Gerechtigkeit statt Krieg
Rund 40 Schweizer Organisationen fordern die sofortige Einstellung der US-Angriffe auf Afghanistan. In Bern findet am Samstag eine nationale Kundgebung statt. Steht die Friedensbewegung in der Schweiz vor einem neuen Aufschwung? Dazu der Journalist und Friedensaktivist Hans Hartmann.
Hans Hartmann, wie hat die Friedensbewegung in der Schweiz auf die jüngsten Ereignisse regiert?
In der Schweiz stellen wir zur Zeit fest, dass sich vor allem junge Leute mobilisieren, die bisher überhaupt nicht in irgendwelchen politischen Zusammenhängen aktiv waren. So gibt es beispielsweise in Zürich eine Petition an fünf Kantonsschulen mit 10’000 Unterschriften gegen den Krieg. Auch gab es in verschiedenen Städten Demonstrationen, die spontan von Einzelpersonen organisiert wurden.
Dann gibt es auch die Bemühungen von Seiten der Überreste der Friedensbewegung der 80er und 90er Jahre und der globalisierungs-kritischen Bewegung, die diese zwei Themen zusammenzubringen: einerseits die Kritik am Krieg, am Militarismus und andererseits die Kritik an der Globalisierung.
Ist es das Gefühl unmittelbarer Bedrohung, das die Menschen vermehrt für die Friedensbewegung mobilisiert?
Eher weniger. Das ist auch ein Unterschied zur Stimmung in den 80er Jahren, als die Angst vor dem atomaren Overkill im Zentrum stand. Heute ist es eher die Frustration über die Gewalt-Eskalation. So geht es bei der nationalen Kundgebung in Bern auch darum, möglichst schnell ein Zeichen zu setzen, dass die vorherrschende Interpretation der Ereignisse – nämlich die Spaltung in ein Lager der Guten und der Bösen – nicht von allen geteilt wird.
Man will auch darauf aufmerksam machen, dass es weiterhin politische Kräfte gibt, die auf Verständigung, auf interkulturellen Dialog setzen und die vor allem auch andere Mittel in der internationalen Politik im Vordergrund sehen wollen: nicht militärisch-repressive Mittel, sondern solche, die längerfristig auf einen Ausgleich der Interessen und des extremen Wohlstandsgefälles auf der Welt hinzielen.
Welche Wirkung kann die nationale Friedensdemonstration in Bern in kollektivem Sinne haben?
Ich glaube schon, dass es darum geht, zu verhindern, dass sich jetzt unter dem Eindruck dieser schrecklichen Terrorangriffe vom 11. September und dem was jetzt darauf folgt, nämlich diesem sogenannten langen Krieg gegen den Terror, eine neue Grenzziehung zwischen Gut und Böse in unseren Köpfen etabliert. Eine solche hatte ja auch das Denken während dem Kalten Krieg dominiert und viele Sachen undenkbar gemacht.
Das hat sich in den 90er Jahren aufgelöst. Es wurden durchaus zivilisatorische Quantensprünge – denkbar in Richtung auf eine friedlichere Welt – gemacht. Das sehe ich jetzt stark bedroht durch die jüngsten Ereignisse. Und solche Friedensdemonstrationen sollen, so glaube ich, in erster Linie verhindern, dass sich jetzt der Horizont wieder schliesst und auf Repression, Abschottung und Verhärtung umgeschaltet sondern an der Option ‚Kooperation‘ festgehalten wird.
Wie stark ist die Schweiz in dieser Krisenzeit gefordert?
Ich denke, die Schweiz hat den Vorteil, dass sie sich noch nicht allzustark in diese militärischen Bündnisstrukturen eingegliedert hat. Das nimmt den Druck weg von der Schweiz, sich jetzt sofort quasi auf Linie zu begeben.
Es eröffnet den Spielraum, eine andere Stimme im internationalen Konzert zu sein – eine der Stimmen, die eben jetzt nicht an der Spaltung der Welt in Gut und Böse teilnimmt. Es wäre wichtig, wenn von der Schweiz her Impulse kommen, die auf Verständigung und langfristige Perspektiven zielen.
Auch sollte darauf bestanden werden, dass es darum geht, jetzt nicht kurzfristige Sicherheits-Konzepte aus dem Boden zu stampfen, sondern die Ursachen eines weltweiten Malaise zwischen reich und arm zu bekämpfen.
Hans Hartmann ist Journalist bei der Wochenzeitung (WOZ) und GSoA-Mitglied.
Alina Kunz Popper
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