Navigation

Sprunglinks

Hauptfunktionen

Osteuropa kämpft mit seinen Franken-Hypotheken



Ein stolzer Hausbesitzer vor seinem Neubau in Kolontar in der Nähe der ungarischen Hauptstadt Budapest.

Ein stolzer Hausbesitzer vor seinem Neubau in Kolontar in der Nähe der ungarischen Hauptstadt Budapest.

(AFP)

Das Schicksal von osteuropäischen Hausbesitzern, die ihre in Schweizer Franken abgeschlossenen Hypotheken kaum mehr zurückzahlen können, hat einige Regierungen dazu veranlasst, Notmassnahmen zu ergreifen. Auch Banken und Gemeinden zittern.

Hypotheken in Schweizer Franken waren in Ländern wie Ungarn, Polen, Tschechien, Rumänien und Kroatien vor der Wirtschaftskrise 2008 gang und gäbe. Die Stabilität des Frankens und die tiefen Zinsen in der Schweiz machten die Währung attraktiv.

Viele Leute waren sich nicht bewusst, dass sie sich damit auf ein gefährliches Spiel einliessen. Denn als der Franken gegenüber ihren eigenen Währungen immer mehr zulegte, sahen sie sich mit immer höheren Zinszahlungen konfrontiert. In einigen Fällen mussten sie sogar mit ansehen, wie ihre Kredite den Wert ihrer Häuser überstiegen.

Zur Zeit der Wirtschaftskrise waren in Ungarn fast zwei Drittel aller Hypotheken in Schweizer Franken aufgenommen worden. In Polen waren es die Hälfte, in anderen osteuropäischen und baltischen Ländern war der Anteil ähnlich hoch.

"Falsche Anreize"

Um die steigende Anzahl von Hausenteignungen abzubremsen, verbot die neu gewählte ungarische Regierung den Banken im ersten Quartal dieses Jahres eine Zwangsvollstreckung für die meisten Hypotheken.

Während im Sommer 2008 ein Franken 160 Forint wert war, gibt es heute bereits 230 Forint dafür. Um den sozialen Abstieg zu verhindern, hat die ungarische Regierung daher einen künstlichen Wechselkurs von 1 Franken zu 180 Forint gesetzt, damit Hausbesitzer ihre Hypotheken in Forint umwandeln können, ohne in Konkurs gehen zu müssen.

Doch der Deal hat auch seine Tücken: Wer heute davon profitiert, muss ab 2015 den Unterschied selber berappen.

"Das ist eine bessere Option, als die Banken davon abzuhalten, Hypotheken für verfallen zu erklären", sagt György Barcza, Chefökonom der ungarischen Bank K&H, gegenüber swissinfo.ch.

"Das hatte ein Verhalten auf falsche Anreize geschaffen, weil die Leute einfach ihre Rückzahlungen abgebrochen haben, dachten sie doch, die Regierung würde sie retten. Indem man den Leuten nun einen künstlichen Wechselkurs anbietet, schadet man den Banken weniger. Doch man schiebt die Probleme auch nur für ein paar Jahre hinaus."

Arbeitslos

Barcza hofft immer noch, dass die ungarische Wirtschaft bis dann wieder an Schwung gewonnen hat und dies die gegenwärtige Arbeitslosenrate von 11 Prozent senken wird.

"Die Leute wollen ihre Hypotheken zurückzahlen. Aber wenn jemand arbeitslos wird und ohne Einkommen dasteht, hat er keine andere Wahl", so Barcza. "Es sieht heute etwas stabiler aus als noch vor einem Jahr, aber es kann immer noch zu verspäteten Problemen kommen."

Ungarn kann seine Zinsen nicht unter die derzeitigen 6 Prozent senken, denn das meiste ungarische Geld wird von ausländischen Investoren gehalten. Würden die Zinsen fallen, wären diese praktisch zum Verkauf gezwungen, was den Forint fast sicher noch mehr schwächen würde.

Viele Länder haben den Abschluss von Anleihen in Fremdwährungen entweder verboten oder eingeschränkt. Der massenhafte Wechsel von Franken in Lokalwährungen oder Euros hat ironischerweise dem steigenden Franken noch mehr Schub verliehen.

"Die Leute müssen in Schweizer Franken zahlen, wenn sie ihre Schulden in dieser Währung loswerden wollen", sagte Währungsexpertin Ursina Kubli von der Bank Sarasin. "Das erhöht die Nachfrage nach Franken von Kunden aus Übersee und setzt die Währung zusätzlich unter Druck."

Städte unter Schuldenlast

Das Ausnützen von Zinsunterschieden in verschiedenen Währungen wurde hauptsächlich ermöglicht durch Banken in der Schweiz, in Deutschland, Italien und nordischen Ländern – und besonders in Österreich, das Ungarn historisch wie geografisch sehr nah ist.

Aber nicht nur österreichische Banken leiden unter dem Anstieg des Schweizer Frankens: Auch Gemeinden haben damit gerechnet, ihre Finanzen mit Anleihen in Franken zu verbessern, als das Zinsniveau tief und die Währung stabil war.

So droht etwa der Stadt Payerbach laut dem Tages-Anzeiger ein Defizit von bis zu 50 Mio. Euro (58,6 Mio. Fr.), wenn sie es nicht schafft, ihre Franken-Anleihen loszuwerden. "Da wäre es ja besser gewesen, die Gemeinde hätte ihr Geld ins Casino getragen", sagte ein Payerbacher Gemeinderat gegenüber der Zeitung. "Da hätte man wenigstens das Risiko gekannt."

Ein Wiener Anwalt hat nun den Auftrag erhalten, für die Gemeinde Payerbach und 13 weitere Gemeinden mit den Banken zu verhandeln.

Die Zinsfalle

Rund 64% der Hypotheken und 54% der Anleihen von Unternehmen in Ungarn sind in Fremdwährungen aufgenommen worden – die meisten davon in Schweizer Franken.

Etwa 100'000 Hausbesitzer in Ungarn sind derzeit im Verzug mit ihren Hypotheken-Rückzahlungen.

In Polen haben rund 700'000 Hausbesitzer ihre Hypotheken in Franken aufgenommen.

Man vermutet, dass etwa 200'000 polnische Hypothekarschuldner überschuldet sind – der Wert ihrer Immobilie ist tiefer als ihre Schulden.

Viele andere Länder wie Rumänien, Tschechien, Bulgarien, Serbien und Kroatien weisen ebenfalls einen hohen Anteil an Hypotheken in Fremdwährungen auf, namentlich in Schweizer Franken.

Vor drei Jahren schätzte die Schweizerische Nationalbank, dass zwei Drittel aller österreichischen Hypotheken in Schweizer Franken aufgenommen worden waren.

Damals standen in ganz Europa Hypotheken im Umfang von rund 350 Mrd. Fr. aus.

Infobox Ende


(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch


Links

Neuer Inhalt

Horizontal Line


subscription form Deutsch

Aufruf, den Newsletter von swissinfo.ch zu abonnieren

Melden Sie sich für unseren Newsletter an und Sie erhalten die Top-Geschichten von swissinfo.ch direkt in Ihre Mailbox.

swissinfo DE

Aufruf, der Facebook-Seite von swissinfo.ch beizutreten

Treten Sie unserer Facebook Seite auf Deutsch bei!

×