Mit «Krise als Chanson» liefern Lo & Leduc ein Zeitdokument
In "Krise als Chanson" besprechen die Berner Musiker Lo & Leduc das Weltgeschehen ungewohnt explizit. Im Festzelt ist das Album fehl am Platz, vielmehr verlangt es genaues Hinhören.
(Keystone-SDA) Die Dringlichkeit lässt sich schon der Formatierung entnehmen. In Grossbuchstaben prangern einem die Songtitel entgegen, wie die Kurzmitteilungen eines bestimmten Staatsoberhaupts. Inhaltlich hat «Krise als Chanson» aber mehr zu bieten.
15 Tracks lang ist das am Freitag erscheinende Album des Hit-Duos Lo & Leduc. Sieben davon haben sie bereits in den vergangenen Monaten veröffentlicht, angeführt von der Singleauskoppelung «Loyalty x Many Men» – einem hochpolitischen Viereinhalbminüter. Darin beleuchten Lorenz Häberli (Lo) und Luc Oggier (Leduc) eine Reihe von Bedrückendem, das die Weltlage prägt, allem voran die Kriege in der Ukraine und in Gaza.
Ein bezeichnender Auftakt, wie sich nun bestätigt. Eine hartnäckige Düsterheit zieht sich durch «Krise als Chanson». Es geht um Aufrüstung, Ungleichheit, um Hoffnungslosigkeit und Familienknatsch – mal unterlegt mit Piano oder Gitarre, meist mit dumpfem Bass und melodischer Elektronik. Getextet wird aus linker, kritischer Perspektive. So explizit, wie es für das Duo unüblich ist.
Neue Sprache, alter Witz
Ebenfalls ungewohnt für die Mundart-Sänger kommen die zwei Songs in Hochdeutsch daher. Wobei sich die anfängliche Verwirrung schnell legt. In «Wie es ist» zerpflücken Häberli und Oggier Sprichwörter und machen sie zu Klartext («Alles Gute kommt von oberstes Prozent enteignen»). Das Sprachjonglieren haben sie nicht verlernt.
Generell ist das Album beim zweiten Hören voller Vertrautem. In «Sola» murmelt der Solothurner Rapper Pronto, der schon auf dem letzten Album «Luft» ein Feature hatte, wie gewohnt Unverständliches. Aber auch mit wenig Text vermag er es, eine Art Feriengefühl zu vermitteln. Und wenn Leduc seinen unverkennbaren Reggae-Riff singt, aktiviert er alle richtigen Synapsen.
Eine Massage fürs Gehirn ist auch «Altpapier» mit der Sängerin To Athena, die ein kleines Orchester ins Studio mitgebracht hat. Die Liste der Mitwirkenden ist unüblich lang für einen Popsong, nicht aber für die Musik der Luzernerin. Resultat ist ein vielschichtiger Ohrwurm über grosse «Nötli» und grosse Not.
Der Überhit bleibt aus
Thematisch transportieren die Berner hingegen kaum Glücksgefühle. In «Öppis angers» macht sich Aufbruchstimmung breit, ansonsten sucht man vergebens nach der Chance in der Krise. So kommt die vergleichsweise belanglose Reggaeton-Rap-Nummer «Safe» zur Auflockerung gelegen. Was wie Spanisch klingt, sind eigentlich heruntergebetete Krankenkassen. Der schnelle Track mit Künstlerin Badnaiy aus Lausanne verspricht live schwitzig zu werden.
Wer sich einen «Hundsverlochete»-Hit à la «Jung verdammt» gewünscht hat, wird dennoch enttäuscht. Verübeln lässt sich das Oggier und Häberli aber kaum. Was sie in «Krise als Chanson» verpackt haben, könnte nicht besser in die Gegenwart passen – musikalisch und inhaltlich. Ein Album, auf das man dereinst ungläubig zurückblicken wird. Hoffentlich.