Pakistan spricht mit Taliban-Miliz – Bush verschärft Ton
Die Taliban in Afghanistan entscheiden voraussichtlich am Dienstag über das Schicksal des Extremistenführers Osama Bin Laden. In Afghanistan wächst die Angst vor einem Miltärschlag der USA, die ihren Tonfall erneut verschärften. Die US-Börsen nahmen am Montag ihren Handel erstmals seit den Anschlägen wie erwartet mit deutlichen Verlusten auf.
Die geistlichen Führer und Stammeschefs in Afghanistan wollen am Dienstag in Kabul über das Schicksal von Osama bin Laden entscheiden. Dies sagte ein Sprecher des Taliban-Regimes der Nachrichtenagentur Afghan Islamic Press (AIP). Die Zusammenkunft sei vom Taliban-Chef Mullah Mohammed Omar einberufen worden.
Die Entscheidung der Versammlung, der «Jirga», werde von den Taliban respektiert, habe Omar zugesichert. Eine hochrangige pakistanischen Delegation hatte sich am Montag in Kandahar bei den Taliban um eine Auslieferung bin Ladens bemüht. Die Abordnung aus Islamabad erhielt jedoch weder eine Zu- noch eine klare Absage.
Angst in Afghanistan
In Erwartung eines allfälligen Militärschlags der USA haben die Taliban den Luftraum des Landes gesperrt. «Der Luftraum Afghanistans ist von heute an unsicher, und wir fordern alle Flugzeuge auf, den Luftraum nicht zu benutzen», sagte ein Talibansprecher laut der Nachrichtenagentur AIP. Ausnahmen könnten nur für Flugzeuge der UNO oder des Roten Kreuzes gegeben werden.
Die USA hatten Bin Laden als Hauptverdächtigen hinter den Terroranschlägen vom letzten Dienstag in New York und Washington genannt. Pakistan hatte den USA seine volle Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus zugesagt und verhandelte deshalb mit den Taliban.
Innenpolitisch wuchs aber derweil in Pakistan der Widerstand gegen die Zusammenarbeit der Regierung mit den USA. Mehr als 30 pakistanische Islamisten-Parteien drohten in einem solchen Fall mit einem Bürgerkrieg.
In Afghanistan befanden sich am Montag Zehntausende von Menschen auf der Flucht. Genaue Angaben zum Ausmass der Flüchtlings-Ströme konnte auch die UNO nicht machen. Vor allem die Einwohner und Einwohnerinnen der Hauptstadt Kabul und der Taliban-Hochburg Kandahar flöhen aufs Land. Dies gab das UNO- Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) in Genf bekannt.
Bush verschärft Ton
In Washington kündigte US-Präsident George W. Bush einen «langen Kreuzzug» gegen den Terrorimus an. Bin Laden wolle er «tot oder lebendig», sagte Bush weiter. Die Fahndung nach den Drahtziehern des Infernos geht derweil weiter – auch in der Schweiz laufen die Ermittlungen weiter. Die US-Justiz stellte weitere Haftbefehle aus.
Bush rief die Bevölkerung gleichzeitig zur Geduld auf. Der Krieg gegen den Terrorismus könne lange dauern. Bushs Aussenminister Colin Powell bestritt Berichte, wonach die USA der Taliban-Führung in Afghanistan ein auf drei Tage angelegtes Ultimatum zur Auslieferung bin Ladens gestellt hätten.
Powell bekräftigte, dass es den USA nicht nur darum gehe, Osama Bin Laden für die Terroranschläge in New York und Washington verantwortlich zu machen. Ziel sei es, sein gesamtes Netzwerk zu zerstören. Er forderte die Taliban erneut auf, Bin Laden auszuliefern.
US-Justizminister John Ashcroft kündigte derweil an, er wolle die Verjährung terroristischer Taten aufheben, Täter schwerer bestrafen und die Fahndungs- Möglichkeiten erleichtern. Die elektronische Überwachung solle ebenso erleichtert und erweitert werden wie die Beschlagnahme von Guthaben verdächtiger Terroristen.
Klare Verluste an der Wall Street
Die US-Börsen haben am Montag den ersten Handelstag nach den Anschlägen mit deutlichen Kursverlusten beendet. Kurz zuvor hatte die US-Notenbank Fed ihre Leitzinsen gesenkt, EZB und SNB zogen nach.
Der Dow-Jones-Index notierte zum Handelsschluss um 7,07 Prozent schwächer bei 8920,70 Zählern. Dies war der tiefste Schlussstand des Indexes seit Dezember 1998. Der technologielastige Nasdaq-Composite-Index ging um 6,85 Prozent auf 1579,28 Zähler und damit auf den niedrigsten Schlussstand seit Oktober 1998 zurück. Mit vier Tagen war die Wall- Street so lange unterbrochen gewesen wie seit der Wirtschaftskrise im März 1933 nicht mehr.
Die Liste der Verlierer führten die Aktien der US- Fluggesellschaften an. Spitzenreiter war Continental Airlines-Aktie mit einem Kursturz von 49,42 Prozent auf 20,05 Dollar. Auch Delta Air Lines mussten deutlich Federn lassen und fielen um 44,59 Prozent auf 20,64 Dollar.
Unterstützung der Fed
Gut eine Stunde bevor die US-Börsen am Montag den Handel wieder aufnahmen, hatte die US-Notenbank Fed die Leitzinsen überraschend um 50 Basispunkte gesenkt und somit den Kurssturz der US-Börsen abgefedert. Der Zielsatz für Tagesgeld, zu dem sich Geschäftsbanken untereinander Geld leihen, wurde auf 3,0 Prozent zurückgenommen.
Die Fed begründete den einstimmig beschlossenen Schritt nach den Anschlägen mit dem Risiko für eine schwächer US-Wirtschaft. Zudem wolle die Fed die Märkte weiter mit «ungewöhnlich hoher» Liquidität versorgen.
Die Europäische Zentralbank (EZB) senkte kurz darauf aus den gleichen Gründen ihre Leitzinsen in der Euro-Zone ebenfalls um 50 Basispunkte.
Unmittelbar nach Börsenschluss in Zürich lockerte auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) am Montagabend die Geldzügel. Sie senkte das Zielband für den Dreimonate-Libor um 50 Basispunkte auf 2,25 bis 3,25 Prozent.
Die Schweizer Börse wurde trotz der schwachen Eröffnung der New Yorker Wertpapiermärkte nicht wieder in die Minuszone gerissen. Der SMI schloss um 3,1 Prozent fester auf 5803,6 Zählern. In schwere Turbulenzen gerieten dagegen erneut Swissair. Sie sackten bis Handelsschluss um 16,7 Prozent auf 48,75 Fr. ab. Auch die wichtigsten europäischen Börsen verzeichneten Kursgewinne.
Rückkehr zur Normalität
Allgemein kehrte in der Schweiz am Montag langsam wieder Normalität ein. Die Eidgenössischen Räte legten aber zu Beginn der Herbstsession einen Moment des Schweigens im Gedenken an die Opfer ein.
Die Zahl der nicht kontaktierbaren Schweizer in den USA ist laut Schweizer Aussenministerium weiter zurückgegangen. Nach Angaben vom Montagabend werden noch rund 100 Personen vermisst. Zur Unterstützung der Angehörigen schickte das EDA zwei Psychologen nach New York.
swissinfo und Agenturen
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