherin betonte jedoch, Minnig werde sich nicht an Verhandlungen mit den Geiselnehmern beteiligen. Gemäss russischen Medienberichten soll das russische Parlament Minnig für diese Aufgabe angefragt haben. Die Geiselnehmer fordern den Abzug der russischen Truppen aus der abtrünnigen Republik Tschetschenien.

Mit Sprengstoff bewaffnet

Die etwa 40 tschetschenischen Rebellen hatten am Mittwochabend das Moskauer Theater gestürmt. Laut Medienberichten sind die Geiselnehmer schwer bewaffnet. Sie sollen Sprengstoffgürtel tragen und das Gebäude vermint haben.

Unter den Festgehaltenen befinden sich etwa 60 Ausländer, darunter eine Schweizer Geisel.

Der russische Präsident Vladimir Putin bezeichnete die Geiselnahme als «einen der grössten Terrorakte in der Geschichte». Geplant worden sei das Ganze in «ausländischen Terroristen-Zentren». Die Freilassung der Geiseln sei das Hauptziel, sagte er.

Korrespondenten betonen, westliche Kritik an russischen Menschenrechts-Verletzungen in Tschetschenien sei verstummt, seit sich Putin hinter Washingtons «Kampf gegen den Terrorismus» gestellt habe. Das Geiseldrama in Moskau sei nun ein harter Test für die Führungskraft des russischen Präsidenten.

Erfahrungen bei Geiselnahme in Peru

Der 50-jährige Walliser Michel Minnig hat bereits vom Dezember 1996 bis April 1997 in Peru bei einer Geiselnahme vermittelt. Seit 1999 ist er Chef der IKRK-Delegation in Moskau.

Minnig hat in Genf Internationale Beziehungen studiert und nahm1986 seine Arbeit beim IKRK auf. Er war IKRK-Delegierter unter anderem in Irak, in Libanon, in Ruanda, Bosnien-Herzegowina und Aserbaidschan. Im August 1996 wurde er Delegationschef in Peru. Minnig blieb bis Juni 1997 dort. 1998-99 war er Delegationschef im Irak. Im August 1999 ging er nach Moskau.

Am 17. Dezember 1996 war ein Kommando der Revolutionären Bewegung Tupac Amaru (MRTA) während eines Empfangs anlässlich des Geburtstags des japanischen Kaisers Akihito in die japanische Botschaft in Lima eingedrungen. Das Kommando nahm damals 700 Menschen als Geiseln und forderte die Freilassung von 440 inhaftierten MRTA-Mitgliedern.

Am18. Dezember wurde Minnig offizieller Vermittler zwischen der Regierung und den Geiselnehmern. Es begannen lange Verhandlungen, die Krise sollte 126 Tage dauern. Am 22. April wurden die 72 Geiseln von mehr als hundert Militärs gewaltsam befreit. Dabei wurden 17 Menschen getötet: 14 Mitglieder des Kommandos, eine Geisel und zwei Soldaten.

Das IKRK verfügt in Russland über 32 Delegierte, davon sind 15 in Moskau und 17 in Naltschik. Die humanitäre Organisation besucht tschetschenische Gefangene. Ein entsprechendes Abkommen wurde Ende März 2000 zwischen dem IKRK und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin getroffen.

swissinfo

Rund 40 schwer bewaffnete tschetschenische Rebellen halten in einem Moskauer Theater Hunderte von Personen als Geiseln fest

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