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F-35: Grosse Fragezeichen hinter dem "Ferrari der Lüfte"

Wunderflieger oder Milliardengrab? Die Wahrheit über das US-Kampfflugzeug F-35 dürfte irgendwo in der Mitte liegen. Keystone / Yonhap

Der amerikanische Hightech-Flieger gehört zu den vier Kandidaten, welche die Schweiz für die Erneuerung ihrer Luftstreitkräfte prüft. In Washington jedoch war die F-35 in den letzten Monaten Gegenstand heftigster Kontroversen. Ungute Vorzeichen für den  Evaluationsprozess der Schweiz?

Dieser Inhalt wurde am 20. April 2021 - 11:45 publiziert
Alexis Rapin, Montréal

Für viele ist es der "Ferrari der Lüfte": Tarnkappenartig, extrem hoch entwickelt und für ein vielseitiges Einsatzspektrum konzipiert, ist das amerikanische Kampfflugzeug F-35 Lightning II von Lockheed Martin der Traum einer jeden Luftwaffe. Eigentlich.

Die Schweiz ist da keine Ausnahme: Nach der Abstimmung vom 27. September 2020 mit dem knappen Ja zum Kredit von sechs Milliarden Franken für neue Kampfflieger hat Bern ernsthaft die F-35 im Visier, zusammen mit der Rafale von Dassault, dem Eurofighter von Airbus sowie der Super Hornet von Boeing, einem weiteren US-Hersteller.

Jenseits des Atlantiks hingegen steht die F-35 seit Anfang Jahr heftig unter Beschuss. So gebe es bei der definitiven Betriebsbereitschaft der Flugzeuge erhebliche Verzögerungen, die F-35 leide noch an zahlreichen technischen Mängeln und weise zudem bereits erste Alterserscheinungen auf.

Christopher Miller, ehemaliger Verteidigungsminister unter Donald Trump, nannte das Gerät Mitte Januar, als er aus dem Amt schied, nichts weniger als ein "Stück Scheisse".

Kette von Problemen

Luftfahrtexperten und -expertinnen wissen: Es ist nicht das erste Mal, dass die F-35 in Kritik geraten ist. Bekannt als das teuerste Waffenprojekt in der Geschichte der USA – die Kosten betrugen fast 1400 Milliarden Franken –, hat die F-35 ab dem Planstadium einen Rückschlag nach dem anderen erlitten.

2016 beschrieb der einflussreiche republikanische Senator John McCain gegenüber CNN das Programm als "sowohl einen Skandal als auch eine Tragödie in Bezug auf Kosten, Zeitplan und Leistung".Externer Link

Die F-35, die seit einigen Jahren im Einsatz ist und bereits in Dienst von acht Ländern steht, wird inzwischen zwar auch im Kampf eingesetzt. Aber der Flieger weist immer noch eine Reihe von Mängeln auf.

Mitte Januar zog der oberste Waffentester der US-Regierung eine wenig schmeichelhafte Bilanz: In seinem Jahresbericht an den Kongress listete er fast 900 technische Mängel der F-35 auf. Das waren fast auf den Punkt genau gleich viele wie im Jahr zuvor. Zwar sind die meisten dieser Fehler unbedeutend.

Aber mindestens zehn fallen unter Kategorie 1. Das sind Fehler, die "den Tod oder schwere Verletzungen verursachen, zum Verlust oder zu grösseren Schäden an einem Waffensystem führen oder die Kampffähigkeit der Kampforganisation kritisch einschränken könnten".

Verzweiflung in Washington

Im Februar gabs eine weitere kalte Dusche für den angeblichen Wunderflieger. Die US-Luftwaffe gab bekannt, dass sie frühe Verschleisserscheinungen an den Pratt & Whitney-Triebwerken beobachtet, mit denen die F-35 ausgestattet ist. Damit verbunden war die Drohung, einen Teil der Flotte bis 2022 am Boden zu halten.

Einen Monat später meldete der US-Rechnungshof weitere Verzögerungen und Kostenüberschreitungen. Ins Gewicht fiel hier insbesondere die fehlende Onboard-Software.

Anfang März bezeichnete Adam Smith, der Vorsitzende des Kontrollausschusses über die Streitkräfte, die F-35 als "Fass ohne Boden" und forderte die Einstellung weiterer FinanzierungenExterner Link. Der Ausschuss würde eine Reduktion der bestellten Flugzeuge für die US-Streitkräfte in Erwägung ziehen, so Smith.

"Der Kauf eines Kampfflugzeugs basiert auf komplexen Faktoren. Technologie und Leistung spielen natürlich eine Rolle, aber die politischen Aspekte sind viel wichtiger."

Joseph Henrotin, Flugabwehr-Experte

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Primär eine politische Entscheidung

In Bern steht die Wahl für das zukünftige Prunkstück am Schweizer Himmel unmittelbar bevor, soll doch der Entscheid bis Juni bekannt gegeben werden. Kompromittieren die nicht enden wollenden US-Kontroversen die Chancen des US-Fliegers in der Schweiz?

Die F-35 bringe bereits auf dem Papier etwas mit, das die Schweiz abschrecken könnte, sagt Joseph Henrotin, belgischer Politikwissenschaftler und Experte beim französischen Magazin Défense & Sécurité Internationale.

"Aus Sicht des Luft-Luft-Kampfes ist das Flugzeug optimiert, um ein System mit fortschrittlichen Erfassungsgeräten zu integrieren, über das die Schweiz aber nicht verfügt." Dazu komme ein weiterer, gravierender Nachteil: "Bei den für die Schweizer Luftwaffe typischen Luftpolizeieinsätzen, also auf kurzen Distanzen, ist das Flugzeug für sein Gewicht untermotorisiert und relativ schwerfällig manövrierbar," sagt Henrotin.

Die Frage aber ist eine völlig andere, nämlich, ob Bern die Fähigkeiten des Flugzeugs überhaupt zum entscheidenden Auswahlkriterium macht. "Der Kauf eines Kampfflugzeugs basiert auf komplexen Faktoren", sagt Henrotin.

"Technologie und Leistung sind natürlich wichtig, aber viel wichtiger sind die politischen Aspekte, sei es die Einbindung der lokalen Industrie oder das politische Gewicht des Verkäufers auf der internationalen Bühne." Ein Staat, der die F-35 kaufe, begebe sich damit auch etwas unter die Fittiche der amerikanischen Macht.

Vorsicht vor versteckten Kosten

Der US-Hersteller Lockheed Martin rühmt sich gegenüber den Schweizer Prüfern, dass die F-35 die Konkurrenz auch beim Kaufpreis in den Schatten stelle.

Das Angebot von Lockheed Martin ist tatsächlich das einzige, das den von Bern vorgegebenen Budgetrahmen von sechs Milliarden Franken einhält. Die jüngsten Kontroversen in Washington sind jedoch ein deutlicher Fingerzeig, dass die F-35 ein "work in progress" ist, das immer noch weitere Feinarbeiten benötigt, um alle seine Aufgaben erfüllen zu können.

Über den Zeitrahmen und die Kosten für die erforderliche Nachrüstung der Flugzeuge bestehen also erhebliche Unsicherheiten. In Grossbritannien koste die Aufrüstung der F-35 auf das Onboard-Betriebssystem, wie es auch die Schweiz benötige, zusätzlich 28 Millionen Franken pro Flugzeug, sagt Henrotin.

Dies sind aber nicht die einzigen versteckten Kosten, die bei der F-35 anfallen: Diese ist nämlich ein fliegender Computer, der sich auf eine hochentwickelte Onboard-Software stützt, die der Käufer von Lockheed Martin leasen muss. "Das bedeutet, dass der Käufer den Leasingkosten ausgeliefert ist, und diese kann der Hersteller ändern," warnt Henrotin.

Neutralität in Frage gestellt

Im Schweizer Parlament sind zudem einige Volksvertreterinnen und -vertreter besorgt, dass sich die Schweiz mit der F-35 in zu starke Abhängigkeit von Washington begeben würde. So verlangte die linke Nationalrätin Franziska Roth im Juni 2020 von der Regierung Auskunft Externer Linküber die Risiken, die mit der fortschrittlichen Technologie des Flugzeugs verbunden seien. Insbesondere fragte sie nach dem ALIS-System, "das ständig Flugdaten sammelt und zur Analyse in die Vereinigten Staaten schickt".

"Was passiert, wenn die Internetverbindung zwischen der Schweizer F-35 und der ALIS-Einheit in den USA gestört ist?" fragte die Politikerin. Und: Wie begrenze die Schweiz das Risiko, dass die USA über ALIS Schadsoftware in eine Schweizer F-35 einschleusen könnten, falls das Land die Gunst Washingtons verlieren würde?

Science Fiction? Nicht für Joseph Henrotin. "Für viele Funktionen, einschliesslich des Fluges selbst, ist der Käufer auf das Wohlwollen der Vereinigten Staaten und auf deren Fähigkeiten angewiesen, ihre Server und Netzwerke zu schützen", sagt der belgische Experte. "Die F-35 bedeutet für die Schweiz die De-Facto-Aufgabe ihrer Neutralität in der Luft."

(Übertragung aus dem Französischen: Renat Kuenzi)

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