Unsere Honorarkonsulin in Hawaii: «Anderen Menschen helfen ist sehr befriedigend»
Ihr freiwilliges Engagement reicht von der Unterstützung verunfallter Sprachstudierender bis hin zur Krisenhilfe nach verheerenden Waldbränden. Theres Ryf Desai ist als Honorarkonsulin der Schweiz die erste Ansprechperson im Inselparadies Hawaii.
Es ist nicht ganz einfach, von der Schweiz aus mit jemandem aus Hawaii ein Telefongespräch zu führen. Ich rufe Theres Ryf Desai an einem Donnerstagmorgen um 8 Uhr morgens an. Auf der Hauptinsel Oahu, wo sie lebt, ist es noch Mittwochabend, aber bereits 21 Uhr abends.
Seit 36 Jahren lebt die Bernerin, die an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) Architektur studiert und lange auf dem Beruf gearbeitet hat, bereits in Hawaii. Dort ist die 64-Jährige jetzt in der Rückzugphase aus dem Immobiliengeschäft.
Ryf Desai engagiert sich seit 15 Jahren ehrenamtlich auch als Honorarkonsulin für die Schweiz. «Ich helfe gerne Menschen, das ist sehr befriedigend. Zudem gebe ich meinem Land gerne etwas zurück, von dem ich eine hervorragende Ausbildung kostenlos erhalten habe. Das weiss ich heute, als Auslandschweizerin, erst recht zu schätzen», sagt sie.
Als sie vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) für das Ehrenamt angefragt wurde, musste sie erstmal zurückfragen, was Honorarkonsuln denn überhaupt machen.
«Ich kannte zwar Niklaus SchweizerExterner Link, meinen Vorgänger, der das Amt 38 Jahre lang innehatte, bis er die Altersgrenze erreichte. Aber ich hatte keine Vorstellung von dieser Tätigkeit.»
Bis sie Ende 2009 schliesslich ihr Mandat erhielt, verging einige Zeit: Der gesamte Prozess mit Bewerbungen, persönlichen Interviews und der Bestätigung durch die Botschaft, die Schweiz und das US-Aussenministerium habe fast ein Jahr gedauert, erzählt sie. «Die Akzeptanz durch das US-Aussenministerium ist dabei keineswegs ein Automatismus.»
Ein Engagement zwischen Null und mehreren hundert Prozent
Der Alltag als Honorarkonsulin ist herausfordernd. «Ich dachte, ich hätte schon alles gesehen, aber es gibt immer wieder etwas Neues. Es ist unglaublich, was in den letzten 15 Jahren alles passiert ist, seien es Unfälle von Touristinnen und Touristen oder soziale Probleme von hier lebenden Schweizerinnen und Schweizern.»
Viele Besuchende aus der Schweiz kommen für einen Sprachaufenthalt auf die Inselgruppe Hawaii, den 50. und südlichsten US-Bundesstaat.
Ryf Desai zitiert dabei eine Liste, auf der die Schweiz mit 6,6% der internationalen Studierenden in Hawaii hinter Japan, Südkorea, den Philippinen und China auf Platz fünf steht. «Die kleine Schweiz, das ist sehr interessant!»
Die meisten von ihnen kommen allerdings nur für drei Monate zum Englischlernen ins tropische Paradies.
Dabei scheinen einige recht risikofreudig zu sein, denn die Honorarkonsulin musste schon mehrmals verletzten jungen Menschen bei der sicheren Heimreise in die Schweiz helfen.
Ihre Einsatzzeit kann sie nicht genau beziffern, das komme stark auf die einzelnen Fälle an, mit denen sie konfrontiert ist. «Es variiert extrem, von null bis zu mehreren hundert Prozent pro Woche», sagt sie.
Monatelang im Einsatz für Solar Impulse
Eine intensive Zeit war etwa die erwartete Ankunft des Schweizer Solarflugzeugs Solar Impulse, das in Hawaii zwischenlandete und von Juli 2015 bis April 2016 dort auf den Weiterflug wartete.
«Sie mussten für den Flug von Japan nach Hawaii fünf Tage klares Wetter haben. Die angekündigte Landung war Mitte Mai, aber sie sind schliesslich erst am 3. Juli hier gelandet.»
Ryf Desai organisierte Veranstaltungen, die wegen der sich verändernden Wetterbedingungen und technischen Problemen mit den Batterien des Flugzeugs kurzfristig immer wieder abgesagt oder verschoben werden mussten.
«Das war so viel Arbeit. Und wir mussten alles immer wieder umplanen, das war nicht einfach, denn es waren grosse Veranstaltungen.»
Ein weiteres Beispiel ihres Engagements sind die verheerenden Waldbrände, die 2023 den Küstenort Lahaina auf Maui verwüsteten.
Da musste sie Schweizer Touristinnen und Touristen telefonisch mit Ratschlägen zur Seite stehen, etwa beim Beschaffen von Reisedokumenten, weil ihnen der Rückweg zu ihren Hotels versperrt war, oder indem sie Hinweise gab, wo sie eine Ersatzunterkunft finden könnten.
Als Honorarkonsulin liegt Ryf Desai aber auch am Herzen, die Schweizer Gemeinschaft in Hawaii mit ihren etwa 840 Mitgliedern durch die «Swiss Society»Externer Link zusammenzuhalten, die etwa 70 Mitglieder hat.
«Leider kommen nicht alle zu den Veranstaltungen. Das ist schade. Wir machen dort viele abwechslungsreiche, spannende Aktivitäten.»
Ryf Desai ist im bernischen Langenthal aufgewachsen und zog bereits mit 28 Jahren nach Hawaii, wo sie mit ihrem Mann, der auch Architekt ist, eine Familie gründete.
Jetzt kommt das Babysitten hinzu
Neben ihrem Job und der konsularischen Tätigkeit bleibt ihr aber nicht immer Zeit für Familie und Hobbys. Kürzlich wurde sie Grossmutter, ihr Sohn lebt mit seiner Frau ebenfalls auf Hawaii. «Jetzt kommt noch Babysitten dazu», sagt sie.
Ihre Tochter hingegen lebt nach einem Studium an der Hotelfachschule in Lausanne bereits seit zehn Jahren in der Schweiz.
Die Honorarkonsulin muss das Gespräch kurz unterbrechen: Im Haus wurde es zu heiss, und sie muss den Deckenventilator einschalten. Zurück am Computer kommt sie auf ihre Hobbys zu sprechen.
In ihrer Freizeit kann sie ihre Kenntnisse als Architektin ausspielen: Sie engagiert sich – ebenfalls ehrenamtlich – in einem ArchitekturmuseumExterner Link, das in einem modernen Haus des berühmten Architekten Vladimir Ossipoff aus der Mitte des Jahrhunderts untergebracht ist. Sie macht dort Führungen und hält Vorträge. Das liegt ihr – ihre erste Berufung war Primarlehrerin.
Im Frühling 2025 engagierte sie sich auch kulturell für die Schweiz: «In Honolulu organsiserte ich gemeinsam mit einem lokalen Architekten die Ausstellung ‘Art of Design: Swiss Posters 1950–2022’, die dem Schweizer Grafikdesign gewidmet war und sehr erfolgreich war.»
Vorsteherin im Konsularischem Korps von Hawaii
Daneben engagiert sich die Schweizer Honorarkonsulin im Konsularischem Korps von Hawaii, in dem 37 Länder vertreten sind. Seit sechs Jahren ist sie dort im Vorstand – und dieses Jahr wird sie sogar als Vorsteherin (Deacon) dieses Korps amten.
«Das ist eine grosse Sache, da wir als Gruppe ähnliche Probleme angehen können», sagt sie. Dazu gehören etwa die verschärften Einreisebedingungen in die USA, die besonders Touristinnen und Touristen betrifft, die bei der Einreise etwas unbedacht antworten.
«Ich bin sehr froh, dass dies bisher niemandem aus der Schweiz passiert ist, aber ich weiss von Menschen aus Dänemark, Deutschland, Australien und vielen aus Frankreich.»
Diese Touristinnen und Touristen würden bis zur Abschiebung in eine Bundeshaftanstalt (Federal Detention Center) gebracht. «Sie müssen sich einer Leibesvisitation unterziehen, Gefangenenanzüge anziehen und so weiter. Es ist eine äusserst schwierige Situation», sagt sie.
Nun konnten sie sich als Einheit des Konsularischen Korps mit dem Gouverneur treffen und ihm klarmachen, dass diese Menschen oft nur versehentlich falsche Angaben zu Telearbeit oder Freiwilligendiensten auf Farmen gemacht hätten und deswegen keine Kriminellen seien.
«Gerade hatten wir ein weiteres Treffen mit dem Flughafen. Nun bauen sie eine Einrichtung, um diese Art von Reisenden über Nacht, ein oder zwei Tage oder wie lange auch immer es dauert, unterzubringen, bis sie in ihr Land zurückkehren können. Denn offiziell dürfen sie nicht einreisen und nicht in einem Hotel übernachten», sagt sie.
Ans Aufhören denkt Ryf Desai noch nicht. Die Altersgrenze von Honorarkonsuln liegt bei 70 Jahren. Ihr Mandat läuft noch zwei weitere Jahre, «und ich werde danach entscheiden, wie es weitergeht». Die Freiwilligenarbeit wird der Schweizer Honorarkonsulin in Hawaii also auf absehbare Zeit nicht ausgehen.
Editiert von Balz Rigendinger
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