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ASO-Konferenz in Kassel "Wir haben immer noch die volle Sympathie"

Franziska Lochmann, Albert Küng, Katrin Gut-Sembill und Karl-Heinz Binggeli (von links) in Kassel.

Franziska Lochmann, Albert Küng, Katrin Gut-Sembill und Karl-Heinz Binggeli (von links) in Kassel.

(swissinfo.ch)

Die Politik zwischen Berlin und Bern verläuft turbulent. Auslandschweizer in Deutschland bekommen dies aber in keiner Weise negativ zu spüren. Vier Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Jahreskonferenz der ASO-Deutschland in Kassel im Gespräch.

Noch nicht ausgestandenes Hickhack um den Steuervertrag, Ankauf geraubter Bankdaten, Schweizer Strafanzeige gegen deutsche Steuerfahnder, Drohung mit der Kavallerie: Die Beziehungen Deutschland-Schweiz waren auch schon einfacher.

Erst gut zehn Jahre ists her, seit der damalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder diese bei einem Besuch in Zürich auf die Wohlfühl-Formel "Das Problem ist, dass wir keine Probleme haben" gebracht hatte.

Die Frage, ob und wie stark allenfalls die Stürme über den Rand des Wasserglases hinaus geschwappt sind, sei politischen Beobachtern überlassen.

Der Alltag von Schweizerinnen und Schweizern, die in Deutschland leben, ist davon jedenfalls ungetrübt. Dumme Sprüche oder gar Ressentiments: Fehlanzeige. Dafür aber Sachfragen, die von einem gestiegenen Interesse an der Schweiz zeuge, so der Tenor von Katrin Gut-Sembill, Franziska Lochmann, Karl-Heinz Binggeli und Albert Küng. swissinfo.ch. traf sie an der Jahreskonferenz der Auslandschweizer-Organisationen (ASO) in Deutschland, an der vom 17. bis 20. Mai in Kassel rund 120 Personen teilnahmen.

"Ich bin nie negativ angesprochen worden. Wenn, dann nur sehr sympathisch, etwa mit der Frage, 'Reiten Sie jetzt auch?'", sagt Franziska Lochmann. Die gebürtige Emmentalerin aus Langnau lebt seit 2000 in Emmendingen im süddeutschen Baden-Württemberg.

"Bleibt, wie ihr seid!" 

Die Menschen in ihrem Umfeld hätten sie und die Schweiz vielmehr ermuntert zu bleiben, "wie ihr seid", sagt die Kommunikations-Trainerin, die in ganz Deutschland tätig ist. Eher noch habe ihr Umfeld gegen Steinbrück gewettert und gefunden, "das war nicht wirklich toll, was er gemacht hat." Seit eineinhalb Jahren besitzt Franziska Lochmann, die mit dem Schweizerischen Honorarkonsul Gerhard Lochmann (siehe Extra) verheiratet ist, auch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Bis vor ein paar Jahren sei die Schweiz selbsterklärend positiv belegt gewesen, und das in allen Aspekten, sagt Albert Küng, der seit 1995 mit seiner Familie in München lebt. Jetzt werde er gebeten, in manchen Sachfragen seine Meinung abzugeben. Der 48-jährige Kaufmann aus Ebnat Kappel im Toggenburg sieht dies aber als sehr positiv.

"Ich werde angesprochen, weil die Leute in Deutschland verstehen wollen, was in der Schweiz passiert." Das führe zu einem intensiveren Dialog zwischen ihm als Schweizer in München und den Menschen vor Ort. "Das ist für mich eine tolle Erfahrung", sagt Albert Küng.

Heisseste Diskussion am Familientisch 

"Ich habe noch nie etwas Negatives erlebt", sagt auch Katrin Gut-Sembill. Die 49-jährige Dozentin an einer Pädagogischen Hochschule ist gebürtige Zugerin, die seit 2001 mit ihrem Mann, einem Deutschen, und dessen Kindern in Bamberg in Bayern lebt. "Die einzigen Meinungsverschiedenheiten gab es bei uns am Familientisch, weil mein Mann die kritische Position von Steinbrück teilte, während ich eher eine schweizerische Abwehrhaltung einnahm", sagt Katrin Gut-Sembill.

Als Bankkaufmann erlebt Karl-Heinz Binggeli aus aus Laer bei Münster in Nordrhein-Westfalen vermehrt, dass Kunden, aber auch Bekannte, jetzt Fragezeichen hinter die Ehrlichkeit des Schweizer Steuersystems gesetzt hätten. Die Vorfahren des 57-Jährigenhatten vor drei Generationen das Schwarzenburgerland im Kanton Bern Richtung Deutschland verlassen.

Franziska Lochmann fasst zusammen: "Das Image von uns Schweizern als Menschen hat nicht gelitten, wir haben immer noch die volle Sympathie. Aber es gibt in Deutschland ein Bröseln des Vertrauens in das Bankensystem oder in die Politik der Schweiz."

"Günstige Botschafter"

"Wie stehen sie zur Rolle als Botschafter der Schweiz in der Welt, wie sie den Vertretern der Fünften Schweiz gern zuschrieben wird, gerade auch von Bundesbern?

Die Vier nehmen sie mit Überzeugung an, wenn auch aus unterschiedlicher Warte. Schweizer repräsentierten in Deutschland permanent eine Art Botschafter, sagt Albert Küng. "Wir sind stets als Schweizer erkennbar, meist schon nur an der Sprache. Zudem sind wir auch günstige Botschafter, das muss man auch sagen!", bemerkt er und lacht.

Aber diese Rolle allein reiche nicht. "Es muss immer ein Zusammenspiel sein zwischen den Schweizern vor Ort, den institutionellen Vertretern der Schweiz in den jeweiligen Ländern und der Schweizer Regierung in Bern.

Katrin Gut-Sembill nimmt ihre Botschafter-Rolle "auch mit Stolz" wahr.

Oft erlebe sie, dass in Deutschland der Begriff Ausländer in erster Linie im Zusammenhang mit Menschen falle, die nicht Deutsch sprächen und nicht gebildet seien. Sie möchte insbesondere dazu beitragen, zu zeigen, dass die Realität viel "facettenreicher" ist.

Seit fünf Jahren organisiert Gut-Sembill an ihrem Wohnort auch Aufenthalte für französischsprachige Kinder aus dem Kanton Freiburg. "Sie gehen in Bamberg zur Schule und leben in Gastfamilien. Dabei ist mir wichtig, dass sich die Kinder wie Botschafter benehmen, was hervorragend klappt."

Unterschiede im Fokus 

Auch Franziska Lochmann, deren Verhältnis zur Schweiz und ihrer Position im heutigen krisengeschüttelten Europa aus der süddeutschen Distanz etwas kritischer geworden ist, nimmt die Rolle explizit für sich in Anspruch. Indem sie auf existierende kulturelle Unterschiede fokussiere, könne sie manches Aha-Erlebnis auslösen, sagt die Kommunikations-Expertin.

"Wir sprechen zwar hüben und drüben dieselbe Sprache. Im süddeutschen Raum, wo wir leben, lebt die grenzüberschreitende Zusammenarbeit davon, dass man sich versteht", so Lochmann.

Trotzdem gebe es grosse kulturelle Unterschiede, die im täglichen Leben zu Missverständnissen führen könnten, im Beruflichen wie im Privaten. "Es kann zu Situationen kommen im Stil von 'Nein, das hab ich damit überhaupt nicht gemeint', und das, obwohl auch mein Mann Mundart spricht", erzählt sie.

Karl-Heinz Binggeli sieht sich selbst "nur bedingt" als klassische Auslandschweizer-Botschafter, weil man ihm von der Sprache her nicht nachsagen könne, dass er Schweizer sei. "Aber im Gespräch stehe ich dazu und verkörpere viele Dinge, die man mit der Schweiz verbindet wie Neutralität, Ehrlichkeit und Korrektheit."

Wenn die Wurzeln um die Ecke liegen 

Binggeliist der einzige des Quartetts, der in Deutschland geboren wurde. Obwohl er die Heimat seiner Vorfahren nie besucht und dort auch keine Verwandten mehr hat, ist er alles andere als ein "Papier-Schweizer". Den Kontakt zu seinen Landsleuten hat er vor 30 Jahren quasi vor der Haustür, nämlich im Verein Schweizer Treffen Münster, gesucht und gefunden. Seit 15 Jahren ist Binggeli Präsident des Vereins.

In der ASO-Deutschland bekleidet Bankkaufmann Binggeli zudem seit elf Jahren das Amt des Kassiers. Die richtigen Leute am richtigen Platz, das gilt auch in der ASO.

ASO Deutschland

Die 64. Jahreskonferenz der ASO Deutschland fand vom 17. bis 20. Mai in Kassel statt.

Geleitet wurde die Tagung von Elisabeth Michel, Präsidentin der Auslandschweizer-Organisation Deutschland und Vizepräsidentin der Dachorganisation ASO in Bern.

In Deutschland existieren 43 Auslandschweizer-Vereine mit rund 3600 Mitgliedern.

Insgesamt leben in Deutschland rund 76'000 Auslandschweizer, zwei Drittel davon sind Doppelbürger.

Damit ist Deutschland nach Frankreich, wo über 180'000 Auslandschweizer leben, das Land mit der zweitgrössten Auslandschweizer-Gemeinde.

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Im Brennpunkt

An der Jahrestagung der ASO-Deutschland in Kassel sprachen u.a. ASO-Direktor Rudolf Wyder, ASO-Vizepräsident und Ex-Nationalrat Remo Gysin und Tim Guldimann, der Botschafter der Schweiz in Berlin.

Themen waren auch das neue Steuerabkommen und die Erbschaftssteuer-Initiative und deren Folgen für Auslandschweizer in Deutschland.

Steuerabkommen: 

"Schweizer, die in Deutschland wohnen, sind deutsche Steuerbürger. Auf ihre Staatsangehörigkeit kommt es nicht an. Das verkennen manche Schweizer Bürger, wenn sie Erbschaften, die sie in der Schweiz gemacht haben, dem deutschen Finanzamt nicht melden", sagte Honorarkonsul und Rechtsanwalt Gerhard Lochmann. Das Gleiche gelte für Zins- oder Mieteinnahmen in der Schweiz, die dort versteuert würden. "Sie müssen in Deutschland ebenfalls versteuert werden, wobei es bei den Mieten zu einer Anrechnung der Schweizer Steuer kommt."

Gerhard Lochmann: "Sind solche Fehler in der Vergangenheit gemacht worden, werden Schweizer mit Wohnsitz in Deutschland im Steuerabkommen wie deutsche Bürger behandelt. Es handelt sich aus deutscher Sicht um Schwarzgeld." Nicht tricksen, sondern reinen Tisch machen, empfiehlt Lochmann.

Er erinnerte daran, dass bei Auflösung von Konten in der Schweiz beim Grenzübertritt maximal 10'000 Euro pro Person auf sich getragen werden dürfe, den Inhalt der Geldbörse eingerechnet. Höhere Beträge müssten deklariert werden.

Erbschaftssteuer-Initiative: Lochmann wies darauf hin, dass wer in der Schweiz erbe, aber in Deutschland Wohnsitz habe, dort auch sämtliche Steuerpflichten zu erledigen habe.

"Wer Mieteinnahmen aus einem in der Schweiz geerbten Haus in der Schweiz versteuert, muss diese auch in Deutschland versteuern", so Lochmann. In der Schweiz geleistete Steuern könnten dann abgezogen werden.

Nötigenfalls empfiehlt der Experte auch in diesem Punkt die Nachdeklaration mittels Selbstanzeige.

Die Regelung sei deshalb so umständlich, weil der  Mustervertrag der OECD für die Schweiz nicht gilt. Die Richtlinie besagt, dass Mieteinnahmen in jenem Land versteuert werden müssen, wo sie anfallen.

Hohe Gebühren für Konten von Auslandschweizern auf Banken in der Schweiz:

Banken, Bundesrat und Behörden seien bisher trotz ASO-Demarchen untätig, wurde in Kassel festgehalten.

Botschafter Tim Guldimann forderte die Teilnehmenden auf, ihm den Auftrag zu erteilen, mit einem Brief beim Präsidenten der Schweizerischen Bankier-Vereinigung nachzuhaken.

Darin werde er eine Antwort bis zur ASO-Tagung vom 18. August in Lausanne verlangen, "die wir dann publizieren werden." Für sein Angebot erntete Guldimann grossen Applaus.

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swissinfo.ch


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