Minarett-Initiative: "Öl ins Feuer der Extremisten"

Die Moschee in Petit-Saconnex bei Genf hat ebenso ein Minarett wie jene in Zürich. Keystone

Die rechtspopulistische Initiative "Gegen den Bau von Minaretten" steht. Imam Sakib Halilovic aus Zürich warnt vor den versteckten Gefahren der Denkart hinter der Initiative und dem Schaden für die Schweiz und die Muslime.

Dieser Inhalt wurde am 13. Juli 2008 - 10:02 publiziert

Die Schweizer Regierung verurteilt die Initiative und empfiehlt sie zur Ablehnung. In der muslimischen Gemeinschaft in der Schweiz reagiert man gelassen, aber nicht unbesorgt.

Für Sakib Halilovic, Imam der islamischen Glaubensgemeinde (bosnisches Dzemat) für die Südslawisch sprechende Bevölkerung in Zürich, ist der Entscheid für oder gegen Minarette nur scheinbar einfach. Der Gehalt dahinter sei viel komplexer.

Es sei ein gefährliches Spiel mit Emotionen und Extremismen, aber auch mit Schweizer Grundwerten wie (Religions-)Freiheit, Menschenrechten, Landesimage und mit den bereits erreichten Integrations-Resultaten.

swissinfo: Können Sie verstehen, dass Schweizer Angst vor einer "Islamisierung der Gesellschaft" haben und eine solche Initiative unterschreiben?

Sakib Halilovic: Teilweise kann ich es nachvollziehen – aber rechtfertigen lässt sich so eine Furcht sicher nicht.

Es ist ein Faktum, dass über 350'000 Muslime in der Schweiz leben. Die Initianten sind sich dessen sicher bewusst. Dennoch möchten sie mit ihrer Initiative verhindern, dass dieser Umstand sozusagen physisch sichtbar wird.

Einerseits tolerieren sie die Existenz dieser Leute hier, anderseits wünschen sie sich, dies möglichst nicht zu sehen.

swissinfo: Weshalb diese Inkonsequenz?

S.H.: Hier werden grosse Emotionen geweckt. Es geht um Symbole, wie bei allen Religionen. Und dahinter stehen Identifikationen.

Deshalb kann ich mich auch nicht für jene Pläne begeistern, die Minarette in Industriegebieten errichten möchten – wie das in Wangen der Fall ist. Damit löst man das Problem nicht.

Ein allgemein akzeptiertes Gotteshaus muss über seinen engeren Zweck hinaus auch einen architektonischen Wert aufweisen – beispielsweise, indem es zur modernen Schweizer Urbanistik beiträgt. Wie die Moschee in Genf.

swissinfo: Waren Sie schon dort?

S.H.: Kürzlich habe ich mit meiner Schulklasse einen Ausflug nach Genf gemacht. Wie Touristen nahmen wir uns dabei einige Wahrzeichen vor: Das UNO-Gebäude, die Kathedrale in der Altstadt, die Seepromenade und natürlich die Moschee. Zusammen mit dem Minarett ist es ein richtiges, von Grund auf als Gotteshaus konzipiertes Gebäude.

Unser Reisemotiv bestand also darin, die erkennbaren Symbole der Stadt zu besuchen – auch als Bestandteil der Kultur dieser Stadt. Deshalb sollte eine Moschee nicht nur ein Gebrauchsgebäude sein. Sie sollte darüber hinaus einen kulturellen Wert besitzen.

swissinfo: Bei der vorliegenden Initiative wird dem Minarett jedoch machtpolitische Symbolik vorgeworfen.

S.H.: Deshalb spielt die Initiative den Extremisten in die Hände – und das nicht nur in diesem Land. Die extremen Positionen innerhalb des Islams in der Schweiz erhalten dadurch Auftrieb.

Die Argumente laufen auf dem Mentalitäts-Niveau der Kreuzzüge – genau wie diese Leute sich das wünschen. Das sind Denkkategorien wie "Christliches Land, in dem Muslime nichts zu suchen haben".

Dagegen wehrt sich die islamische Glaubensgemeinschaft in der Schweiz.

swissinfo: Welchen Einfluss hat die Initiative auf die Integration?

S.H.: Der schlechte Einfluss dieser Denkart auf die junge Generation ist ein zentraler Punkt, der Schaden verursacht. Die jungen, hier geborenen und aufgewachsenen Muslime denken und fühlen schweizerisch, in Schweizer Kategorien von Religions- und Gewissensfreiheit, Menschenrechten und anderen Normen, die hier für alle gelten.

Sie sind ja schliesslich in die muslimische Religionsgemeinschaft hineingeboren worden – niemand kann sich sein Elternhaus auswählen. Dennoch ist es selbstverständlich für sie, dass die Rechte auch für sie gelten. Und jetzt plötzlich spüren sie, dass ein Teil der schweizerischen Gesellschaft sie am liebsten ausschliessen möchte.

Ausgerechnet in jenem Land, das derart viel auf seine Demokratie, seine verschiedenen Sprachen, Religionen, Rechte und Freiheiten hält, gibt es Kräfte, die Minarette verbieten möchten.

Die junge muslimische Schweizer Generation wird sich fragen, ob diese Normen wirklich gelebt werden oder nur Floskeln darstellen, die letztlich eben doch nicht für alle gleichermassen gelten. Das ist ein äusserst wichtiger Aspekt dieser "Minarett-Initiative".

swissinfo: Hat das Image der Schweiz in der muslimischen Welt Schaden genommen?

S.H.: Die Schweiz geniesst in der muslimischen Welt einen ausgezeichneten Ruf, sowohl bei den Regierungen als auch im Volk.

Den Initianten entgeht völlig, wie stark der Ruf ihres Landes unter dieser Initiative leidet. Sie kommen mir auf eine Weise wie Möchtegern-Trittbrettfahrer vor, die auf einer globalen, antiterroristischen Bewegung mitfahren möchten.

Dabei wenden sie sich mit der Initiative gegen die Grundnormen ihres eigenen Landes, auf die sie eigentlich stolz sein sollten, anstatt sie abschaffen zu wollen. Sie riskieren das friedliche Zusammenleben im eigenen Land ebenso wie die bereits erreichten Resultate der Integrationspolitik.

swissinfo: Wird der Muezzin jetzt schon bald zum Gebet aufrufen?

S.H.: Kaum. Denn erstens ist die muslimische Gemeinschaft hier immer noch sehr jung, und für das Betreiben einer richtigen Moschee noch nicht bereit. Es ist auch selbstverständlich, dass sie die hiesigen Bau-Vorschriften und Gesetze einhält.

Wir sind uns auch bewusst, dass mit dem Muezzinruf als Folge des einmal erbauten Minaretts nochmals Ängste geschürt würden.

swissinfo: Ist es denn möglich, dass Christen in einem islamischen Land in einer bewohnten Gegend eine Kirche - mit Turm - errichteten?

S.H.: Es gibt kein 'muslimisches Land' an sich - es gibt die verschiedensten Länder, vom Fernen Osten bis zum Atlantik. Auch mir ist klar, dass ein Kirchenbau in gewissen Ländern, wo Muslime leben, zur Zeit nicht möglich ist. In anderen, wie den südosteuropäischen wiederum, stellt sich die Frage gar nicht.

Die Schweiz ist mit zahlreichen muslimischen Ländern gar nicht vergleichbar, weil die Zivilgesellschaften nicht vergleichbar sind. Mit Religion hat das wenig zu tun. Auch Muslime sind oft mit der Politik in ihren Ländern nicht einverstanden.

So lassen sich die Freiheiten in der Schweiz nur schwerlich mit Saudiarabien oder Iran vergleichen. Würden die Schweizer solche Standards als Massstab nehmen, könnte das für viele helvetische Errungenschaften sehr gefährlich werden.

swissinfo–Interview: Alexander Künzle und Jean-Michel Berthoud

Fakten

In der Schweiz leben rund 350'000 Muslime.
Rund 12% sind Schweizer Staatsbürger.
Ihre Zahl hat in den letzten Jahren zugenommen. Ihr Anteil an der Bevölkerung stieg von 2,2% 1990 auf 4,3% im Jahr 2000.
In der Schweiz sind drei Viertel der Bevölkerung Christen. Davon sind 42% Katholiken, 35% Protestanten und 2,2% andere christliche Bekenntnisse.

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swissinfo-Umfrage

"Unterstützen Sie die Volksinitiative gegen den Bau von Minaretten" fragte swissinfo die Leserschaft zwischen dem 10 und 18.7.2008.

An der nicht repräsentativen Umfrage beteiligten sich 440 Personen. Das Resultat: 204 (46%) sagten Ja, 236 (54%) Nein.

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Minarett-Initiative

Die Volksinitiative "Gegen den Bau von Minaretten" ist am letzten Dienstag mit 115'000 Unterschriften eingereicht worden.

Die Initianten begründen ihr Anliegen mit der "Islamisierung unserer Gesellschaft". Minarette seien keine religiösen Symbole, sondern Zeichen eines "politischen Machtanspruchs".

Die Initiative gibt in der muslimischen Welt zu reden. Letzten März hatte die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) an ihrem Gipfel in Dakar vor zunehmender Islam-Feindlichkeit gewarnt. Dabei wies sie auch "mit Beunruhigung" auf die in der Schweiz lancierte Initiative hin.

Am gleichen Tag, als die Unterschriften eingereicht wurden, wurde im Solothurner Bau- und Justizdepartement entschieden, dass die Baubewilligung für das Minarett in Wangen an der Aare bei Olten gültig ist.

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