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Zivilisten getötet – neue Angriffe

Demonstranten im pakistanischen Lahore verbrennen amerikanische Flagge. Keystone

US-Streitkräfte haben am Dienstagabend (Ortszeit)erneut Angriffe gegen Ziele in Afghanistan geflogen. Dies gab die Regierung in Washington bekannt. In der Nacht zum Dienstag hatten die USA und Grossbritannien Flughäfen, Bodentruppen, das El-Kaida-Netzwerk, die Hauptstadt Kabul und die Taliban-Hochburg Kandahar im Visier. Das Taliban-Regime sprach auch von Angriffen auf Dschalalabad. Erstmals flogen die US-Streitkräfte am Dienstag auch Angriffe bei Tageslicht. Die Taliban berichteten derweil von zivilen Opfern der Angriffe. Nach UNO-Angaben sind vier UNO-Mitarbeiter unter den Toten. Der UNO-Sicherheitsrat zeigte sich derweil besorgt über die Lage der Zivilbevölkerung in Afghanistan. Während das Welternährungs-Programm auch am Dienstag keinen Lebensmittel-Konvoi nach Afghanistan entsandte, nahm die UNICEF aus Iran die Versorgung der Stadt Herat auf. In Pakistan kam es erneut zu anti-amerikanischen Protesten. Dabei wurden mindestens drei Personen getötet. Auch in Indonesien, Malaysia, den Philippinen und in Irak gab es Proteste.

Die Luftangriffe auf Afghanistan haben nach Angaben der UNO-Hilfsorganisationen bisher nicht das befürchtete Flüchtlingschaos in den Nachbarländern ausgelöst. Nur wenige hundert Personen kommen derzeit pro Tag über die Grenze aus Afghanistan.

Die höhere Präsenz der Taliban-Milizen im Grenzgebiet könnte ein Grund für die wenigen Flüchtlinge sein. Die Präsenz der Regime-Vertreter könnte Flüchtlinge von einer Grenzüberquerung abhalten oder ihnen Angst davor machen, sagte der Sprecher des UNO-Flüchtlingshilfswerkes (UNHCR), Kris Janowski, in Genf.

Die Hilfsorganisationen bekräftigten zugleich übereinstimmend, dass die Militärschläge zum Problem geworden seien für die humanitäre Hilfe für die knapp 7,5 Millionen Not leidenden Afghanen und Afghaninnen. «Das ist ganz offensichtlich», sagte die Sprecherin des Welternährungs-Programmes (WFP), Christiane Berthiaume.

UNICEF-Sprecherin Wivina Belmonte unterstützte den Abwurf von Lebensmittel-Paketen durch die US-Armee: «Was auch immer funktioniert, sollte getan werden, um die Menschen zu ernähren. Es ist unbeschreiblich dringend.»

Ungeachtet der Soforthilfe von 15 Geberländern in Höhe von 600 Mio. Dollar wirbt das UNHCR weiter um Geld. Die reichen arabischen Golfstaaten könnten viel mehr tun, um das Flüchtlingshilfswerk zu unterstützen.

Im Verhältnis zu ihrem Reichtum hätten sie das UNHCR in keiner bedeutenden Weise unterstützt; im Gegensatz zu einigen kleinen Ländern wie Norwegen oder der Schweiz, sagte Janowski.

Erste Angriffe auch bei Tageslicht

In den frühen Morgenstunden setzten amerikanische Kampfflugzeuge ihre Attacken auf Taliban-Ziele fort. In Kabul seien mindestens drei Explosionen zu hören gewesen, berichtete ein CNN-Reporter. Auch die Taliban-Hochburg Kandahar sei angegriffen worden. Dort hätten die Taliban heftige Gegenwehr mit Flugabwehr-Geschossen geleistet. Aus der westafghanischen Stadt Herat und dem östlichen Dschalalabad wurden ebenfalls Explosionen gemeldet.

Die afghanischen Taliban griffen am Dienstagmorgen gegen 8.15 Uhr (Ortszeit) Flugzeuge mit Luftabwehrfeuer an. Ein Taliban-Sprecher erklärte, die Maschinen hätten über der südlichen Taliban-Hochburg Kandahar gekreist. Bomben hätten sie zunächst nicht abgeworfen.

Die ersten US-Angriffe hatten am Sonntag und Montag jeweils nach Einbruch der Dunkelheit stattgefunden. US-Militärsprecher betonten jedoch, der Militäreinsatz sei nicht auf die Abend- und Nachtstunden beschränkt. Die Armee sei bereit zum Angriff, wann immer sich ein Ziel biete.

Militärschläge die ganze Nacht hindurch

Fast genau 24 Stunden nach Beginn der ersten Militärschläge gegen die Taliban hatten die Streitkräfte am Montagabend die Städte Kabul, Kandahar und Masar-i-Scharif angegriffen, wie die Nachrichtenagentur AIP meldete. Raketen schlugen im Westen, Norden und Osten von Kabul ein. Dort liegen ein Sendeturm, der Flughafen und eine verlassene Festung.

Kurz nach 18.00 Uhr MESZ fiel der Strom aus. Der Radiosender der Taliban forderte die Bevölkerung auf, die Fenster zu verdunkeln und in ihren Häusern zu bleiben. Die Miliz schoss offenbar Boden-Boden-Raketen ab, die vermutlich gegen Stellungen der Nordallianz nördlich von Kabul gerichtet waren.

Das Pentagon teilte mit, amerikanische Raketen hätten 31 Ziele getroffen, darunter Radaranlagen, Kommandoanlagen, Flughäfen, Einrichtungen von Bin Ladens Netzwerk El Kaida sowie Truppen der Taliban vor allem im Norden des Landes. Die Taliban meldeten den Abschuss eines alliierten Flugzeuges. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte hingegen, alle Maschinen seien unversehrt zurückgekehrt.

UNO-Mitarbeiter durch Luftangriffe getötet

Ein Sprecher der Taliban, Abdul Hai Muttmain, erklärte im Radio, die Angriffe am Montag seien deutlich schwächer gewesen als am Sonntag. «Sie haben keine militärischen Ziele getroffen», sagte er. «Die Moral der Menschen ist hoch.» Der mutmassliche Terroristenführer Osama bin Laden und der Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar seien unversehrt und in Sicherheit. Muttmain wies Berichte der iranischen Nachrichtenagentur IRNA zurück, wonach Verkehrsminister Achtar Mohammed Mansur getötet worden sei.

Am Dienstagmorgen hatte IRNA zuvor gemeldet, dass nach Angaben «informierter Quellen in Afghanistan» sowohl Luftwaffen-Chef Achtar Mohammed Mansur als auch ein weiterer hoher Taliban-Militär, der Kommandant eines Bataillons bei Nangarhar, bei den Angriffen am Montagabend umgekommen seien. IRNA betonte, dass diese Informationen zunächst nicht überprüft werden konnten.

Mindestens vier afghanische UNO-Mitarbeiter sind bei Luftangriffen auf Kabul getötet worden. Die UNo bestätigte entsprechende Medienberichte. Die vier Männer hätten bei einer Organisation zur Entschärfung von Landminen gearbeitet. Vier weitere Menschen seien verletzt worden. Eine US-Rakete habe das Gebäude des von der UNO finanzierten Minenräumungszentrums getroffen, berichtete ein Augenzeuge.

Bei US-Angriffen auf ein mutmaßliches Versteck des als Terroristenführer gesuchten Osama bin Ladens sollen im Süden Afghanistans am Dienstag weitere Zivilisten getötet worden sein. Die US-Flugzeuge hätten die Region Mewand 70 Kilometer westlich der Taliban-Hochburg Kandahar heftig bombardiert, sagte ein Talibansprecher. «Einzelheiten über die Schäden sind noch nicht klar, aber normale Bürger wurden bei dem Angriff getötet», sagte der Sprecher.

Die Taliban erklärten ausserdem, am Sonntag seien 20 Menschen ums Leben gekommen, unter ihnen auch Frauen und Kinder. Dies wird von den USA bestritten.

OSZE unterstützt Vergeltungsangriffe der USA

Wie der OSZE-Vorsitzende Mircea Geoana am Montag in Wien erklärte, signalisierte seine Organisation der Regierung in Washington ihre «volle Unterstützung für die gezielten gestrigen Angriffe der USA und Grossbritanniens auf Trainingslager der Terrorgruppe El Kaida und militärische Einrichtungen der Taliban».

Die Angriffe seien «Teil einer grösseren Anti-Terror-Kampagne, in der auch die OSZE eine wichtige Rolle zu spielen hat».

Weitere Staaten bedroht

Der Weltsicherheitsrat in New York hat sich besorgt über die Lage der Zivilbevölkerung in Afghanistan geäussert. Zugleich billigte das Gremium am Montagabend in einer Sitzung hinter verschlossenen Türen die US-Angriffe gegen das Taliban-Regime. Die Geschlossenheit des wichtigsten UNO-Gremiums in der Solidarität für die USA nach den Terroranschlägen vom 11. September sei «völlig intakt», sagte der derzeitige Ratsvorsitzende, der irische UNO-Botschafter Richrad Ryan, in New York.

In einem Brief an den Sicherheitsrat hatte der amerikanische Gesandte John Negroponte am Montag erklärt, dass die amerikanische Regierung sich das Recht vorbehalte, mutmassliche terroristische Zellen auch ausserhalb von Afghanistan anzugreifen.

Negroponte betonte, seit dem 11. September habe die US-Regierung umfassende Informationen erhalten, dass die Organisation El Kaida des Terroristenführers Osama bin Laden bei den Anschlägen in New York und Washington eine zentrale Rolle gespielt habe. Die Ermittlungen seien jedoch noch nicht abgeschossen, «es gibt Vieles, das wir noch nicht wissen». Möglicherweise sei es zur Selbstverteidigung der Vereinigten Staaten notwendig, weitere Schritte einzuleiten, die andere Organisationen oder Staaten betreffen könnten.

Schwere Unruhen in Pakistan

In Pakistan geriet die Lage am Montag zum Teil ausser Kontrolle. Islamische Parteien riefen zum Heiligen Krieg gegen die Regierung auf, die den Militäreinsatz unterstützt. Die Polizeikräfte in der südwestlich gelegenen Stadt Quetta feuerten mit scharfer Munition in die Luft, um eine Menge von 4’000 Demonstranten aufzulösen. Angegriffen wurden auch das Gebäude des Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Quetta und die Vertretung des Kinderhilfswerks UNICEF.

Aus Sicherheitsgründen schloss Pakistan sechs Flughäfen für den zivilen Luftverkehr. Militärmachthaber Pervez Musharaf entliess den Geheimdienstchef, General Mahmood Ahmed, und ersetzte ihn durch Ehsan ul Haq. In den vergangenen Tagen waren bereits zwei Taliban-freundliche Generäle entlassen worden.

Gewaltsame Proteste gegen die Luftangriffe gab es auch in den palästinensischen Autonomiegebieten. In Gaza wurden zwei Demonstranten getötet und 50 verletzt. Die Strassenschlacht zwischen Demonstranten und palästinensischer Polizei war die schwerste interne Konfrontation zwischen Palästinensern seit Jahren.

Proteste gegen Militärschläge

Mehr als 10’000 Moslems haben am Dienstag in der südphilippinischen Stadt Marawi gegen die Militärangriffe auf Afghanistan protestiert. Teilnehmer hätten «Dschihad, Dschihad» (Heiliger Krieg) gerufen und den mutmaßlichen Terroristenführer Osama bin Laden hoch leben lassen, berichteten Augenzeugen.

Die größte Moslemrebellen-Organisation, die Moro-Islamische Befreiungsfront (MILF), warnte vor einem «Massenmord» an afghanischen Zivilisten bei den Militärschlägen. Durch die Angriffe sympathisierten immer mehr philippinische Moslems mit Bin Laden, sagte der MILF-Vizevorsitzende Murad Ibrahim.

Vor der US-Botschaft in der indonesischen Hauptstadt Jakarta haben sich islamistische Demonstranten und die Polizei eine Strassenschlacht geliefert. Die Polizei schoss Warnschüsse und Tränengas in die mit Knüppeln bewaffnete Menge. Die Zahl der Taliban-Befürworter wurde auf 500 geschätzt. Die US-Botschaft in dem bevölkerungsreichsten islamischen Land wird seit den Terroranschlägen vom 11. September scharf bewacht.

Auch in anderen Städten Indonesiens und in Malaysia kam es zu Protesten gegen die amerikanisch-britischen Militärschläge.

Ausbau der Kriegsmaschinerie

Die NATO beschloss, fünf AWACS-Maschinen in die USA zu verlegen, damit US-Aufklärungsflugzeuge in die Krisenregion entsandt werden können. AWACS-Maschinen haben eine multinationale Besatzung.

Nach den Luftschlägen gegen Afghanistan planen die USA nach Zeitungsberichten zum Ende der Woche die Entsendung von weiteren Bodentruppen nach Zentralasien und in den Mittleren Osten. Die nächste Phase bestehe aus der Stationierung «einer bedeutenden Zahl zusätzlicher Bodentruppen» in der Krisenregion, berichtete die «Washington Post» am Dienstag unter Berufung auf Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums.

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