Offene Grenzen keine Gefahr für Norwegen
Norwegen ist seit seinem Beitritt zu den Abkommen von Schengen und Dublin sicherer geworden, auch wenn es dafür seine Grenzen zur EU öffnete.
Justiz- und Polizeiminister Odd Einar Dørum erklärt im Interview, dass Norwegen seither besser gegen das international organisierte Verbrechen vorgehen könne.
Norwegen ist eines der wenigen Länder, die nicht in der Europäischen Union (EU) sind, trotzdem aber der Schengen-Zone beigetreten sind und das Abkommen von Dublin zur engeren Zusammenarbeit im Asylbereich unterschrieben haben.
Im Osten teilt Norwegen die Grenze mit Schweden und Finnland, mit denen das Land seit über vier Jahrzehnten bereits das Spezialabkommen der Nordischen Pass-Union abgeschlossen hat.
Die nördlichste europäische Grenzlinie, ein Abschnitt von 200 km, ist die norwegische Grenze zu Russland am Polarkreis.
Odd Einar Dørum, Mitglied der liberalen Venstre-Partei, wirkte zuerst als Transport- und Kommunikationsminister, bevor er 1999 die Leitung des Justiz- und Polizeiministeriums übernahm.
swissinfo: Ist Norwegen wirklich wegen der Teilnahme an Schengen/Dublin sicherer geworden?
Odd Einar Dørum: Norwegen wurde sicherer, weil wir sehr effizient mit anderen europäischen Ländern im Kampf gegen das international organisierte Verbrechen kooperieren.
Wir können heute auch sehr rasch herausfinden, ob eine Person bereits in einem anderen Schengen-Land ein Asylgesuch gestellt hat, bevor sie nach Norwegen gekommen ist.
swissinfo: Welche Wirkung hatten die Abkommen von Schengen/Dublin auf Kriminalitätsrate und Verhaftungsquote in Norwegen. Und haben diese die Asylzahlen beeinflusst?
O.E.D.: Die Kriminalitätsrate ist tatsächlich gesunken. Wir haben immer noch organisiertes Verbrechen, doch unsere Polizei ist jetzt mit den nötigen Mitteln ausgestattet, dies zu bekämpfen.
Norwegen hat eine lange Tradition der liberalen Asylpolitik, und wir sind weiterhin liberal eingestellt. Doch kürzlich haben wir striktere Regeln betreffend Sozialhilfe eingeführt. In der Folge ist die Zahl der Asyl Suchenden zurückgegangen.
swissinfo: Die Gegner von Schengen/Dublin in der Schweiz befürchten, dass durch die offenen Grenzen zur EU die Arbeitslosigkeit steigen würde. War dies in Norwegen der Fall?
O.E.D.: Das war nicht der Fall. Unsere Wirtschaft braucht Arbeitskräfte, und wir beschäftigen auch ausländische Arbeiter.
Ich denke, die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist hauptsächlich eine Frage der nationalen Beschäftigungs- und Immigrations-Politik.
swissinfo: Ist Schengen/Dublin bei Ihnen nach vier Jahren noch ein heisses Thema?
O.E.D.: Das Abkommen wird nicht mehr kontrovers diskutiert. Es wird weitgehend akzeptiert.
Zu Beginn war meine liberale Venstre-Partei gegen Schengen/Dublin und befürchtete einen Souveränitäts-Verlust für Norwegen. Als wir nach den Wahlen von 1997 der Regierungskoalition beigetreten waren, einigten wir uns mit den andern Parteien auf eine engere Zusammenarbeit mit der EU in den Bereichen Sicherheit und Asyl.
swissinfo: Im letzten Jahr wurden in Norwegen Bilder des weltberühmten Malers Edvard Munch gestohlen und es fand ein grosser bewaffneter Raubüberfall statt. Haben diese beiden spektakulären Kriminalfälle etwas mit den offenen Grenzen zu tun?
O.E.D.: Nein. In einer immer globalisierteren Welt mit Internet und anderen neuen Kommunikationsmitteln ist die Kriminalität schlicht auch zum internationalen Phänomen geworden.
Die Öffnung der Grenzen innerhalb Europas hat nicht zu mehr Kriminalität geführt, sondern uns die Möglichkeit gegeben, enger mit den europäischen Ländern zusammenzuarbeiten. Auch wenn wir nicht Mitglied der EU sind.
swissinfo: Welches Interesse hat Norwegen an einer Schweizer Teilnahme bei Schengen/Dublin?
O.E.D.: Norwegen und die Schweiz waren seit Beginn bei der Europäischen Freihandels-Assoziation (EFTA) dabei. Und wir sind seither einen langen Weg miteinander gegangen.
Beide Nationen teilen den starken Drang zur Unabhängigkeit und zum Wohlstand. Und wir sind uns bewusst, wie viel es braucht, dies aufrecht zu erhalten.
Ich habe grossen Respekt vor dem Schweizer System der direkten Demokratie und der Referenden. Es ist aber nicht an mir, den Schweizer Stimmberechtigten Tipps zu geben. Sie wissen selber, was für sie das Beste ist.
Was ich sagen kann, ist die Tatsache, dass Norwegen von Schengen/Dublin profitiert hat: in praktischen Dingen wie dem Kampf gegen das organisierte Verbrechen und der Kooperation im Asylwesen.
swissinfo-Interview: Urs Geiser, Oslo
(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub)
Norwegen ist seit 2001 Mitglied der Schengen-Zone, obwohl die Stimmberechtigten zweimal Nein zum EU-Beitritt sagten.
Es ist Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) und der Europäischen Freihandels-Assoziation (EFTA).
Mit dem Beitritt zu Schengen wurden die systematischen Passkontrollen an den Grenzen zu Schweden und Finnland abgeschafft, doch der Zoll darf weiterhin Kontrollen durchführen.
Bereits seit 1954 können Bewohner von Schweden, Finnland, Dänemark und Island unter der Nordischen Pass-Union ohne Einschränkungen von einem Land zum andern reisen.
Die 200 km lange norwegische Grenzlinie zu Russland ist der nördlichste Teil der europäischen Grenze.
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch