Nationalrat für zweiten Autobahntunnel durch Gotthard

Der berüchtigte Stau am Gotthard... Keystone

Der Nationalrat will einen zweiten Autobahntunnel durch den Gotthard. Er gab am Donnerstag (22.06.) mit 93 zu 86 Stimmen einer parlamentarischen Initiative von Ulrich Giezendanner (SVP/AG) Folge. Die Planung der zweiten Röhre soll sofort beginnen.

Dieser Inhalt wurde am 22. Juni 2000 - 14:00 publiziert

Die bürgerliche Ratsseite unterstützte die Initiative von Ulrich Giezendanner (SVP/AG) gegen den Willen der Kommission, die mit 13 zu 12 Stimmen Ablehnung empfohlen hatte. 1996 hatte die grosse Kammer ein ähnliches Begehren von Roland Borer (SVP/SO) - damals noch Freiheitspartei - noch mit 100 zu 39 Stimmen abgelehnt.

Ulrich Giezendanner (SVP/AG) hatte seinen Vorstoss im Juni 1999 nach den schweren Unfällen im Mont-Blanc- und Tauerntunnel eingereicht. Für die Notwendigkeit einer zweiten Röhre sei in erster Linie die Sicherheit ausschlaggebend. Der Bau käme auf 700 Millionen Franken zu stehen.

Höhere Sicherheit

Mit zwei richtungsgetrennten Tunnels am Gotthard könne die Sicherheit erhöht werden, sagte Giezendanner. Er stellte dazu einen Vergleich zwischen demSeelisberg- und dem Gotthard-Tunnel an, die beide 1980 eröffnet wurden.

In dieser Zeit habe es im doppelt geführten Seelisberg-Tunnel sechs Tote gegeben, davon vier während der Bauphase. Im Gotthard- Tunnel hingegen hätten 16 Menschen ihr Leben verloren. Mit dem Ja zu den bilateralen Verträgen würden noch 400'000 Lastwagen mehr durch die Schweiz fahren.

Staufalle

Der Engpass auf der Gotthardachse sei ein «Unikum», sagte Georges Theiler (FDP/LU) als Sprecher der Kommissionsminderheit. «Niemand in Europa kann sich eine solche Staufalle leisten.» Es sei ein Irrtum zu glauben, mit der NEAT seien die Transportbedürfnisse abgedeckt.

Die Staus am Gotthard würden vom Personenverkehr verursacht. Theiler verwiesauf die Staukosten von jährlich 1,2 Milliarden Franken, die einen «gewaltigen» volkswirtschaftlichen Schaden anrichteten. In spätestens 20 Jahren sei die Sanierung des Gotthard-Tunnels fällig. Dazu müsse der Tunnel gesperrt werden, was ohne zweite Röhre einer «mittleren Katastrophe» gleichkomme.

Alpenschutzartikel gefährdet

Eine Erhöhung der Strassenkapazität am Gotthard widerspreche klar dem Alpenschutzartikel von 1994, sagte Werner Marti (SP/GL). Wer die Verfassung ändern wolle, solle dies über eine Volksinitiative tun.

Ein Ja zur zweiten Röhre bedeute eine grundlegende Änderung der Verkehrspolitik, sagte Marti. Die Verlagerung des Schwerverkehrs auf die Schiene werde in Frage gestellt. Auch die Rentabilität der NEAT werde gefährdet. Das Volk habe aber diese verkehrspolitischen Ziele mehrfach bestätigt.

Stau würde "verlagert"

Eine zweite Röhre sei keine Lösung für das Stauproblem, sagte Marti. Es sei erwiesen, dass eine Erhöhung der Kapazitäten auch mehr Verkehr mit sich bringe.Der Stau würde vielmehr in die Agglomerationen von Luzern, Basel oder in die Leventina verlagert.

Auch dem Sicherheitsargument konnte Marti wenig abgewinnen. Die Sicherheit im Gotthard-Tunnel sei genügend. Ein Paralleltunnel biete den Automobilisten bei Rauchentwicklung Schutz.

Der 16,3 Kilometer lange Gotthardtunnel war im September 1980 eröffnet worden. Die Bauarbeiten dauerten elf Jahre und kosteten rund 700 Millionen Franken. Rund sieben Millionen Fahrzeuge fahren jährlich durch den Tunnel, davon über eine Million Lastwagen.

Gegensätzliche Reaktionen

Die bürgerlichen Bundesratsparteien und die grossen Strassenverkehrsverbände haben das nationalrätliche Ja für eine zweite Autobahntunnelröhre am Gotthard begrüsst. Die SP spricht dagegen von einem "katastrophalen Fehlentscheid" und einem fatalen Signal an die EU. Auch Alpen-Initiative und Umweltverbände
reagierten entrüstet.

swissinfo und Agenturen

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