Grossdemo in Pakistan – Angst in Afghanistan
In Pakistan haben Tausende von Menschen gegen einen möglichen Vergeltungs-Angriff der USA auf Afghanistan demonstriert. Pakistan befürchtet einen Zustrom von Hunderttausenden afghanischer Flüchtlinge. Im kriegsversehrten Afghanistan wächst die Angst vor einem US-Angriff. Die Taliban-Regierung soll sich zum Heiligen Krieg gegen die USA bereit erklärt haben.
Der Zorn der pakistanischen Demonstranten richtete sich erstmals auch gegen Militärmachthaber Musharaf, den sie vor einer Zusammenarbeit mit Washington warnten. Zuvor hatte Pakistan den USA Unterstützung im Kampf gegen Terroristen und ihren mutmasslichen Anführer Osama Bin Laden zugesagt.
Laut dem US-Aussenministerium sollen Botschaftsangehörige zum Teil Pakistan verlassen.
Taliban stellt Bedingungen
Eine hochrangige pakistanische Delegation hat ihre Verhandlungen mit den Taliban-Führern beendet. Sie hatte versucht, die Auslieferung Bin Ladens zu erreichen. Ein dreistündiges Gespräch mit Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar war am Montag in Kandahar ohne konkrete Ergebnisse verlaufen.
Wie aus pakistanischen Regierungskreisen verlautete, hat man auch über Bedingungen beraten, unter welchen Bin Laden an ein Drittland ausgeliefert werden könnte. Zu den Bedingungen sollen eine internationale Anerkennung des Taliban-Regimes sowie die Aufhebung der UNO-Sanktionen gegen Afghanistan gehören.
Die höchsten afghanischen Geistlichen haben ein Treffen des Rates der Geistlichen auf Mittwoch verschoben. Grund sei, dass noch nicht alle Delegationen eingetroffen seien. Am Treffen in Kabul soll ebenfalls über das Schicksal von Osama Bin Laden beraten werden.
Angst in Afghanistan
Schon am Montag hatte Afghanistan in Erwartung eines Angriffs der USA seinen Luftraum für alle Flugzeuge geschlossen.
Falls Bin Laden nicht ausgeliefert wird, muss Afghanistan frühestens zum kommenden Wochenende mit einem Vergeltungsangriff der USA rechnen, wie aus Kreisen der pakistanischen Regierungsdelegation verlautete.
Auslieferung Bin Ladens reicht nicht
Eine mögliche Auslieferung des mutmasslichen Terroristen Osama Bin Laden ist für die USA offenbar nicht ausreichend, um auf den geplanten Vergeltungsangriff zu verzichten. «Das Problem ist eindeutig viel grösser als Bin Laden», sagte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld am Dienstag.
«Heiliger Krieg» im Fall eines Angriffs
«Ich möchte unserem Volk sagen, dass der Heilige Krieg gegen die USA in aller Form wieder aufgenommen wird», sagte der Taliban-Regierungschef, Mullah Mohammad Hasan, im Taliban-Radiosender Schariat am späten Montagabend. Die Sendung wurde vom britische Sender BBC mitgeschnitten.
Hasan sagte dem Bericht zufolge, es sei undenkbar, dass die Terroranschläge auf das World Trade Center und das Pentagon von der Taliban oder von Osama Bin Laden ausgeführt worden seien.
Regierungschef Mullah Hasan dementierte inzwischen Berichte, wonach die Taliban einen «heiligen Krieg» gegen die USA ausgerufen hätten, berichtete die private afghanische Nachrichtenagentur AIP. Nur wenn die USA Afghanistan angreifen sollten, dann würden die Afghanen einen «heiligen Krieg» wie seinerzeit gegen die Sowjetunion führen, habe Mullah Hasan gesagt.
Arabische Liga gefordert
Die ägyptische Regierung und die Arabische Liga haben ihre diplomatischen Kontakte intensiviert, um US-Angriffe auf Ziele im Nahen Osten zu verhindern. Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Mussa, berief nach Beratungen mit dem Herrscherhaus von Saudiarabien ein Treffen der ständigen Vertreter aller Mitgliedstaaten in Kairo ein.
Ziel des Treffens sei es, nach den Terroranschlägen in den USA eine gemeinsame Strategie aller arabischen und islamischen Länder zur Bekämpfung des Terrorismus zu finden, hiess es.
UNHCR und UNICEF: Warnung vor humanitären Folgen
In Afghanistan zeichnet sich nach Angaben des UNO-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) ein neues Flüchtlingsdrama ab. Aus Furcht vor möglichen Vergeltungsschlägen der USA hätten in den vergangenen Tagen Zehntausende von Menschen vor allem die Städte verlassen, sagte UNHCR-Sprecher Kris Janowski am Dienstag in Genf.
Laut dem Kinderhilfswerk UNICEF können die Flüchtlinge – meist Frauen und Kinder – ohne internationale Hilfe kaum überleben. «Der bevorstehende Winter wird die Situation weiter verschärfen», warnte UNICEF.
Da UNO-Hilfsorganisationen derzeit keine Lebensmittel in das Land bringen, sind nach Schätzung von Janowski die letzten Lagerbestände des Welternährungs-Programms (WFP) in kurzer Zeit aufgebraucht.
Das UNHCR hat an die USA appelliert, die humanitären Konsequenzen eines möglichen Vergeltungsschlags gegen Afghanistan genau abzuwägen.
swissinfo und Agenturen
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