Im Jenseits mit Kurt Cobain: Schweizer Filmemacher-Duo begeistert am Rotterdam Film Festival
«First Days» gelingt das Kunststück, mit einem hochkonzeptionellen Experimentalfilm ein breites Publikum anzusprechen. Swissinfo sprach mit den beiden Regisseuren Kim Allamand und Michael Karrer direkt nach der Premiere am Rotterdam Film Festival.
Gus Van Sants «Last Days» (2005) endet damit, dass die Kurt Cobain nachempfundene Figur die Verstrickungen des Irdischen verlässt. Nach dem Freitod der Grunge-Ikone scheint sich ihr Geist aus dem fleischlichen Körper zu lösen und in Sphären zu entschwinden, die der Kamera stets verborgen bleiben werden.
Die tief bewegende Darstellung, wie sich die Rocklegende ins Jenseits vorwagt, inspirierte die Schweizer Filmemacher Kim Allamand und Michael Karrer zu ihrem experimentellen Spielfilm «First Days», der nach einer erfolgreichen Weltpremiere auf dem Internationalen Filmfestival Rotterdam (IFFR) nun in die Kinos kommt.
«Wir fanden das Ende von ‘Last Days’ einen guten Ausgangspunkt für unseren Film», erinnert sich Allamand im Zoom-Call, den wir mit ihm und Karrer gemeinsam führen.
«Wir wollten die ersten Tage der Geister im Jenseits zeigen. Da bot sich ein Verweis auf van Sant als Einstieg in unseren Film förmlich an. Als wir seinen Film sahen, fragten wir uns: Wo geht dieser Geist hin?»
Die Verwandlung
Doch bevor nun Nirvana-Fans in Scharen in die Kinos pilgern, um ihr Rockidol endlich wieder auf der Leinwand zu sehen, sei darauf hingewiesen, dass die Hauptfigur in «First Days» keinerlei physische Ähnlichkeit mit Kurt Cobain aufweist.
Stattdessen treffen sie auf zwei Geister, gespielt von den Tänzerinnen und Bewegungskünstlerinnen Nasheeka Nedsreal und Jia-Yu Corti. Ohne Worte bewegen sie sich durch die Räume eines abgelegenen Landhauses in üppig-grüner Umgebung.
Im metaphysischen Universum des Films erscheint diese unerklärliche Metamorphose absolut stimmig. Ziel der beiden Regisseure war es, das Leben nach dem Tod als Übergangsraum darzustellen, in dem sich unsere Regeln des Daseins auflösen.
Die sanften Bilder und die vielschichtigen Klänge von «First Days»vermitteln dem Publikum das Gefühl eines abstrakten audiovisuellen Gedichts ohne Worte.
Unter vergleichbaren Experimentalfilmen sticht «First Days»heraus, weil einen der Film nicht mit undurchdringlichen Abstraktionsebenen überfordert. Er fängt die kleinsten Bewegungen von Gesichtern, Körpern, Orten und Räumen mit einem Zen-artigen, fast taoistischen Blick ein.
«Dies war der Spannungsbogen, der uns während der gesamten Genese dieses Films begleitete», meint Karrer auf die Frage nach einem Mittelweg zwischen Experiment und Zugänglichkeit.
«Uns gefiel die Idee, die Grenzen des Audiovisuellen weitestmöglich zu verschieben – ohne dabei zu vergessen, dass wir jede Zuschauerin und jeden Zuschauer auf die Reise mitnehmen wollen.»
Laut Allamand waren sich die beiden Filmemacher bis zuletzt vor der IFFR-Premiere nicht sicher, ob ihr Film den Spagat schafft, trotz seines experimentellen Charakters ein grösseres Publikum anzusprechen.
«Die Premiere war dann der Moment der Wahrheit, in dem sich zeigte, ob unsere Ideen funktionierten und unsere Zweifel unberechtigt waren. Zum Glück verlief die Premiere grossartig», so Allamand.
«Wir haben viele herzliche und emotionale Reaktionen erhalten. Von einem Filmemacher, dessen Film ebenfalls auf dem Festival lief, erfuhren wir sogar, dass er wegen ‘First Days’noch geweint hat, als er bereits im Vorführraum des nächsten Films sass! Eine solche Rückmeldung hätten uns nie träumen lassen.»
Zwei Filmverrückte finden sich
Da passt es ganz gut, dass die kreative Zusammenarbeit zwischen Allamand und Karrer mit einem gemeinsamen Traum begann. Kennengelernt haben sich beiden vor über zehn Jahren im Bachelor-Studium an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK).
Gemeinsam fachsimpelten sie über die Perlen des Weltkinos und wühlten sich durch die Filmografien internationaler Filmschaffender wie Apichatpong Weerasethakul und dem verstorbenen Béla Tarr. Eingeweihten Cineastinnen und Cineasten wird in «First Days» sicherlich der freche Verweis auf «Das Turiner Pferd» (2011) in Form einer heissen Kartoffel auffallen.
Sowohl Allamand als auch Karrer hatten sich bereits als aufstrebende Regisseure einen Namen gemacht und begannen dann «ausgehend von all den Filmen, die wir gesehen und besprochen haben, eine gemeinsame Vision zu entwickeln», wie Karrer erläutert.
Laut Allamand war der ursprüngliche Gedanke von «First Days», «gemeinsam einen Film zu machen, und zwar schnell. Kein Warten auf die Finanzierung, kein Verzetteln – einfach mit einem kleinen Team ans Set gehen und einen Film drehen».
Ironischerweise kam das Geld unerwartet über «Fast Track» der Zürcher Filmstiftung. Der Wettbewerb unterstützt aufstrebende Talente, die Filme mit hohem künstlerischen Anspruch realisieren wollen.
Die technische Seite der Geister
In einem wunderschönen, etwas baufälligen Landhaus in einer abgelegenen Gegend Frankreichs fanden Allamand und Karrer den Ort, der für die Geisterwelt von «First Days»als Kulisse dienen sollte. In diesem Landhaus wohnten die Regisseure mit ihrer kleinen Crew und zwei Schauspielerinnen während der etwa zwanzig Drehtage.
«Es war eine Art Schock», erinnert sich Allamand. Plötzlich fand er sich am Set und musste so viel brauchbares Material wie möglich für den Schnitt sammeln, der bald darauf folgen sollte.
«All diese konzeptionellen Vorstellungen über Geister und das Leben nach dem Tod mussten nun sehr technisch und praktisch umgesetzt werden. Wir mussten uns deshalb immer wieder in Erinnerung rufen, dass wir noch gründlicher nach den richtigen Bildern suchen mussten, um wahrhafte tiefe Gefühle und Emotionen zu vermitteln.»
Die Hauptdarstellerinnen Nasheeka Nedsreal und Jia-Yu Corti kommen nicht aus dem traditionellen Film oder dem Theater. Gerade deshalb waren sie für den konzeptionellen und nonverbalen Ansatz von Allamand und Karrer eine Idealbesetzung.
«Zu beobachten, wie es ihnen gelang, mit winzigen Nuancen in ihren Bewegungen viel tiefere Ideen zu vermitteln, war grossartig», sagt Allamand. «Es war für uns fast wie ein Geheimnis, denn eigentlich wir wissen nicht einmal, wie sie sich vorbereiten oder was sie tun.»
«Im Nachhinein waren wir überrascht, wie schnell sie sich unserem Prozess anpassten und Vertrauen in unsere Vision hatten», ergänzt Karrer. «Das war für uns ein grosses Geschenk.»
Reise in eine andere Dimension
Apropos Geschenk: Die einzige Sprache, die im Film verwendet wird, ist ein geheimnisvoller Eröffnungstitel, der wie ein Geschenk an das Publikum wirkt. Er lautet wie folgt:
«So besagt es eine alte Sage: In den ersten Tagen nach dem Tod betritt man ein Haus, in dem keine Worte mehr sind. Von einer Seele erwartet und zu einem Ganzen geführt, wandert man in das Licht, nur um zurückgelassen zu werden. So ist das Haus nie leer, und das Warten hat nie ein Ende.»
Auf die Frage, woher dieses faszinierende Zitat stammt, antworten Karrer und Allamand verschmitzt, dass es ihnen «einfach zugefallen» sei. «Ziemlich sicher gab es das schon vor uns», fügen sie an, ohne das Geheimnis wirklich zu lüften.
Vielleicht macht genau dies «First Days» innerhalb des Schweizer Kinos so unverwechselbar. «Unsere Kultur ist keine Kultur der alten Märchen», bestätigt Allamand.
Den beiden Filmemachern ist gelungen, nur mit Bildern das auszudrücken, was gesprochene Worte – oder anders gesagt: die menschliche Sprache – nicht können. Trotz seines sehr spezifischen Aufhängers ist «First Days» eine universelle Geschichte über Zeit, Raum, Bewegung und Verlust.
Auf einer Metaebene ist es die ungetrübte Reflexion über die Kraft des Kinos selbst, die Karrer und Allamand sehr am Herzen liegt. Oder wie Karrer selbst es ausdrückt: «Wir haben uns immer wieder gesagt, dass das Kino selbst eine kleine Reise in eine andere Dimension ist.»
Editiert von Virginie Mangin und Eduardo Simantob/ac, Übertragung aus dem Englischen: Lorenz Mohler/raf
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