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Wie ein Schweizer Unternehmer in London die Musikszene belebt

Ein junger Mann, dahinter die Silhouette von London mit dem Big Ben
Marcel Hunziker wuchs auf dem Land zwischen Bern und Olten auf und lebt heute in London. SWI swissinfo.ch

Marcel Hunziker lebt in London, wo er Playliveartist leitet. Das Unternehmen hat sich auf «Direct-to-Fan»-Digitalmarketing für die Musikbranche spezialisiert. Aufgewachsen auf dem Land zwischen Bern und Olten, hätte er sich ein solches Leben nie vorstellen können.

Marcel Hunziker, 44, wuchs nicht mit einem unternehmerischen Geist auf. Sein Vater dämpfte während seiner Kindheit oft seinen Ehrgeiz und seine Vorstellungen davon, was das Leben bieten könnte.

Unsere Serie porträtiert Schweizerinnen und Schweizer, die im Ausland Unternehmen gründen und aufbauen. Anhand ihrer persönlichen Werdegänge zeigen wir, warum sie ihre Projekte jenseits der Landesgrenzen realisieren, welche Rahmenbedingungen sie dort vorfinden und welche Herausforderungen und Chancen sich daraus ergeben.

Anhand ihrer Lebenswege zeigt diese Serie zudem, wie die Fünfte Schweiz zur wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Ausstrahlung der Schweiz beiträgt.

«Er hatte die Einstellung, dass unsere Familie bestimmte Dinge einfach ‘nicht macht’. Ein Universitätsstudium oder die Gründung eines Unternehmens waren für meinen Vater unmöglich oder unangemessen», sagt er.

Als schüchternes Kind fühlte er sich oft eingeschränkt. Wenn er an seine Zukunft dachte, erinnert sich Hunziker, fragte er sich oft: «Wie soll ich so etwas jemals schaffen?»

Ein kleiner Junge, lachend in einem Gitterbettchen
Als schüchternes Kind zweifelte Marcel Hunziker oft daran, was für ihn möglich war. Später war er der Erste in seiner Familie, der ein Studium aufnahm. zVg

Er wuchs als Sohn eines Schweizer Vaters und einer italienischen Mutter auf dem Land zwischen Bern und Olten auf. Seine Mutter arbeitete hart daran, sich in die Schweizer Gesellschaft zu integrieren – zu einer Zeit, als Ausländersein oft als etwas Beschämendes galt.

Hunziker wuchs nicht mit Italienisch auf, der Muttersprache seiner Mutter, weil diese die Integration in die Deutschschweizer Kultur für besonders wichtig hielt.

Er war überhaupt der Erste in seiner Familie, der ein Universitätsstudium aufnahm: Er studierte Geschichte, englische Literatur und Linguistik in Bern. «Die Bildung hat für mich alles verändert», sagt er.

Durch seine Freundschaften in der Mittelschule und an der Universität begegnete er Menschen mit sehr unterschiedlichen Perspektiven als jenen, mit denen er aufgewachsen war. Und diese Verbindungen halfen ihm zu erkennen, wie vieles möglich war.

«In dieser Zeit dachte ich: ‘Ich kann die Dinge, von denen ich geträumt habe, tatsächlich machen.’ Deshalb weiss ich, wie sehr Bildung Menschen wirklich stärken kann», sagt er.

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Vom Klassenzimmer in die Konzerthallen

Es war seine Schwester Claudia, die seine Leidenschaft für Musik entfachte und ihn dazu inspirierte, eine Karriere in der Musikbranche anzustreben. In den frühen 2010er-Jahren war sie ein grosser Fan des belgischen Singer-Songwriters Milow.

Hunziker, der damals als Sekundarschullehrer arbeitete, sah die Chance, weniger bekannte Musikerinnen und Musiker nach Bern zu bringen. Indem er ihnen eine Unterkunft und einige Mahlzeiten anbot, konnte er intime Live-Auftritte in der Stadt organisieren und ihnen helfen, im Ausland neue Zielgruppen zu erreichen.

Was als kleines Herzensprojekt begann, wuchs im Jahr 2013 zu «PlayLIVE#Bern» heran. Mit naivem Optimismus und Ausdauer organisierte Hunziker ein Konzert für den belgischen Sänger Jan Kerckhofs in der kleinen Tapasbar Volver, ohne zu wissen, ob überhaupt jemand erscheinen würde. Später im selben Jahr organisierte er einen Auftritt von Tom Vanstiphout, dem Gitarristen von Milow, im Park Kleine Schanze.

Doch bald erkannte er, dass er Bern verlassen müsste, wenn er sich einen Namen machen wollte. «Ich wollte keine Mittelsleute. Ich wollte direkt mit Künstlerinnen, Künstlern und ihrem Management zusammenarbeiten», sagt er.

Risiken eingehen

Ursprünglich war es nicht Hunzikers Plan, dauerhaft nach London zu ziehen. Doch bereits nach sechs Wochen wusste er, dass er bleiben würde.

«Ich merkte, dass ich in der Schweiz unglücklich geworden war. Ich hatte über ein Jahrzehnt unterrichtet und sah keine langfristige Perspektive mehr, die mir die Schweiz bieten konnte», sagt er.

Während er sich und sein Unternehmen etablierte, erkannte er schnell, dass es von Nachteil sein konnte, Schweizer zu sein.

«Wenn überhaupt, dann sehen die Leute einen als privilegiert an. Das ist nicht der richtige Weg, um mit gewöhnlichen Menschen in Kontakt zu treten. Ich war ständig unsicher, weil man mich als privilegiert hätte wahrnehmen können, obwohl ich es nicht bin», sagt er.

Der Unternehmer versuchte, sich von seiner Nationalität und den damit verbundenen Klischees zu distanzieren. «Langsam, sicher und beständig», also jenes Sicherheitsnetz, das ein Schweizer Pass bietet, sind Eigenschaften, die laut Hunziker das Potenzial eines Menschen hemmen.

«Der typische Schweizer würde mir sagen: ‘Es ist cool, dass du ein Risiko eingehst, aber im schlimmsten Fall kannst du immer in die Schweiz zurückkehren, wenn es nicht klappt.’ Ich finde, ein Risiko mit einem Sicherheitsnetz einzugehen, ist kein wirkliches Risiko», sagt er.

Schweizer Werte, globaler Erfolg

Bevor er nach London aufbrach, war Hunziker frustriert über den mangelnden Unternehmergeist der Schweiz und ihre, wie er es wahrnahm, langsame, risikoscheue Mentalität.

Doch der Abstand zur Schweiz hat auch seine Sicht auf seine eigene Identität verändert. Er ist stolz auf einige Schweizer Eigenschaften: «Meine Arbeitsmoral, Präzision und extreme Besessenheit von Qualität sind sehr schweizerische Eigenschaften, die mich sehr weit gebracht haben», sagt er.

«Ich glaube, diese Werte finden weltweit Anklang – besonders bei den Besten der Besten in der britischen Musikbranche. Das sind verbindende Eigenschaften unter Menschen, die in ihrem Geschäft gut sind. In diesem Sinn ist das Schweizersein eine Superkraft.»

Diese Qualitäten haben auch dazu beigetragen, den Ruf von Playliveartist zu prägen. Fünf Jahre nach der Eintragung seines Unternehmens in London erlebte Hunziker einen «Full-Circle-Moment»: Viele der Menschen, mit denen er als naiver Konzertveranstalter in Bern in Kontakt kam – erfolgreich oder nicht –, sind heute seine Kundinnen und Kunden.

«Ich möchte, dass die Leute sagen: ‘Es war eine grossartige Erfahrung, mit ihnen zu arbeiten. Und sie waren auch freundlich und einfühlsam.’»

Playliveartist ist ein in London ansässiges Unternehmen, das auf direkte digitale Werbung für Fans in der Musikbranche spezialisiert ist.

Es arbeitet zusammen mit Kunstschaffenden, Veranstaltungsorten, Veranstaltenden sowie Managementagenturen auf Märkten wie Grossbritannien, Irland, den Vereinigten Staaten, Deutschland, Frankreich, der Schweiz und Italien.

Playliveartist konzentriert sich auf hochspezialisierte digitale Kampagnen, die auf unterschiedliche Musikmärkte und Zielgruppen zugeschnitten sind.

Das Unternehmen beschäftigt Fachpersonen und Beratende für digitale Medien, welche die Kultur und das Verhalten von Musikfans in verschiedenen internationalen Regionen kennen.

Menschen einander näherbringen

Obwohl die KI wichtige Bereiche der Musikbranche verändert hat, glaubt Hunziker, dass das Publikum als Reaktion auf die digitale Übersättigung zunehmend authentischere und menschlichere Erlebnisse sucht.

«Wenn etwas online mit Leichtigkeit gemacht werden kann, wird es weniger interessant», sagt Hunziker. «Die Menschen wollen Künstlerinnen und Künstler mit aussergewöhnlichem Rohtalent sehen – Künstlerinnen und Künstler, die wirklich singen und live auftreten können.»

Er glaubt, dass dies einen umfassenderen Wandel in der Musikbranche widerspiegelt, da das Publikum zunehmend persönlichere, authentischere Erlebnisse mit Kunstschaffenden und Musik wünscht und von rein digitalen Momenten enttäuscht wird.

Ein Reihengebäude, angeschrieben mit "playliveartist house"
«Playliveartist House», ein kreativer Ort, der Kunstschaffende und Publikum zusammenbringt. zVg

Diese Überzeugung spiegelt sich auch im neu eröffneten «Playliveartist House» in London Fields im Osten Londons wider. Hunziker beschreibt es als kreativen Raum, eine «leere Leinwand», einen Fan- und Musiktreffpunkt, der darauf ausgelegt ist, Künstlerinnen und Künstler näher an ihr Publikum heranzubringen.

Im Mittelpunkt steht ein Klavier, das in Social-Media-Videos eine prominente Rolle spielt: Interpretierende spielen darauf, während sich Fans um sie scharen und mitsingen.

Im «Playliveartist House» finden Albumstarts, Fan-Treffen, Workshops und Listening Sessions statt, die Kunstschaffende und Fans in einem intimen Rahmen zusammenbringen. Hunziker deutet an, dass für später in diesem Jahr mehrere Geheimkonzerte geplant sind.

Eine «Activation», wie es Hunziker nennt, fand für die britische Indie-Pop-Künstlerin Nieve Ella statt, deren Konterfei als grosses Wandgemälde auf den Rollläden des Gebäudes gemalt wurde.

Ein Wandbild eines Frauenporträts mit grossen Ohrringen an einem Garagentor. Viele Menschen stehen auf dem Trottoir davor
Ein Wandbild der britischen Indie-Pop-Künstlerin Nieve Ella ziert die Fensterläden des «Playliveartist House» während einer der Veranstaltungen des Treffpinkts für Musikfans. zVg

In einem kürzlich veröffentlichten Video-Post auf Nieve Ellas Instagram-Seite schrieb eine Nutzerin: «Ich muss das live erleben», was zeigt, dass das Verlangen nach Live-Veranstaltungen auch bei kleineren Künstlerinnen und Künstlern stark ist.

In vielerlei Hinsicht ist das «Playliveartist House» eine Rückkehr zur intimen Kleinveranstaltungskultur, die Hunziker vor Jahren in Bern zu etablieren versuchte.

Die Verbindung aufrechterhalten – aus der Distanz

Der Unternehmer bleibt der Schweiz durch die vielen Freundschaften verbunden, die er im Lauf seines Lebens geknüpft hat, und durch die Veranstaltungsorte, mit denen er einst zusammengearbeitet hat.

Welches ist sein Lieblingsveranstaltungsort in seinem Heimatkanton? «Das [Berner] Bierhübeli. Ich fühle mich dem Ort und den Organisatorinnen und Organisatoren sehr verbunden. Ich versuche, sie jedes Mal zu besuchen, wenn ich nach Hause komme», sagt er.

Nach fast einem Jahrzehnt in London ist das Hören des Programms «Heute Morgen» auf dem Schweizer Radio SRF und des «BBC Global News Podcast» zu einem Teil seiner Morgenroutine geworden. So bleibt er mit der Schweiz verbunden und ist gleichzeitig in seinem neuen Zuhause verwurzelt.

Vorerst plant er keine Rückkehr in die Schweiz: «Meine grösste Errungenschaft ist meine eigene Unabhängigkeit und die meines Unternehmens. Ich bin stolz auf mich. Ich weiss, was ich verpassen würde, wenn ich noch in der Schweiz wäre.»

Editiert von Samuel Jaberg/sb, Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub

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