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Risse, Trümmer, Angst: Schwerstes Beben seit 40 Jahren bei Neapel

Keystone-SDA

Staubwolken steigen über den steilen Klippen an der Küste auf, Gestein löst sich. In den Strassen liegen herabgestürzte Mauerteile und Putz auf dem Asphalt, Trümmer haben Autos beschädigt. An zahlreichen Gebäuden ziehen sich Risse durch die Wände. Eine heftige Erdbebenserie mit Dutzenden Stössen hat das Gebiet rund um die süditalienische Grossstadt Neapel und die Phlegräischen Felder erschüttert.

(Keystone-SDA) Seit Freitagabend rumorte die Erde in dem Gebiet. Gleich das erste Erdbeben erreichte eine Stärke von 4,7 – das stärkste in dem Gebiet seit rund 40 Jahren. Es folgten bis zum Sonntag mehrere Nachbeben – darunter ein besonders starkes der Stärke 3,8. Das Nationale Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) registrierte insgesamt mehr als hundert weitere schwächere Stösse.

«Es fühlte sich an wie die Apokalypse», sagte Rosella Rolfo, eine Anwohnerin in der stark betroffenen Küstenstadt Pozzuoli, der Zeitung «La Repubblica». Ein anderer Anwohner erklärte: «Das Beben war so stark und anhaltend, dass ich die Wohnungstür nicht einmal öffnen konnte, weil sie klemmte.»

Felsbrocken und Trümmer beschädigen Gebäude und Autos

Die Erde hat sich zwar seit der ersten stärkeren Serie wieder etwas beruhigt, aber Entwarnung wollen die Behörden bisher nicht geben. Italiens Zivilschutzminister Nello Musumeci erklärte: «Der Erdbebenschwarm hält an, daher können weitere Erdstösse einer Stärke von mehr als 3 auftreten.»

Nach Angaben der Behörden wurden 26 Menschen verletzt. Fünf von ihnen werden weiterhin im Krankenhaus behandelt, zwei mit schweren Verletzungen. Lebensgefahr besteht den Angaben zufolge für niemanden. Die Betroffenen erlitten vor allem Prellungen, Knochenbrüche und andere Verletzungen.

Wie bereits bei vergangenen Erdbebenserien in den vergangenen Jahren waren vor allem die Ortschaften rund um die Phlegräischen Felder westlich von Neapel am stärksten betroffen. In Pozzuoli etwa stürzten Mauern und Fassadenteile herab, auch Tuffstein-Hänge gaben den Stössen nach. Felsbrocken und Trümmerteile beschädigten zudem Autos, an Gebäuden entstanden Schäden.

Hunderte Menschen evakuiert

Mehrere Wohnhäuser wurden von den Behörden für unbewohnbar erklärt. Mehr als 300 Menschen mussten entsprechend ihre Wohnungen verlassen und in Notunterkünften die vergangenen Nächte verbringen. Weitere Evakuierungen sind lokalen Medienberichten zufolge nicht ausgeschlossen. «Seit Jahren leben wir so. So kann es nicht weitergehen», klagte eine evakuierte Anwohnerin.

Denn eigentlich sind die immer wiederkehrenden Erdstösse rund um die Phlegräischen Felder für die Menschen in der Gegend nicht neu. Allerdings hat viele der Anwohner die Stärke des ersten Erdbebens am Freitag aufgeschreckt. Es war das stärkste Beben – seit die Aktivität des Bradyseismus wieder zugenommen hat. Dabei handelt es sich um Hebungen und Senkungen des Bodens, die in den Phlegräischen Feldern immer wieder beobachtet werden.

Die Phlegräischen Felder sind ein Gebiet mit hoher vulkanischer Aktivität. Sie werden seit geraumer Zeit von zahlreichen kleinen sowie stärkeren Erdbeben heimgesucht. Sie sind Europas grösster aktiver Supervulkan. Supervulkane zeichnen sich durch eine besonders grosse Magmakammer und enorme Gewalt aus: Anders als gewöhnliche Vulkane explodieren Supervulkane regelrecht.

Expertin nicht überrascht über Rekord-Erdbeben

Die Direktorin der für die Phlegräischen Felder zuständigen Abteilung im Nationale Institut für Geophysik und Vulkanologie, Lucia Pappalardo, bestätigte, dass es sich um das stärkste Erdbeben seit rund 40 Jahren handelte. Überrascht war sie allerdings nicht. «Eigentlich waren wir eher von der relativen Ruhe der letzten Wochen überrascht. Ein Beben dieser Art ist für uns nichts grundlegend Neues», sagte sie «La Repubblica».

Nach den Worten von Pappalardo hängt die jüngste Erdbebenserie mit diesen Hebungen und Senkungen des Bodens der Phlegräischen Feldern zusammen. Sie rechnet deswegen mit weiteren Erschütterungen. «Kurz gesagt, alle Voraussetzungen für anhaltende Erdbeben sind gegeben.» Anzeichen für einen bevorstehenden Ausbruch des Supervulkans gebe es derzeit aber nicht.

Und trotzdem ist es für die Bewohner der Gegend eine schwierige Lage. Vor allem die Ungewissheit, wann das nächste Beben – womöglich noch einmal stärker – kommt, raubt vielen den Schlaf. «Wir leben in ständiger Erwartung eines weiteren Bebens.»

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