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Familie nach über einem Jahrhundert wieder vereint

Jay Grossi (links) und Tony Quinn. swissinfo.ch

Dies ist die Geschichte einer besonderen Wiedervereinigung. Nach rund 125 Jahren sind Mitglieder verschiedener Zweige der Tessiner Familie Dodoni wieder aufeinander gestossen – und zwar in Kalifornien, USA.

Doch das ist nicht alles, was Tony Quinn und Jay Grossi verbindet. Das Interesse für ihre Schweizer Wurzeln hat das Leben beider Männer verändert.

Vor 30 Jahren hatte Jay das Heimatland seiner Grosseltern besucht. Dieser Besuch weckte das Interesse für eine Sprache, die er nicht kannte. «Also lernte ich Italienisch, studierte schliesslich italienische Literatur. Und heute lehre ich Italienisch», lacht Jay, Dozent an der University of California in Davis.

Und Tony, ein kalifornischer Polit-Analyst, wurde durch sein Verlangen, die eigene Herkunft besser zu verstehen, zum Experten in Ahnenforschung.

Bilder an der Wand

Porträts von Tonys Vorfahren und andere Bilder aus der Geschichte seiner Familie zieren die Wände im Haus des früheren Beraters der Republikanischen Partei in Sacramento. Fast verschwinden darob die ein, zwei Fotos, die Tony mit George Bush (Senior) zeigen.

«Du kamst eines Tages mit Deinem Stammbaum zu mir, und dabei stiessen wir auf einen Namen, der auch in meinem auftaucht», sagt Tony zu Jay. Dieser nickt zustimmend, als wir uns in Tonys Wohnzimmer hinsetzen, um über die Passion der beiden Männer zu sprechen.

Tony hatte vor Jahren den Anstoss zum ersten Treffen gegeben: Er rief Jay an, als er gehört hatte, dieser halte eine Vorlesung über italienischsprachige Schweizer.

Richtige Zutaten

In Jays Erinnerung war es bei dem Vortrag um die Küche der italienischen Region Apulien gegangen. Er war für einen Kollegen eingesprungen, der verhindert war.

So stand vielleicht die «falsche» Vorlesung auf dem Menu, aber es waren die richtigen Zutaten, die entfernten Cousins zusammen zu bringen. Es wurde der Anfang einer fruchtbaren Beziehung.

Der heute pensionierte Tony hat die Zeit, sich mit seiner Schweizer Herkunft zu befassen, und Jay hilft als Übersetzer oder Dolmetscher, wann immer er kann.

«Jay war sehr hilfreich, wenn es um Interpretationen ging, vor allem bei Aussagen der älteren Leute aus dem Dorf «, erklärt Tony, als er über seine Besuche in der Heimat der Vorfahren spricht.

«Viele dachten, ich könne Italienisch und erzählten mir teils ausführliche Geschichten. Sie ahnten nicht, dass ich kein Wort verstand.»

Grosser Stammbaum

Tony revanchierte sich bei Jay, indem er einige der fehlenden Informationen zu dessen Vorfahren ausfindig machte. Während unserem Gespräch faltet Tony ein etwa 2,4 auf 1,2 Meter grosses Poster mit seinem Stammbaum auf.

Dank ihrer Ahnenforschung haben die beiden viel über die Heimat ihrer Vorfahren gelernt, Vergangenes und Gegenwärtiges. Die Beschäftigung mit ihren Wurzeln half ihnen auch, Erfahrungen von Immigranten besser zu verstehen.

«Ich würde für mein Land sterben» – und damit habe er Amerika gemeint, sagt Jay über seinen Grossvater Plinio Grossi, der sich in Vallejo niedergelassen hatte, wo er 40 Jahre als Milchmann arbeitete.

Grossvater, der Realist

Sein Grossvater sei ein Realist gewesen, der kaum je sentimental über das verarmte Land gesprochen habe, dass er verlassen hatte.

Die Salminas, Vorfahren von Tony, wurden erfolgreiche Winzer im Napa Valley. Sie hielten den Kontakt zur Familie in der alten Heimat durch regelmässige Korrespondenz aufrecht.

«Meine Mutter und meine Grosstante bewahrten die Postkarten auf, die sie von ihren Verwandten erhielten. So habe ich etwa Karten von Ostern 1910, all dies wurde aufbewahrt für die nächste Generation», sagt Tony.

Familienbande

Nach Ansicht von Tony war es dieser regelmässige Kontakt, durch den sich seine Schweizer Vorfahren von jenen auf seiner englischen und irischen Seite unterschieden.

«Die Iren waren Pachtbauern, sie besassen nichts Eigenes», erklärt er. «Meine Schweizer Vorfahren hatten in der alten Heimat etwas zurückgelassen, ein kleines Haus, einen kleinen Weinberg, etwas Land, vielleicht ein paar Ziegen – und sie fühlten sich verpflichtet, Geld zurückzuschicken, um ihre Familien zu unterstützen. Als ich 1970 zum ersten Mal dorthin reiste, gab mir einer meiner Cousins Geld mit, als Rückerstattung an eine Cousine meiner Grossmutter. Eine seltsame Erfahrung.»

Nachdem sie sich nun rund 10 Jahre mit allen möglichen Verzweigungen ihrer Stammbäume befasst hatten, sind Tony und Jay erpicht darauf, herauszufinden, wo die Grossis, Salminas – und die Dodonis – ursprünglich herkamen.

«Ich möchte einen Blick werfen auf die Geschichte vor 2000 Jahren», sagt Jay. «In Gudo, wo meine Grosseltern herkamen, wurden über 300 Gräber aus der Eisen- und Bronzezeit gefunden, als der Fluss Ticino kanalisiert wurde.»

DNS-Projekt

«Ich bin involviert in ein internationales DNS-Projekt, das sich mit einer meiner englischen Abstammungslinien befasst», sagt Tony. «Alle Männer haben in ihrer DNS Marker ihrer männlichen Vorfahren. So kann man herausfinden, wer die Vorfahren vor 2000 Jahren waren. Ich bin gespannt darauf, woher meine Tessiner Vorfahren kamen.»

So stelle sich etwa die Frage, ob Jay Grossis Familie in Lavertezzo um 1600 nahe verwandt war mit der Familie Grossi, die um dieselbe Zeit in Monte Carasso lebte.

«Und wer war nochmals 1000 Jahre früher dort?»

Dale Bechtel in Sacramento, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch)

1848 wurde auf den Ländereien des Deutschschweizer Einwanderers John Sutter in Kalifornien das erste Gold gefunden. Der Goldrausch lockte darauf Hunderttausende aus aller Welt nach Kalifornien.

Doch es war nicht nur das Gold, das Kalifornien zum Magneten für Einwanderer aus Asien und Europa, darunter viele Tessiner, machte.

Liberale Gesetze wie das Heimstätten-Gesetz von 1862 vereinfachten den Kauf von Land. Bewässerung und neue Kornsorten trugen zum Wachstum der Landwirtschaft bei. Einwanderungs-Agenturen priesen Kalifornien für seine tiefen Bodenpreise, die fruchtbare Erde, das reichlich vorhandene Wasser, die ausgedehnten Wachstumsperioden und das gute Klima an.

Während bis 1880 nur ein paar Tausend Tessiner nach Kalifornien gekommen waren, verzehnfachte sich die Anzahl in den nächsten paar Jahrzehnten, unter anderem auch wegen der Bahn-Verbindung, die Mitte der 1880er-Jahre fertig erstellt wurde.

Die meisten italienischsprachigen Schweizer Siedler liessen sich in und um San Francisco, dem Küstengebirge (Coast Ranges) und im Central Valley nieder, dem fruchtbaren Längstal zwischen der Sierra Nevada und dem Küstengebirge. Viele begannen ihr neues Leben als Arbeiter, oft als Knechte auf Farmen, die Tessinern gehörten, die vor ihnen nach Kalifornien gekommen waren.

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