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Skandal erschüttert Schweizer Eishockey

Der legendäre Spengler-Cup wird von einem Geldskandal im Eishockey-Verband überschattet. Keystone

Das Schweizer Eishockey-Ereignis des Jahres, der Spengler Cup in Davos, wird überschattet vom unehrenvollen Rücktritt von Eishockey-Verbands-Präsident Werner Kohler.

Kohler hatte im Zusammenhang mit einem Marketing-Vertrag heimlich eine Provision von einer Million Franken eingestrichen.

Der Schweizer Klubsport kommt nicht zur Ruhe. Schon wieder ist mit Werner Kohler, dem Präsidenten des Schweizerischen Eishockey-Verbandes (SEHV), ein hoher Funktionär über seinen Umgang mit Geldern gestolpert. Kohler sieht sich nun als Opfer. Auch sei ihm kein rechtliches Gehör gewährt worden.

Fussball, Fussball und dann das Eis

Rund zwei Monate ist es her, dass die Affäre um Andrea Hafen platzte. Der Präsident des FC Wil und regionaler Vizedirektor bei der UBS in St. Gallen hatte 48 Mio. Franken von seiner Bank abgezweigt und 10 davon in seinen Fussball-Klub fliessen lassen.

Wenige Wochen darauf sorgten die Berner Young Boys für Schlagzeilen: Präsident Heinz Fischer und Sportchef Fredy Bickel nahmen den Hut, nachdem ihre Büros von der Polizei durchsucht worden waren. Beim Spieler-Transfer soll es zu unsauberen Geschäften gekommen sein.

Und mit einem Feuerwerk zum Jahresende kommen die Schlagzeilen mit dem abrupten Abgang von Kohler nun auch aus der Welt des Eishockey. Kohler war seit 1996 Präsident des SEHV.

Grund für den Rücktritt sind Abfindungen von einer Million Franken, die Kohler im Zusammenhang mit einem Marketing-Vertrag zwischen dem SEHV und der IMG Schweiz zuflossen.

Abzocker, Verrat



In Schweizer Hockey-Kreisen ist man entzürnt, Worte wie «Abzocker» und «Verrat» machen die Runde. «Wir sind aus allen Wolken gefallen», erklärt Jean Martinet, der als bisheriger SEHV-Vizepräsident die Verbandsgeschicke seit dem Rücktritt Kohlers ad interim betreut. «Der hat uns betrogen», so Martinet weiter.

Jean Martinet kann es noch immer nicht glauben. «Ich hatte den Vertrag mit der IMG über 64 Mio. Franken auf fünf Jahre selber unterschrieben.» Und nun habe man erfahren, dass es um insgesamt 65 Mio. Franken ging.

Die fehlende Transparenz sei das Schlimmste an der Affäre. «Wenn er (Kohler) wenigstens seinen Fehler eingestanden hätte, so hätte die Geschichte vielleicht, und ich betone vielleicht, einen andern Ausgang nehmen können.»

Trotz allem ausverkauft



Wie immer zum Jahresende wird Davos zum Mekka der Schweizer Eishockey-Welt. Doch dieses Jahr war der Auftakt zum Spengler Cup nicht so unbelastet wie normalerweise. Der «Skandal Kohler» ist in aller Munde und wirft auch seine Schatten auf einen Anlass, der eigentlich als Volksfest gilt.

Aber so wirklich die Freude verderben lassen sich die Fans nicht. Schon beim ersten Spiel blieben die Schalter im Eis-Stadion geschlossen: Alles ausverkauft, das heisst mehr als 7600 Zuschauer.

Hinter den Kulissen ist der Schock allerdings gross. Kohler ist der ehemalige Präsident des HC Davos. Er hatte den Klub übernommen, als dieser in der ersten Liga vor sich hindümpelte. In Kohlers Ära gelang dem früheren Spitzenklub HC Davos der erneute Aufstieg in die Nationalliga A.

Untersuchungen dauern an



Kohler hatte den Ruf einer seriösen Persönlichkeit. Während seiner Zeit als SEHV-Präsident gelang es ihm, die Werbeeinnahmen deutlich zu erhöhen. Auch hatte Kohler Ralph Krueger als Coach der Nationalmannschaft geholt.

In Davos gehen die Emotionen denn auch hoch. Man hört viele scharfe Reaktionen, gepaart mit Vorsicht, denn die Untersuchungen von Einzelrichter Heinz Tännler sind voraussichtlich erst Mitte Januar abgeschlossen.

Doch was bisher ans Licht gelangt ist, hat genug Brisanz für Schlagzeilen: Zwei – mittlerweile belegte – Überweisungen von je 500’000 Franken auf Konten von Werner Kohler.

Der in Ungnade gefallene Kohler gab unterdessen zu, dass er eine Million Franken kassierte, etwas, was er noch Anfang Monat verneint hatte. Heute sagt Kohler nur noch, er habe nichts Illegales getan.

Dennoch. Der Image-Schaden, so denken viele in der Sportwelt, wird gewaltig. Kohlers sofortige Demission sei der einzige Ausweg gewesen.

swissinfo, Jonathan Hirsch, Davos

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